Mittwoch, 17. Juli 2019
Kommentar in der Weihnachtszeit

Ich bin doch nicht blöd!

Hintergrund |Stefanie Bruckbauer | 09.12.2018 | | 1  
Es ist vielleicht etwas melancholisch. Angesichts der bevorstehenden besinnlichen Zeit, darf das aber sein, wie ich finde. (Bild: Andreas Hermsdorf/ pixelio.de) Es ist vielleicht etwas melancholisch. Angesichts der bevorstehenden besinnlichen Zeit, darf das aber sein, wie ich finde. (Bild: Andreas Hermsdorf/ pixelio.de)

Nicht nur aus journalistischen Gründen – auch aus Neugier und ein bissal Überzeugung – begleitete ich den „Trauermarsch“ anlässlich des diesjährigen Black Friday, bei dem „Wirtschaftlichkeit, Service, Qualität und Wert“ symbolisch zu Grabe getragen wurden. Dabei geschah etwas Unerwartetes und mir wurde wieder einmal etwas klar ... 

(Bild: Andreas Hermsdorf/ pixelio.de)

Man mag zu Roman Kmentas Initiative stehen wie man will – die einen finden es geschmacklos einen Sarg entlang der Mariahilfer Strasse zu schleppen, andere wiederum finden es originell. Ich enthalte mich einer Beurteilung, möchte aber betonen, dass ich es (unabhängig vom Wie) grundsätzlich richtig finde, wenn einmal jemand gegen diesen Preiswahnsinn aufzeigt und zum Nachdenken anregt. Der Trauermarsch am 23. November wäre im Grunde ruhig und relativ unspektakulär abgelaufen, wären da nicht einige junge Black Friday-Befürworter mit ihren eigenen Transparenten und einer völlig konträren  Botschaft dazu gestoßen, und hätten Kmentas Demonstration auf ziemlich plumpe Weise gestört. Aber die Jungs und Mädels waren nicht nur sehr unsensibel bei ihrem „Auftritt“, sondern darüber hinaus auch noch erstaunlich dumm. Zum einen behaupteten sie nämlich, nicht im Auftrag von blackfridaysale.at gekommen zu sein (obwohl auf ihren Transparenten groß das Logo der Plattform prangte). Zum anderen erklärten sie mir, dass „unser Bankensystem“ den Verlust von Wirtschaftlichkeit schon verhindern wird – selbst wenn keiner mehr Geld verdient. Die Krönung war allerdings eine offizielle Aussendung im Anschluss an die Demonstration und im Auftrag von blackfridaysale.at, in der behauptet wurde, dass es die Schnäppchenplattform war, die unter dem Motto „Wir tragen die teuren Preise zu Grabe” mit einer „auffallenden Inszenierung“ auf den diesjährigen Black Friday aufmerksam machte. What the f…!? So ein Blödsinn, denn es war ein anderer Initiator, der mit einer gänzlich anderen Botschaft aus einem völlig anderen Grund auf die Straße ging. Eine glatte Lüge und nur ein Beispiel von vielen. 

Es ärgert mich mittlerweile maßlos, dass Dummheit immer verbreiteter scheint und (noch viel mehr), dass man immer häufiger angelogen wird. Egal ob seitens der Politik oder der Wirtschaft, ob als Privatperson, Bürger, Konsument oder im Berufsleben: Man wird immer öfter auf plumpe, offenkundige Art und Weise für blöd verkauft und ich frage mich: Halten mich meine Gegenüber in so einer Situation tatsächlich für so schwachsinnig, dass ich es nicht merke angelogen zu werden? Oder sind diese, meine Gegenüber gar selbst so bescheuert, dass sie den Blödsinn, den sie oft von sich geben, wirklich glauben? Ich ärgere mich in diesen Situationen oft über mich selbst. Ich bin angesichts der Tatsache, dass mir jemand so dreist und mit Absicht ins Gesicht lügt, im ersten Moment nämlich völlig handlungsunfähig. Ich bekomme in dem Augenblick kein Wort heraus und denke mir leider meist nur, was ich dem Pinocchio viel eher tadelnd direkt auf die Lügennase zu sagen sollte: So etwas tut man einfach nicht!  

Ich bin zu alt um darüber hinwegzusehen und es einfach zu akzeptieren. Ich habe keine Lust mehr auf diesen Scheiß. Ändern kann ich es aber leider nicht. Ich kann nur darauf aufmerksam machen. Vielleicht veranstalte ich demnächst ja auch einen Trauermarsch, wobei ich dabei dann allerdings Rückgrad, Aufrichtigkeit, Charakterstärke und Kompetenz symbolisch zu Grabe tragen würde …

Die Seele in Eile 

Jetzt wird es vielleicht etwas melancholisch. Angesichts der bevorstehenden besinnlichen Zeit, darf das aber sein, wie ich finde. In obigem Zusammenhang fällt mir nämlich ein Gedicht ein, das mir vor kurzem zugetragen wurde und sofort zusagte. Ich weiß nicht genau aus wessen Feder es stammt. Die einen sagen es ist von Mário de Andrade, andere schreiben es Ricardo Gondim zu, was auch immer, es spricht mir zum Teil aus der Seele, vor allem jetzt so kurz vor Weihnachten. Eine Zeit, in der die Schwermut oft nahe ist und man sich aufs Wesentliche besinnt. In diesem Gedicht geht es darum, wie kostbar unsere Zeit ist. Darum, dass wir eigentlich zwei Leben haben, und das zweite erst dann beginnt, wenn wir erkennen, dass war nur eins haben. 

Hier ein paar Passagen, ein kleiner Auszug: 

Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu ertragen, die ungeachtet ihres Alters nicht gewachsen sind. Ich habe keine Zeit mehr, mit Mittelmäßigkeit zu kämpfen. Ich möchte nichts mehr mit aufgeblasenen Egos zu tun haben. Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten. Mich stören die Neider, die versuchen, Fähigere in Verruf zu bringen, um sich ihrer Positionen, Talente und Erfolge zu bemächtigen. Meine Zeit ist zu kurz. Ich will das Wesentliche, denn meine Seele ist in Eile. Ja, ich habe es eilig, mit der Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann. Ich möchte dabei mit Menschen leben, die über ihre Fehler lachen können und sich nichts auf ihre Erfolge einbilden, die sich nicht vorzeitig berufen fühlen und die nicht vor ihrer Verantwortung fliehen. Ich möchte mit Menschen leben, die sehr menschlich sind. 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen glückliche Weihnachten!

Kommentare (1)

  1. Sie sprechen mir aus der Seele!

    Ich hatte als ‚Gast‘ einen Kommentar damals bei dem Artikel gepostet. ‚Ihr Name‘ unterstellte mir sofort, auf der Payroll der Initiatoren zu sein – es gibt also Hohlköpfe die das Vorgehen, das Sie beschrieben, auch noch verteidigen, aber vielleicht auch nicht erfasst worin Ihre Kritik lag.

    Was Sie hier detailliert beschreiben, ist was Düringer die ‚Arschlochmentalität‘ nennt. Die Typen fühlen sich auch noch witzig und gscheid und als Sieger. Wer wäre nicht gerne Kunde oder Mitarbeiter einer Organisation die derartig offen und unverfroren lügt.

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