Montag, 28. November 2022
Ein Aufruf zu mehr Gelassenheit

Immer mit der Ruhe

Hintergrund | Wolfgang Schalko | 24.06.2018 | |  Archiv

In unserer hektischen, leistungsgetriebenen und reizüberfluteten Zeit bieten sich jeden Tag unzählige Gelegenheiten, sich aufzuregen und/oder aus allen Wolken zu fallen. Und jeder von uns „nutzt” einige davon, manchmal ganz bewusst, manchmal „überkommt” es einen halt einfach. Ich habe mich zum Beispiel vor dem Verfassen dieser Zeilen gewaltig über ein äußerst widerspenstiges Elektrogerät geärgert – dieses hätte sich definitiv eine gepflegte Flugreise in Richtung Wand verdient, aber erstens wollte ich nicht auch noch Elektroschrott beseitigen müssen und zweitens liegt da dieser hoch interessante Zeitungsartikel „Es ist höchste Zeit, sich zu beruhigen” neben mir…

Was haben Epiktet, Seneca und Marc Aurel gemeinsam, außer dass die drei Herren schon seit geraumer Zeit nicht mehr unter uns weilen? Sie sind bekannte Vertreter des Stoizismus – einer mehr als 2.000 Jahre alten philosophischen Denkrichtung, an die das Wort stoisch („unerschütterlich, beherrscht, gelassen“) noch heute erinnert. Wie der Philosophie-Professor Massimo Pigliucci, Autor des Buches „Die Weisheit der Stoiker“, im eingangs erwähnten Zeitungsartikel (im „Standard“ vom 28.02.2018) erklärt, geht es bei der Stoischen Philosophie aber um weit mehr: Neben den vier Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Weisheit, Mut und Mäßigung bildet der Kosmopolitismus eine wesentlichen Aspekt des Stoizismus und darüber hinaus die Unterscheidung „zwischen Dingen, die man kontrollieren kann, und Dingen, die uns selbst betreffen. Sie sind nicht dasselbe. Es gibt vieles, was mich betrifft, ich aber nicht kontrolliere – zum Beispiel eine Erkrankung.“

Würde man sich auf Dinge konzentrieren, die man nicht kontrollieren kann, wäre man einfach frustriert – und genau hier könne uns der Stoizismus auch heute noch helfen: „Ja, das moderne Leben bietet iPhones, Flugzeuge und soziale Medien. Aber grundsätzlich hat sich nicht viel für die Menschen geändert. Wir wollen die gleichen Dinge erreichen, wir haben Angst vor den gleichen Fehlern. Wir müssen immer noch mit Verlusten fertig werden, auf die Wut anderer Menschen reagieren, unsere Beziehungen pflegen und so weiter. Das sind alles Bereiche, in denen der Stoizismus sehr hilfreich ist, weil er Menschen beibringt, sich auf das zu konzentrieren, was in ihrer Kontrolle liegt, ihre Wut zu managen und sich weniger um die Meinungen anderer Leute zu kümmern, wenn diese offensichtlich völlig uninformiert sind.“
In Bezug auf den in sozialen Medien grassierenden Ärger, Unmut und Hass rät Pigliucci: „Wollen wir in einer Welt des Ärgers, der Wut und der Beleidigungen leben? Das glaube ich nicht. Es ist höchste Zeit für alle, sich zu beruhigen. Es liegt nicht in meiner Macht, andere Leute zu beruhigen. Aber ich kann den Ärger, die Wut und die Beleidigung für meinen Teil ablehnen. Genau das tue ich. (…) Mein Leben ist deshalb viel besser.“

Dass Menschen von starken Gefühlen wie Liebe oder Hass geleitet werden, stellt für den Professor keinen Widerspruch dar: „Im Stoizismus ging es definitiv nicht darum, die Emotionen zu unterdrücken. Vielmehr rieten die Stoiker dazu, das emotionale Spektrum irgendwie zu verschieben: sich von ungesunden und störenden Emotionen wie Wut und Hass zu entfernen und gesunde und konstruktive wie Liebe und Freude zu kultivieren. Es scheint mir genau die Art von Rat zu sein, die Ihnen Ihr persönlicher Psychologe geben würde.“

Auch auf die Frage, ob sich eine Gesellschaft weiter entwickeln könne, wenn jeder nur auf das achte, was er selbst kontrollieren könne, hat Pigliucci eine gute Antwort parat: „Von einem logischen Standpunkt aus ist es unmöglich, über Dinge, die wir kontrollieren können, hinauszugehen. Was der Stoizismus Ihnen sagt, ist: Wenn du versagst, musst du das Scheitern als Teil des Lebens akzeptieren und zum nächsten Projekt übergehen. Manchmal gewinnst du, manchmal verlierst du. Das scheint mir vernünftig zu sein.

Übrigens: Der Titel dieses Beitrags ist von der oberösterreichischen Band „Krautschädl“ geborgt und der gleichnamige Song an dieser Stelle gleich eine Empfehlung für alle Freunde leichter musikalischer Kost, um in Momenten höchster „Explosionsgefahr“ ruhig Blut zu bewahren…

In diesem Sinne einen entspannten Sonntag!

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