Montag, 30. Januar 2023
Geschichten vom Nachtkastel – Teil 9

Hieß Himmlers Hirn Heydrich?

Hintergrund | Andreas Rockenbauer | 24.06.2018 | |  Archiv

Für Bücherfans bedeutet Sommer Lesezeit... Selbst, wenn man gerade nicht auf Urlaub ist und trotz der Fußball-WM. Momentan liegen knapp 2.200 Buchseiten auf meinem Nachtkastel, von denen ich die gute Hälfte bereits gelesen habe. Das liegt einerseits am herrlichen Wetter, wo laue Abende zum Verweilen auf der Terrasse einladen – selbstverständlich mit einem Buch in der Hand. Andererseits auch an den Werken selbst, die sich allesamt als gute Wahl herausgestellt haben...

Meine Auswahl dieses Monat ist bunt gemischt – von gut geschriebener Management-Literatur über einen spannenden Thriller, zwei etwas irre, aber unheimlich originelle Romane und ein sehr aktuelles – und philosophisches – Buch über den menschlichen Geist.

Konkret liegen derzeit folgende Bücher auf meinem Nachtkastel:

– Die Tyrannei des Schmetterlings (Frank Schätzing, Roman, Kiepenheuer & Witsch)

– Nein – Was vier mutige Buchstaben im Leben bewirken können (Anja Förster und Peter Kreuz, Sachbuch, Pantheon)

– HHhH (Laurent Binet, Roman, Rowohlt)

– Die Illusion der Gewissheit (Siri Hustvedt, Sachbuch, Rowohlt)

– 42 (Thomas Lehr, Roman, dtv)

 

Die Tyrannei des Schmetterlings

Frank Schätzing ist ein Bestseller-Autor im wahrsten Sinn des Wortes – jedes Buch ein zuverlässiger Hit. Ich bin mit Der Schwarm (Erscheinungsjahr 2004) vor vielen, vielen Jahren zum Fan geworden, wobei ich mir bei jedem seiner Werke denke, dass er es einem nicht immer leicht macht, ihn bedingungslos zu mögen.

Meist sind seine Geschichten top, bilden den Zeitgeist zuverlässig ab und sind spannend zu lesen. ABER: Ich wundere mich immer wieder, wie man als derart bekannter Autor Sätze bauen darf, die bei jedem Schreibkurs als Beispiele für schlechten Stil und Kitsch die Hitliste anführen würden.

Dass sie dennoch den Filter des Lektorats passieren, ohne entfernt zu werden, muss verwundern. Würde das Lektorat bei Schätzing zuverlässig arbeiten – seine Bücher würden vermutlich um ein Drittel schrumpfen. Was ihnen auch ziemlich gut täte.

Aber irgendwie wissen die Geschichten Schätzings dennoch zu fesseln. Das Thema diesmal: Künstliche Intelligenz und Paralleluniversen

Klappentext:

Luther Opoku, Sheriff der verschlafenen Goldgräberregion Sierra in Kaliforniens Bergwelt, hat mit Kleindelikten, illegalem Drogenanbau und steter Personalknappheit zu kämpfen. Doch der Einsatz an diesem Morgen ändert alles.

Eine Frau ist unter rätselhaften Umständen in eine Schlucht gestürzt. Unfall? Mord? Die Ermittlungen führen Luther zu einer Forschungsanlage, einsam gelegen im Hochgebirge und betrieben von der mächtigen Nordvisk Inc., einem Hightech-Konzern des zweihundert Meilen entfernten Silicon Valley.

Zusammen mit Deputy Sheriff Ruth Unerwood gerät Luther bei den Ermittlungen in den Sog aberwitziger Ereignisse und beginnt schon bald an seinem Verstand zu zweifeln. Die Zeit selbst gerät aus den Fugen. Das Geheimnis im Berg führt ihn an die Grenzen des Vorstellbaren – und darüber hinaus.

 

Nein – Was vier mutige Buchstaben im Leben bewirken können

Anja Förster und Peter Kreuz sind eine Bank, wenn es um gut zu lesende Management-Literatur geht, die darüber hinaus auch praktischen Nutzen hat. Beim vorliegenden Buch geht es eher um Selbstmanagement und die große Bedeutung eines kurzen Wortes, das mit „N” beginnt und „ein” aufhört. Mit Nein verhält es sich ein bisschen wie mit der Ziffer 0: Seine Bedeutung kann nicht überschätzt werden.

Mit Förster und Kreuz geht es mir wie mit Schätzing: Ich bin langjähriger Fan und habe bereits viele Bücher des Autoren-Duos mit Gewinn gelesen. Und es war noch kein einziges schwaches darunter. Im Unterschied zu Schätzing sind sie auch noch wirklich gut geschrieben: Kurz, prägnant – und (dennoch) unterhaltsam.

Klappentext:

Jeden Tag müssen wir Entscheidungen treffen, ob große oder kleine. Und jedes Ja zu einer Alternative zieht automatisch ein Nein zur nächsten nach sich. Nein zwingt uns, Position zu beziehen. Nur Nein gibt Platz fürs Ja.

Das Nein ermöglicht uns, auf persönlicher, beruflicher und gesellschaftlicher Ebene Grenzen zu setzen, um das zu schützen, was uns etwas bedeutet. Drei Fragen helfen dabei.

Erstens: Wozu bin ich bereit, Nein zu sagen? Was wir entscheiden nicht zu tun, ist mindestens so wichtig, wenn nicht sogar wichtiger, als das, was wir entscheiden zu tun.

Zweitens: Welchen Preis bin ich bereit dafür zu zahlen?

Drittens: Welche Dinge sind es wert, stattdessen getan zu werden?

Diese Fragen fordern uns dazu auf, dem Leben mit Wachheit zu begegnen. Der Schlüssel dazu: Wir müssen uns regelmäßig die Zeit nehmen, über das eigene Leben und das, was wir tun, nachzudenken. Investiere ich also Zeit und Kraft in die Selbstreflexion oder führe ich ein gebrauchtes Leben und nehme alles, wie es kommt, ohne mich zu fragen, wie es meiner gewünschten Zielrichtung näher kommen kann?

 

HHhH

Zugegeben, der Titel klingt etwas merkwürdig. Aber er wird sowohl Autor als auch Buch gerecht. Weil – und das soll hier absolut positiv vermerkt werden – beide ein bisschen irre sind.

Laurent Binet ist ein junger Autor, dessen zweiter Roman (Die siebte Sprachfunktion) mich schon vor Monaten begeistert hat und über den ich erst auf sein Erstlingswerk aufmerksam wurde.

Nachdem ich Binet für ein Talent der Extraklasse halte, konnten mich auch die zahlreichen negativen Kommentare zu HHhH nicht vom Kauf abhalten. Und gut wars! Das Buch ist großartig!

Und die meisten negativen Kritiken erschienen mir im Nachhinein als derart hanebüchen, dass mir ganz prinzipielle Zweifel an Amateur Kritiken gekommen sind. Ich glaube, dass Kritiken (von Amateuren) in vielen Fällen mehr über die Verfasser der Kritiken sagen, als über das Buch (das übrigens mit dem bedeutenden Prix Goncourt du Premier Roman augezeichnet wurde!) und dessen Autor.

Ach ja, der Titel ist übrigens eine Abkürzung für: Himmlers Hirn heißt Heydrich. Das Thema: Das Attentat in Prag auf den gefürchteten SS-Offizier Reinhard Heydrich.

Klappentext:

Beim Spaziergang durch Prag entdeckt Laurent Binet eine Gedenktafel für tschechische Widerstandskämpfer. Sie versteckten sich nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich in einer Kirchenkrypta – bis ihre Verfolger, deutsche Soldaten, diese fluten ließen.

Binet ist so elektrisiert von dieser Begebenheit, dass er beschließt, nach Prag zu ziehen und ihr nachzugehen. Er schreibt die NS-Geschichte als Groteske und kommt dabei immer wieder auf seine Rolle als Nachforscher, Erzähler und Erfinder zurück.

Gibt es überhaupt eine historische Wahrheit? Und wie kann man über sie schreiben?

 

Die Illusion der Gewissheit

Siri Hustvedt ist keine Unbekannte  und hat neben einigen Romanen zahlreiche hervorragende Essays verfasst. Im vorliegenden Buch beschäftigt sie sich mit etwas, das mir auch schon seit geraumer Zeit nicht aus dem Kopf geht: Wie kann man sich den Zusammenhang zwischen Gehirn und Geist – zwischen Geist und Körper vorstellen?

Das ist ein Thema, das schon den alten Descartes vor ein paar Jahrhunderten nicht losließ – und bis heute ungeklärt ist. Mehr noch, es beschäftigt Neurowissenschaftler und Philosophen, die sich darob schwer in den Haaren liegen. Herausgekommen ist dabei noch nicht viel… Hustvedt nimmt sich dieses Themas auf eine Art und Weise an, die einen packt. Ein fesselndes Buch!

Klappentext:

Was ist der Verstand? Wie unterscheidet er sich vom Körper? Kann der Verstand auf Neuronen im Gehirn reduziert werden oder nicht?

In ihrem Essay nimmt sich Siri Hustvedt das uralte, noch immer nicht gelöste Geist-Körper-Problem vor und macht deutlich, dass die unterschiedlichen Antworten auf diese Frage eine tiefgreifende Bedeutung für unser Verständnis von uns selbst haben

Mit ihrem multidisziplinäeren Zugang zeigt Hustvedt, wie sehr ungerechtfertigte Annahmen über Körper und Geist das Denken der Neurowissenschaftler, Genetiker, Psychiater, Evolutionpsychologen und der Forscher zur Künstlichen Intelligenz verzerrt und verwirrt haben.

Siri Hustvedt führt den Leser in verschiedene körperintegrierende Theorien von Bewusstsein ein, die die aktuelle Debatte über Verstand und Körper verändern.

Gleichzeitig betont sie, dass keine Idee unantastbar ist. „Der Zweifel”, schreibt sie, „ist nicht nur eine Tugend der Intelligenz, er ist ihre notwendige Voraussetzung.”

42

Als ich in einer Buchhandlung über das Buch stolperte, weil mir der vielsagende Titel ins Auge sprang, wusste ich nach dem Überfliegen des Klappentextes: Das muss ich haben!

Vielsagender Titel? Für alle, die keine Fans des viel zu früh verstorbenen Douglas Adams sind: 42 ist im Bestseller Per Anhalter durch die Galaxis eine magische Zahl, nämlich die Antwort eines Supercomputers nach vielen Millionen Jahren Rechenzeit auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest…

Zurück zu Thomas Lehr: Das Buch ist ziemlich schräg. Es fußt auf einer hervorragenden Idee und ist vom Stil her dieser Idee angemessen. Man muss so etwas mögen. Ich habe meine Entscheidung getroffen: Ich mag das. Echt jetzt. Vielleicht, weil es eine Art von Buch ist, das ich selbst gerne schreiben würde…

Klappentext:

Nicht weit von Genf, der Stadt der Atomphysiker, Diplomaten und Uhrmacher, liegen die unterirsischen Anlagen des Kernforschungszentrums CERN. Als an einem sonnigen Augusttag eine Besuchergruppe wieder ans Tageslicht tritt, ist die gesamte Genfer Region, ja ganz Europa in einen Dornröschenschlaf gefallen.

Die Zeit steht still – nur nicht für die 70 Besucher. Obwohl für sie die persönliche Zeit weiterläuft, sind sie scheinbar in alle Ewigkeit gefangen in der 42. Sekunde um 12:47 Uhr dieses Sommertags – bis nach fünf Jahren aus wahrhaft heiterem Himmel die Weltzeit plötzlich für 3 kostbare Sekunden weitertickt.

Aus ihrer Lethargie gerissen, sammelt sich die inzwischen durch Krankheiten und mörderische Auseinandersetzungen dezimierten Gruppe zu einem „finalen Experiment”. Ein herausragender philosophischer Abenteuerroman.

Ich wünsche Ihnen allen eine spannende Zeit mit Ihren ganz persönlichen Bestsellern und freue mich immer über Buchempfehlungen!

Fortsetzung folgt…

 

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