Mittwoch, 18. September 2019
Warum man den Ausweg manchmal vergeblich sucht

Problem mit drei Seiten

Hintergrund |Wolfgang Schalko | 28.04.2019| Bilder | | 1  

Wolfgang Schalko
Das ungute Gefühl, in einer Zwickmühle, einem sog. Dilemma, zu stecken, ist wohl jedem bekannt. Davon spricht man, wenn zwei Optionen zur Wal stehen, aber keine ein gewünschtes Resultat bringt. Gibt es drei Möglichkeiten, dann hat man es mit einem Trilemma zu tun – einem bemerkenswerten Phänomen, das durchdachte Entscheidungsabwägungen erfordert und uns öfter begegnet, als uns bewusst ist.

Was also ist ein Trilemma? Laut Wikipedia gibt es zwei Möglichkeiten, ein Trilemma zu beschreiben:

  1. Die Wahl aus drei ungünstigen Optionen, von denen eine gewählt werden muss.
  2. Die Wahl aus drei günstigen Möglichkeiten, bei der nur zwei zeitgleich ausgewählt werden können bzw. bei denen ein Trade-off zwischen den drei Größen besteht (je mehr man sich einem der drei nähert, desto weiter entfernt man sich von einem oder zwei der anderen beiden).

Gerade die zweite Definition liefert seit Jahrhunderten (Denk-)Stoff für Philosophen, ist aber auch in vielen anderen Bereichen wie etwa Politik und Wirtschaft mit Beispielen – sogar höchst aktuellen – belegt.

Eines der ältesten und bekanntesten Trilemma wird dem griechischen Philosoph Epikur zugeschrieben, der zur Ansicht eines allmächtigen und wohlwollenden Gottes folgende Thesen formulierte:

  • Falls Gott willens, aber nicht fähig ist, Böses zu verhindern, ist er nicht allmächtig.
  • Falls Gott fähig, aber nicht willens ist, Böses zu verhindern, ist er nicht gut.
  • Falls Gott willens und fähig ist, Böses zu verhindern, warum gibt es dann das Böse?

Sehr bekannt ist auch das sog. Trilemma des Wechselkursregimes (Impossible Trinity-Modell, zu deutsch: Unmöglichkeit der Dreieinigkeit), das von John Marcus Fleming und Robert Alexander Mundell in den 1960er Jahren entwickelt wurde. Es beschreibt einen der Zielkonflikte, dem ein Staat bei seinen wechselkurspolitischen Entscheidungen ausgesetzt ist: Die drei wechselkurspolitischen Ziele Wechselkursstabilität, geldpolitische Autonomie und freie Kapitalbewegung können demnach nicht gleichzeitig erreicht werden.

Als fundamentales Trilemma der Weltwirtschaft machte der türkische Ökonom und Harvard-Professor Dani Rodrik die Unmöglichkeit aus, gleichzeitig Demokratie, nationale Selbstbestimmung und wirtschaftliche Globalisierung zu betreiben.

Jetzt-Bezug

Kürzlich widmete sich ein Artikel im Standard ausführlich dem Phänomen des Trilemmas. Darin wurde der vermutlich aus den 1930er-Jahren stammende Satz genannt, wonach niemand gleichzeitig intelligent, anständig und Nationalsozialist sein könne. Der verstorbene Kabarettist Gerhard Bronner habe den Aphorismus 2005 in einer Gedenkrede anlässlich der Befreiung des KZ Gunskirchen so ausgedrückt: „Man kann intelligent und Nazi sein. Dann ist man nicht anständig. Man kann anständig und Nazi sein. Dann ist man nicht intelligent. Und man kann anständig und intelligent sein. Dann ist man kein Nazi.“ Gesellschaftspolitisch heute wohl so aktuell wie damals…

Die kein Ende nehmen wollenden Brexit-Debatten drehen sich ebenfalls um ein Trilemma – bei näherer Betrachtung sogar um zwei, eines zur Globalisierung und eines zu Nordirland. Denn: In einer demokratischen Abstimmung haben die Briten für eine Stärkung der nationalen Souveränität gestimmt, wollen aber nun auf die Früchte der wirtschaftlichen Integration nicht verzichten. Ein noch krasseres Trilemma stelle die Nordirland-Frage dar: Die Regierung von Theresa May will einen Austritt aus der EU ohne Bildung einer neuerlichen Zollunion, damit Großbritannien eigene Handelsverträge schließen kann; eine weiterhin offene Grenze zwischen der Provinz Nordirland und dem EU-Staat Irland, denn darauf beruht der Friedensprozess; und schließlich soll es keine Binnengrenze zwischen Nordirland und Britannien geben, was die Einheit des Vereinigten Königreichs gefährden würde. Und da diese drei Ziele unvereinbar sind, kommt im britischen Unterhaus für keine einzige Option eine Mehrheit zustande.

Ausweglos scheint auch die in den letzten Wochen und Monaten viel diskutierte Frage der Zeitumstellung – die in der EU bekanntlich abgeschafft werden soll. Die meisten Menschen finden das alljährlich zweimalige Umstellen der Uhren mühsam und überflüssig. Doch während man im Osten der mitteleuropäischen Zeitzone (MEZ) – in Österreich, Deutschland, Ungarn, der Slowakei und Polen – aufgrund des längeren Tageslichts im Sommer die permanente Sommerzeit bevorzugt, würde das für die Länder im Westen – Frankreich, die Beneluxstaaten und Spanien – bedeuten, dass die Sonne im Winter erst kurz vor zehn Uhr aufgeht. Eine Einigung aller Staaten der MEZ für ständige Sommer- oder Winterzeit erscheint somit schwierig bis höchst unwahrscheinlich.
Als Lösungsvorschlag brachten Geografen eine Zeitzonengrenze entlang des Rheins ein – allerdings wird eine solche Trennlinie durch ein derart dicht besiedeltes Gebiet als wirtschaftliche und politische Katastrophe betrachtet. Die drei Ziele – der Verzicht auf eine Zeitumstellung, eine einheitliche Zeitzone in Kerneuropa und eine, die für alle Staaten alltagstauglich ist – sind offenbar nicht kompatibel. Und als beste aller nicht perfekten Lösungen erscheint somit, alles beim Alten zu belassen – bei der Zeit die Zeitumstellung, beim Brexit eine Zollunion. Hier gestaltet sich die Überzeugungsarbeit besonders schwierig, denn während ein guter Kompromiss darin besteht, dass am Ende alle glauben, das größte Stück vom Kuchen erhalten zu haben, birgt die Lösung eines Trilemmas die Gefahr, dass sich am Ende alle als Verlierer fühlen.

Sollte Ihnen der Kopf noch nicht (genug) rauchen, dann können Sie ja versuchen, den niedrigsten Preis, den höchsten Ertrag und den besten Service unter einen Hut zu bringen… Viel Vergnügen und gutes Gelingen!

Bilder
Das von der EU beschlossene Ende der Zeitumstellung birgt ein Trilemma – daher erscheint es wahrscheinlich, dass wir weiterhin zweimal pro Jahr an den Uhren drehen werden.
Das von der EU beschlossene Ende der Zeitumstellung birgt ein Trilemma – daher erscheint es wahrscheinlich, dass wir weiterhin zweimal pro Jahr an den Uhren drehen werden. (© berwis / pixelio.de)

Kommentare (1)

  1. Zum Thema Sommerzeit/Normalzeit. Inzwischen wird allgemein die Meinung vertreten, dass die Einführung der Sommerzeit keine Energieersparnis brachte. Gut! Aber ich kenne auch keine Studie die belegt, dass sie einen Schaden verursachte. So what? Never change a running System! Vor allem, wenn es keinen Schaden verhindert und ökonomisch nicht vertretbar ist. Nach dem Motto: Ausser Spesen nichts gewesen! Also Leute konzentriert Euch auf nachhaltige Themen und beschäftigt nicht VIELE für NICHTS!

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