Freitag, 7. Oktober 2022
Geschichten vom Nachtkastel – Teil 6

Vom Schmökern und Genießen

Hintergrund | Andreas Rockenbauer | 25.02.2018 | |  Archiv

„Kaum zu glauben, wie rasch die Zeit vergeht...” Das hätte ich jetzt fast geschrieben, wäre mir nicht gerade noch rechtzeitig eingefallen, dass das nicht nur ein ziemlich platter Einstieg wäre, sondern gefühlsmäßig irgendwie auch Blödsinn. Aber warum eigentlich? Ich weiß es nicht, ist nur ein spontanes Gefühl. Aber das spielt jetzt eigentlich keine Rolle (obwohl mich das gerade auf eine Idee für ein Editorial-Thema gebracht hat). Zurück zum Thema: Ich wollte bloß sagen, dass es wieder mal soweit ist...

Weitere vier Wochen sind um (seit den letzten Geschichten vom Nachtkastel), und diese Tatsache hat deutliche Spuren hinterlassen. Wieder einmal…

Ich weiß nicht, ob das ein gutes Zeichen, ein schlechtes Zeichen – oder ganz einfach völlig wurscht ist: Der 1.800seitige Bücherstapel des vergangenen Monats ist einem neuen – nahezu gleich großen – gewichen: 1.856 Seiten sind es diesmal, die auf meinem Nachtkastel herumkugeln und jeden Abend laut „Lies mich!” rufen.

Folgende Bücher liegen da aktuell:

Das Spinoza-Problem (Irvin D. Yalom; Roman; btb)

Erwachsenensprache – Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur (Robert Pfaller; Sachbuch; Fischer)

Kein Platz mehr (Margit Schreiner, Roman (naja, ich weiß nicht recht); Schöffing & Co.)

Geschichte für einen Augenblick (Ruth Ozeki; Roman, S. Fischer)

Treibsand – Was es heißt, ein Mensch zu sein (Henning Mankell; keine Ahnung, wie man diese Art von Buch nennt; vielleicht ein Art partielle Autobiographie oder so…; dtv)

 

Das Spinoza-Problem

Ich liebe dieses Buch, das ich gerade zum dritten Mal lese und das einen fixen Platz in meinen ganz persönlichen All-Time-Charts hat. Dieser Yalom kann nicht nur exzellent schreiben (und hat in Liselotte Prugger eine ausgezeichnete Übersetzerin), sondern schafft es auch, ziemlich coole Plots zu entwickeln und Fiction mit Historie höchst interessant und spannend zu verbinden. Es kommt nicht von ungefähr, dass auch ein zweiter Roman von YalomUnd Nietzsche weinte” in meinen All-Time-Charts zu finden ist…

Klappentext:

Der jüdische Philosoph Spinzoa und der nationalsozialistische Politiker Alfred Rosenberg – nicht nur Jahrhunderte liegen zwischen ihnen, auch ihre Weltanschauungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Der eine ein unbeugsamer Freigeist, der wegen seiner religionskritschen Ansichten aus der jüdischen Gemeinde verbannt wurde und heute als Begründer der modernen Bibelkritik gilt. Der andere ein verbohrter, von Hass zerfressener Antisemit, dessen Schriften ihn zum führenden Ideologen des nationalsozialistischen Regimes machten und der dafür bei den Nürnberger Prozessen zur Rechenschaft gezoge wurde.

Und trotzdem gibt es eine Verbindung zwischen ihnen, von der kaum jemand weiß, denn bis zu seinem Tod war Rosenberg wie besessen vom Werk des jüdischen Rationalisten, als dessen ´entschiedenster Verehrer´ sich kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe bezeichnete. Kennnisreich und fesselnd erzählt der große Psychoanalytiker Irvin D. Yalom […] die Geschichte dieser beiden unterschiedlichen Männer und entführt seine Leser dabei in die Welt der Philosophie und gleichzeitig auch in die Tiefen der menschlichen Psyche.

Nachtkastelprognose:

Das Buch wird ganz schnell ausgelesen und verschwindet dann solange im Bücherregal, bis ich wieder auf den Geschmack komme. Wird nicht das letzte Mal gewesen sein…

 

Erwachsenensprache

Ich weiß gar nicht warum, aber das ist mein erstes Buch von Robert Pfaller. Fast ein bisschen komisch, passt er doch ziemlich gut in mein literarisches Beuteschema… In der Buchhandlung hat mich der kurze Text auf der Umschlagseite sofort angesprochen (obwohl ich den Titel nicht wirklich gelungen finde) und nach einem kurzen und prüfenden „Hineinlesen” war klar: Das Buch kommt mit! Ganz einfach, weil es gut geschrieben ist und nicht nur ganz prinzipiell sehr aktuelle Themen in einer fesselnden Schonungslosigkeit anspricht, sondern weil es durch die Bank Themen behandelt, die mich auch persönlich intensiv beschäftigen.

Klappentext:

Überall wird im öffentlichen Diskurs heute auf Befindlichkeiten Rücksicht genommen: Es wird vor Gefahren wie „expliziter Sprache” gewarnt, Schreibweisen mit Binnen-I empfohlen, dritte Klotüren installiert.

Robert Pfaller fragt sich in seinem neuen Buch, wie es gekommen ist, dass wir nicht mehr als Erwachsene angesprochen, sondern von der Politik wie Kinder behandelt werden wollen. Steckt gar ein Ablenkungsmanöver dahinter? Eine politische Strategie? Es geht darum, als mündige Bürger wieder ernst genommen zu werden – doch dann sollten wir uns auch als solche ansprechen lassen.

Nachtkastel-Prognose:

Das ist kein Buch, das in einem Rutsch ausgelesen wird. Wird immer mal zur Hand genommen, wenn mir der Sinn nach etwas tiefgehender Lektüre steht. Wird mich also noch ein Weilchen begleiten…

 

Kein Platz mehr

Warum der Verlag behauptet, das Buch von Margit Schreiner (die ich außerordentlich schätze) sei ein Roman, entzieht sich meinem Verständnis. Ich halte das Buch dem Inhalt und der Form nach eher für ein ausführliches – ausgesprochen gut geschriebenes – Essay. Aber das soll die Qualität des Buches keinesfalls schmälern. Ich mag es! Und man liest darin sehr viel Wahres. Ich denke, dass sich darin fast jeder wiederfinden kann… 😉

Klappentext:

Zettel, Tagebücher, Korrespondenzen, Zeitungsartikel, Fotos, Nippes aller Art: ´Allein die Dinge, die sich im Laufe eines Lebens ansammeln!´ Gewohnt überspitzt und mit reichlich schwarzem Humor wettert Margit Schreiner über die Fülle, mit der wir uns tagtäglich umgeben.

Dabei bleibt niemand verschont: Bruno stapelt Unterlagen in seiner neu hinzugemieteten (um Platz zu schaffen!) Bibliothek, Hans und Maria kaufen zwar nichts Neues, schmeißen aber auch nichts weg, Rudi und Franca leben in einem vollgestellten Schloss am Lago Maggiore und selbst bei Willi auf dem Land wird es eng. Da hilft nur das Aus- und Aufräumen – wenngleich dies noch mehr zutage fördert.

Ein so amüsanter wie treffender Roman über den Mangel an Platz, über Schriftsteller, die wie Messies leben, sowie über die problematische Müllentsorgung in Italien. Am Beispiel Japans geht Margit Schreiner der weltweiten Platzfrage nach, zeigt die irrwitzigen Folgen des Platzmangels und des Lärms auf ganze Gesellschaftsstrukturen. Wer glaubt, dass da nur noch die Flucht in den Himalaya oder den kanadischen Urwald bleibt, irrt sich. Denn ganz gleich, wie man es dreht und wendet: Es gibt keinen Platz mehr.

Nachtkastelprognose:

Wie gesagt: Ich mag Margit Schreiner und das relativ dünne Buch liest sich leicht und hat dennoch Tiefe. Es wird nicht lange zu meiner Rechten verweilen, weil es dafür viel zu interessant ist…

 

Geschichte für einen Augenblick

Ich habe keine Ahnung, warum ich im Allgemeinen kein großer Freund japanischer Autoren bzw. japanischer Geschichten bin. Und daher ist es mir im Nachhinein auch etwas rätselhaft, wieso ich das Buch überhaupt in die Hand genommen habe.

Aber die kurze Inhaltsangabe hat sofort meine Aufmerksamkeit erregt. Nicht nur weil die Geschichte spannend klang und eine Protagonistin Schriftstellerin ist, sondern weil sich die Autorin ganz explizit auch mit philosophischen Fragestellungen beschäftigt, die in den Roman verwoben wurden. Besonders das Wesen der Zeit – und hier ganz deutliche Anklänge an fernöstliche Philosophie – finden sich gleich zu Beginn. Ob ich mit der Art der literarischen Sprache ganz einverstanden bin, weiß ich allerdings noch nicht…

Klappentext:

„Hallo! Ich heiße Nao und ich bin Sein-Zeit, ich bin Sein und ich bin Zeit. Weißt du, was das ist? Wenn du einen Moment hast, erzähl ich es dir.” So beginnt die junge Japanerin Nao ihr Tagebuch. Sie fühlt sich fremd im eigenen Land und im eigenen Leben. Da hilft es nicht, wenn der Vater selbstmordgefährdet und die Mutter am Rande des Nervenzusammenbruchs ist. Da hilft nur Jiko, Naos Urgroßmutter, die mit hundertvier Jahren immer noch auf dem Weg zur Erleuchtung ist und Nao in die Geheimnisse des Zen einweiht. Aber Weisheiten wie ”Oben, unten, dasselbe” – machen die das Leben erträglicher?

Auf wundersame Weise überquert Naos Tagebuch den Pazifik und wird am Strand einer kanadischen Insel angespült. Die Autorin Ruth, die es findet, ist bald wie gebannt von Naos Notizen und beginnt zugleich, um Naos Leben zu fürchten? Ist sie im Tsunami gestorben? Die Suche nach Antworten gerät für Ruth zu einer magischen Reise durch die Gegenwart, die ma Ende auch den Blick auf ihr eigenes Leben verwandelt.

Nachtkastelprognose:

Was das Buch betrifft, bin ich noch etwas unentschieden, weil mich die Sprache noch nicht ganz überzeugt hat. Das Thema hingegen schon. Aber da ich noch ganz am Anfang bin, lässt sich derzeit noch kein endgültiges Urteil abgeben. Also: Schau ma mal…

 

Treibsand

Dieses – letzte – Werk des begnateten Erzählers Henning Mankell, das dieser, den (Krebs-)Tod vor Augen, verfasste, ist ein leidenschaftliches Buch über das Leben. Obwohl – oder gerade weil – der Tod als eine Art Hintergrundrauschen stets präsent ist.

Es ist ein Buch, zu dem ich eine ganz persönliche Beziehung habe: Ersten beschäftige ich mich immer schon leidenschaftlich und intensiv mit der existenziellsten aller menschlichen Fragen, und zweitens habe ich es vor knapp drei Jahren meinem Vater geschenkt, als dieser an Krebs erkrankte. Ob er es vor seinem Tod im Juli 2016 gelesen hat, weiß ich leider nicht.

Klappentext:

Die Diagnose Krebs hat Henning Mankell an einen alten Albtraum erinnert: im Treibsand zu versinken, der einen unerbittlich verschlingt. In dieser Krise half ihm das Nachdenken über die große Fragen: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Welche Art Gesellschaft will ich mitgestalten?

Ausgehend von eigenen Erlebnissen beschäftigt sich Mankell mit den kulturgeschichtlichen Anfängen der Menschheit, reflektiert Fragen der Zukunft und erklärt, was Literatur, Kunst und Musik in verzweifelten Momenten bedeuten können. Er blickt zurück auf Schlüsselszenen seines Lebens und ist überzeug, dass es auf die richtige Strategie ankommt: „Leben ist im Grunde nichts anderes als Überlebenskunst.”

Henning Mankell selbst hat über sein Buch folgendes gesagt: „Dies ist ein Buch darüber, wie die Menschheit gelebt hat und lebt und wie ich mein eigenes Leben gelebt habe und lebe. Und über die große Freude am Leben.”

Nachtkastelprognose:

Das ist ein Buch für die besonderen – die stillen – Abende. Es wird langsam und mit großem Genuss gelesen.

 

Ich wünsche Ihnen allen eine spannende Lektüre mit Ihren ganz persönlichen Bestsellern und freue mich immer über Buchempfehlungen!

Fortsetzung folgt…

 

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