Mittwoch, 28. September 2022
Loslassen - jetzt!

Vom Wunsch, keinen zu haben

Hintergrund | Andreas Rockenbauer | 01.10.2017 | Bilder | |  Archiv

Trotz bester Voraussetzungen hätte ich´s heuer fast verbockt. Einfach vergessen! Man stelle sich das vor. Dabei freue ich mich jedes Jahr bereits Tage vor der Nacht vom 12. auf den 13. August auf das seltene Schauspiel...

Dieses Schauspiel zu verpassen wäre heuer besonders ärgerlich gewesen, weil die vergangenen Jahre die Vorfreude umsonst und die Perseiden-Nächte eine einzige große Enttäuschung waren: Der Himmel von dichten Wolken bedeckt, die Sternschnuppen jagten von mir unbemerkt über das Dunkel des Firmaments.

Für alle, die jetzt ein bisserl ratlos auf diese Worte starren: Einmal im Jahr, zwischen Mitte Juli und Mitte August, kreuzt die Bahn der Erde auf ihrem Weg um die Sonne jene der Perseiden, die nichts anderes sind, als die Staubspur des Kometen P109/Swift Tuttle.

Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn dadurch nicht Sternschnuppen in großer Anzahl am nächtlichen Himmel zu sehen wären, mit ihrem Maximum eben in der Nacht von 12. auf 13. August. Für mich hat dieses Ereignis stets etwas zutiefst Mystisches.

Wie fast jeden Tag des Jahres ging ich auch am 12. August spätabends noch mit Bobby, meinem Labrador-Rüden, über eine große Wiese spazieren und dachte an vieles, nur nicht an die Perseiden.

Zum Glück haben Bobby und ich jedoch ein stilles Agreement: Wenn er sein Geschäft erledigt, schaue ich ihm dabei nicht zu. Erstens, weil er währenddessen eine ziemlich jämmerliche Figur macht (um seine Intimsphäre zu wahren möchte ich hier nicht näher auf seinen dümmlichen Gesichtsausdruck und den seltsamen Katzenbuckel eingehen, die diese offensichtliche Anstrengung begleiten), und zweitens, weil ich es irgendwie komisch fände, ihn anzuglotzen während er … na, Sie wissen schon. Also blicke ich – im Fall des Falles – demonstrativ in die andere Richtung. Oder himmelwärts. So wie am 12. August.

Und da sah ich eine Leuchtspur horizontal über den Nachthimmel jagen, östlich des großen Wagens, enorm lang und sehr hell. Ich stand da mit offenem Mund (wahrscheinlich machte ich in diesem Moment ein ähnlich dummes Gesicht wie Bobby während seiner Darmentleerung) und reckte dann – nach einem Augenblick der Ergriffenheit – meine Arme vor Begeisterung in die Höhe, als hätte ich gerade ein wichtiges Tor geschossen.

Erst mit einiger Verspätung fiel mir ein, dass ich vergessen hatte, mir etwas zu wünschen (nicht, dass ich diesen Aberglauben ernst nähme, aber man kann ja nie wissen). Ich ärgerte mich ein wenig über diese Unterlassung, und nahm mir fest vor, bei der nächstens Sternschnuppe rechtzeitig daran zu denken.

Die kam wenig später einerseits fast erwartungsgemäß, andererseits aber dennoch fast so überraschend wie die erste. Und wieder vergaß ich auf meinen Wunsch. Verdammter Mist! Jetzt war der Ärger schon ein wenig größer. „Konzentier dich, du Trottel”, ermahnte ich mich eindringlich. Also: ganz sicher beim nächsten Mal…

Mein Ärger darüber, abermals die Gelegenheit ausgelassen zu haben, mir (und meiner Familie) Unsterblichkeit, lebenslange Gesundheit (was im Zusammenhang mit Unsterblichkeit nicht zu unterschätzenden Charme hat) und unfassbare Reichtümer ganz ohne Anstrengung zu sichern, war noch nicht verraucht, da drängte sich ein Gedanke vehement in den Vordergrund: War ich da eben drauf und dran, dieses einzigartige Naturschauspiel ganz plump (und blöd) zu instrumentalisieren? Nein, ich war nicht drauf und dran, ich war bereits mittendrin!

Statt mit kindlicher Begeisterung die Bahnen der Sternschnuppen am Himmel zu verfolgen und den einzelnen unwiederbringlichen Augenblick zu genießen, wollte ich sie für einen zweifelhaften Aberglauben nutzen? Echt jetzt? War das nicht die Falle, in die wir Tag für Tag tappen? Möglichst jedes Tun (und Denken) zwanghaft Rationalitätsüberlegungen zu unterwerfen, alles in zählbaren Erfolg zu verwandeln, und damit dem Wert des Augenblicks – gerade durch den untauglichen Versuch, ihm in Zahlen ausdrückbaren Wert zuzuordnen –, ganz und gar nicht gerecht zu werden? Die Gegenwart zwischen Vergangenheit und Zukunft zu einem Nichts zu zerreiben?

In diesem kurzen Moment der Klarheit war mir plötzlich bewusst, dass der größte Wunsch sein muss, keinen zu haben. Einfach immer wieder loszulassen und das zu genießen, was da kommt. Und in dieser Nacht kamen noch sechs weitere Sternschnuppen, bevor sich ein paar Wolken zwischen mich und die Perseiden schoben. Aber das machte mir dann nichts mehr aus. Diese arglose Unmittelbarkeit, der reine Genuss des Augenblicks. Das war schön! Es erleichterte mich, es machte mich frei, das Spektakel auf diese Art, voll kindlicher Begeisterung, zu genießen.

Mir tun Menschen leid, die nicht staunen können, die keine Begeisterung spüren, sich niemals treiben lassen können. Die glauben, immer rational, cool und beherrscht sein zu müssen und nicht merken, dass sie es gerade deshalb irgendwie gar nicht sind.

Bilder
Foto: Carsten Przygoda/pixelio.de
Foto: Carsten Przygoda/pixelio.de
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