Mittwoch, 17. Juli 2019
Vorstand des Vereins Digitalradio Österreich im Interview

Wolfgang Struber zum österreichweiten Start von DAB+

Multimedia |Wolfgang Schalko | 15.05.2019 | |  
Wolfgang Struber, Vorstand Ditalradio Österreich, ist überzeugt, dass es „auch in Österreich ein funktionierendes DAB+ Radioökosystem aller Sektoren” geben wird. Wolfgang Struber, Vorstand Ditalradio Österreich, ist überzeugt, dass es „auch in Österreich ein funktionierendes DAB+ Radioökosystem aller Sektoren” geben wird. (© Radio Arabella) Nachdem die ORS im August 2018 die Zulassung für den Betrieb der bundesweiten DAB+ Multiplex-Plattform erhielt, soll in Kürze der offizielle Startschuss erfolgen und Digitalradio am 28. Mai österreichweit on Air gehen. Darüber sprach E&W mit Wolfgang Struber.

Vor gut einem Jahr wurde mit dem Start des regionalen DAB+ Netzbetriebs im Raum Wien die neue Ära des Radios in Österreich offiziell eingeläutet. Nun folgt mit dem österreichweiten DAB+ Netzausbau der nächste große Schritt – gemäß dem Rollout-Plan der ORS in drei Phasen: In der ersten Ausbaustufe werden am 28. Mai die Standorte Wien-Kahlenberg, Wien-Liesing, Wien-DC Tower, Graz-Schöckl, Linz-Lichtenberg und Semmering-Sonnenwendstein aufgeschalten, womit Wien, Niederösterreich, Burgenland, Steiermark und Oberösterreich – in Summe fast 60% der österreichischen Bevölkerung – DAB+ empfangen können. In Phase zwei folgen am 31. März 2020 die Standorte Bregenz-Pfänder, Innsbruck-Patscherkofel, Salzburg-Gaisberg und St. Pölten-Jauerling (Versorgungsgrad 75%). Im dritten Step wird Mitte September 2020 Kärnten für DAB+ erschlossen, während der Empfang in der Steiermark und dem Burgenland weiter ausgebaut wird (mit den Standorten Bruck an der Mur-Mugl, Klagenfurt-Dobratsch, Rechnitz-Hirschenstein und Wolfsberg-Koralpe). Mit der Versorgung der wesentlichen Ballungsräume wird digital-terrestrisches Radio dann für 83% der österreichischen Bevölkerung empfangbar sein.

Seit Jahren bemüht sich der Verein Digitalradio Österreich, die Verbreitung von DAB+ hierzulande voranzutreiben. Angesichts des nahenden Starts stand Vereinsvorstand Wolfgang Struber E&W Rede und Antwort.

E&W: Welche Lehren und Erkenntnisse konnte man aus dem einjährigen Regelbetrieb von DAB+ im Raum Wien ziehen? Wie lautet das Echo der Nutzer?

Struber: Radio ist mit 76% Tagesreichweite und 183 gehörten Minuten in Österreich (laut Radiotest) das beliebteste Medium und bietet mehr Glaubwürdigkeit, mehr Chancen, mehr Nutzung und mehr Reichweite als alle anderen Medien. Der Pilotbetrieb war von 2017 bis 2018, der Regelbetrieb in Wien läuft bereits seit 2018. Das Feedback der Hörerinnen und Hörer ist auf zwei Ebenen sehr beindruckend. Neben dem Mehr an Programmangebot – das auf UKW am Ende der Möglichkeiten für mehr Radioprogramme in den jeweiligen Verbreitungsgebieten ist – besticht auch die Hörqualität. Das beweist: Radio benötigt, um auch weiterhin das meistgenutzte Medium zu bleiben, eine Multiplattform-Strategie – mit Digitalradio DAB+ im Herzen sowie Mittelpunkt aller Hörfunküberlegungen. Dies im Einklang mit der gesamteuropäischen Entwicklung. Dies bedeutet neben der zentralen Rolle der digital-terrestrischen Radioverbreitung einen Ansatz für ein hybrides Radio-Ökosystem mit der nahtlosen Implementierung in Richtung Smart Speakers, Radioplayer und Apps.

E&W: Welche Erwartungen sind an den österreichweiten Start von DAB+ geknüpft?

Struber: Nach dem Start des regionalen DAB+ Netzbetriebes für die Ostregion Österreichs im April 2018 startet das DAB+ Netz mit mehr österreichweiten Radioangeboten nun am 28. Mai 2019 und somit eine neue Ära des Hörfunks in Österreich. Der ORS comm GmbH & Co KG (ORS) wurde am 2. August 2018 die Zulassung für den Betrieb der bundesweiten Multiplex-Plattform für digitalen terrestrischen Hörfunk im Standard DAB+ (MUX I) für die Dauer von 10 Jahren erteilt. Innerhalb der nächsten drei Jahre sollen zunächst die Landeshauptstädte und wichtige Verkehrswege versorgt werden, bei einer geplanten Gesamtabdeckung von rund 83 Prozent der österreichischen Bevölkerung. Derzeit können die Hörerinnen und Hörer auf UKW ein limitiertes, österreichweites Programmangebot auf UKW empfangen – das ändert sich nun zum Start um weitere neun bundesweit empfangbare Radiostationen auf DAB+: Neben Klassik Radio, Radio Energy und Radio 88.6, die bereits jetzt lokal analog-terrestrisch zu hören sind, werden zunächst Rock Antenne, JÖ Live, Technikum ONE, Arabella Relax, Radio Maria und ERF Plus auf DAB+ national On-Air gehen und so neue Radioprogramme für Österreich anbieten. Weitere Radioangebote werden folgen.

E&W: Wie soll DAB+ bekannt werden? Gibt es Begleitmaßnahmen wie zB eine Werbekampagne rund um den Start?

Struber: Der Verein Digitalradio ist hier für die Förderung und Entwicklung des digital-terrestrischen Hörfunks DAB+ in Österreich, die Weiterentwicklung der Mediengattung „Radio“ in der digitalen Medienwelt, die Etablierung des Hörfunks auf neuen Plattformen sowie die Förderung der Informationsvermittlung und Fortbildung tätig. Man darf gespannt sein, die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren.

E&W: Welche konkrete Rolle spielt der Verein Digitalradio Österreich bei all dem?

Struber: Der Verein Digitalradio Österreich wurde 2013 als offene Plattform und Business-Enabler für privaten und öffentlich-rechtlichen Hörfunk gegründet. Die Plattform ist aus einigen Teilnehmern der Arbeitsgruppe „Digitaler Hörfunk“ bei der Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH hervorgegangen. Der Plattform Digitalradio Österreich ist es gelungen, die gesamte Wertschöpfungskette des Radio-Ökosystems zu vereinen – Politik und Regulation, Zusammenarbeit mit allen Sektoren des Hörfunks in Österreich: Coverage, Content, Consumer Devices, Cars und Communications. Derzeit zählt die Plattform rund 30 Mitglieder aus den Bereichen Privatradio, Elektro- und Elektronikindustrie, Hochschule, Handel und Medienhäusern sowie Verlagen. Der Verein Digitalradio Österreich hat sich in den letzten Jahren intensiv bemüht, die Verbreitung des Übertragungsstandards Digital Audio Broadcasting (DAB+) in Österreich voranzutreiben. Damit möchte man endlich zu Vorzeigeländern in Europa wie Schweiz, Deutschland oder Norwegen aufschließen, während in allen anderen europäischen Staaten der öffentlich-rechtliche Rundfunk der Treiber von Innovationen und Digitalisierung beim Hörfunk ist. Ziel ist es, auch in Österreich alle Hörerinnen und Hörer mit mehr Radioangeboten auf DAB+ zu versorgen.

E&W: Bedeutet der DAB+ Roll-out der Start in neue (Hörfunk-)Ära? Und wird damit schon das Ende von UKW eingeläutet?

Struber: Mit dem Start den nationalen MUX in Österreich am 28. Mai 2019 werden neun neue österreich-weit empfangbare Radioprogramme den Medienstandort in Österreich im Hörfunk erweitern und die Knappheit an national empfangbaren Radioprogrammen beenden. Die analoge Übertragung des Hörfunks stößt schon seit Langem an ihre Grenzen, sodass viele Marktteilnehmer als Veranstalter keine Chancen mehr haben, ihre Programmangebote quantitativ auszubauen. Die verfügbaren UKW-Frequenzen sind vollständig belegt. Das bedeutet, dass es keine Möglichkeit gibt, über UKW neue Programme auszustrahlen. Die Digitalisierung der Medienwelt schreitet voran und DAB+ ist das moderne Radio von heute: Es bietet eine größere Programmvielfalt durch die digitale Übertragung der Signale, multimediale Zusatzdienste und bequemen Bedienkomfort. DAB+ Empfang verursacht keine Kosten und belastet keine Internet-Datenkontingente. DAB+ kann dabei von beliebig vielen Endgeräten, zur gleichen Zeit und ohne Qualitätsverlust empfangen werden. Sendemasten im Mobilfunk haben hingegen natürliche Kapazitätsgrenzen.

Technisch ist DAB+ der digitale Nachfolger des analogen UKW-Empfangs über Antenne. In Österreich gibt es aber noch kein von der Politik festgesetztes UKW-Abschaltdatum. Norwegen hingegen hat den UKW-Empfang bereits eingestellt, andere Länder wie die Schweiz planen in den nächsten Jahren den Ausstieg. Bei einer Neuanschaffung sollte in jedem Fall auf den neuen Empfangsstandard DAB+ geachtet werden. Digitalradios können neben DAB+ immer auch UKW empfangen, sodass die Hörerinnen und Hörer für die Zukunft bestens gerüstet sind.

E&W: Wie beurteilt man in diesem Zusammenhang die Konkurrenz durch Internet und Telekom-Technologien?

Struber: Die Integration von Broadcast in 5G steht ganz am Anfang, bis 2025 könnte vielleicht die Technologie marktreif sein. Allerdings stehen die dafür notwendigen Frequenzen erst ab 2030 zur Verfügung. Soviel Zeit kann der Hörfunk wohl nicht verstreichen lassen, um im digitalen Zeitalter zukunftsfähig zu bleiben. Ein Verharren auf UKW und Warten auf 5G ist keine Perspektive. DAB+ kann mit millionenfach verkauften Endgeräten genutzt werden und für den Endverbraucher fallen keine weiteren Gebühren an. DAB+ reduziert langfristig die Verteilkosten für Hörfunkprogramme beim Radioanbieter erheblich (UKW ist deutlich teurer), setzt aber das bewährte Geschäftsmodell von UKW fort.

Es bleibt abzuwarten, ob es der Vision von Radio über 5G am Handy gelingen wird, weit über die Frequenzzuteilung für Rundfunkzwecke hinaus, die Regulierungsbehörden und die Medienpolitik davon zu überzeugen, dass diese bei einer Telekom-rechtlichen Frequenzzuweisung an Mobilfunkunternehmen Sonderklauseln für den Rundfunk verpflichtend dem 5G-Lizenzinhaber auferlegen. Auch ist fraglich, ob die 5G-Lizenzinhaber Rundfunknutzungen sogar prioritär verbreiten müssen und noch dazu zu gesonderten wirtschaftlichen Bedingungen (for-free?) dem Rundfunk anbieten müssen, als es für andere Mitnutzer aus anderen Branchen getan wird. Kann man den 5G-Lizeninhaber verpflichten, dass SIM-free-Dienste für den Rundfunk implementiert werden müssen, ohne dass sich diese dann auf den Netz-Nutzungspreis des Rundfunkfunk auswirken dürfen. Wirtschaftlich wird es dann spannend, wenn „angemessene 5G-Netzkosten“ in Rechnung gestellt werden müssen und man dann feststellen könnte, dass DAB+ Rundfunknetze für unser Hörfunk-Bedürfnisse doch billiger sind. Abschließend bleibt noch die Fragestellung, ob die 5G-Lizeninhaber verpflichtet werden können, dass diese am Ende sogar ihre 5G-Netze so ausbauen müssen, dass sie dem Quality of Service und der notwendigen Flächendeckung von >98% für den Hörfunk entsprechen müssen ohne dass dafür entsprechende Kosten in Rechnung gestellt werden dürfen. Digitalradio Österreich geht davon aus, dass – sofern die 5G-Technologie für den Rundfunk überhaupt in den nächsten 10-15 Jahren relevant wird – es sich ausschließlich über eigene 5G-HTHP-Netze handeln wird (Schlagwort: 5G-Broadcast). Sich mit diesen Migrationsthemen jetzt zu beschäftigen, ist ein langer Prozess – derzeit geht es darum, die Zukunftschancen des Hörfunks weiterzuentwickeln auf einem gesamt-europäischen Radiostandard DAB+. Von einer wirtschaftlich sinnvollen Marktpenetration mit 5G-fähigen Radiogeräten kann vor 2035 nicht ausgegangen werden.

E&W: Ist das Festhalten des ORF an UKW der Wermutstropfen beim DAB+ Start? Und wie wichtig ist der ORF für die weitere Entwicklung von DAB+ in Österreich?

Struber: Über die analoge Terrestrik ist der Hörfunk über 50 Jahre lang erfolgreich geworden (everywhere). Die Einführung von UKW wurde damals übrigens genauso kritisch beurteilt wie DAB+. Das Geschäftsmodell (broadcast = one to many) ist sehr erfolgreich und stellt die Basis für den Hörfunk dar. Fakt ist, dass der öffentlich-rechtliche Hörfunk bessere Frequenzen und mehr Frequenzketten als der private Hörfunk hat. Der private Hörfunk hat ausschließlich eine, voraussichtlich zwei, nationale Hörfunklizenzen auf UKW. Der gesamte Radiomarkt in Österreich ist in der Nutzung ca. 70% für ORF und 30% für den privaten Sektor verteilt. Der private Hörfunk lebt bisher wirtschaftlich ausschließlich von der terrestrischen Verbreitung seiner Programme, wobei alle Hörfunkmarken und deren Vermarktbarkeit über die Terrestrik gebildet werden. Die terrestrischen Möglichkeiten sind qualitativ und quantitativ limitiert (regulierter Markt). Daher ist die digitale Terrestrik DAB+ der ideale Weg, um den Hörfunk in die digitale Zukunft zu führen, ergänzt durch die Möglichkeiten des Internets (nicht regulierter Markt). Weltweit, aber vor allem in Europa, zeichnet sich nur ein maßgeblicher digitaler Standard für den Hörfunk am Markt ab: DAB+. Auf diesen Standard vertraut auch die Geräteindustrie. Es wäre klug, auch im Bereich DAB+ eine Kooperation zwischen ORF und Privaten für den Hörfunk der Zukunft zu bilden und die Weiterentwicklung proaktiv anzugehen. Wir sind fest davon überzeugt, dass wir auch in Österreich ein funktionierendes DAB+ Radioökosystem aller Sektoren haben werden.

E&W: Der Erfolg von DAB+ ist an die Durchdringung mit entsprechenden Endgeräten geknüpft. Welche Perspektive ergibt sich für den Handel – rechnen Sie mit einer steigenden Endgerätenachfrage bzw. einem Nachrüstmarkt für Autos?

Struber: Im Handel ist man bestens für den Sendestart von DAB+ gerüstet: Der österreichische Elektronikhandel bietet nicht nur eine Vielzahl an passenden Geräten zu besten Preisen, sondern auch umfassende Beratung und Kompetenz zum Thema DAB+. Vom smarten, transportablen Mini-Radiogerät bis hin zu kompakten Soundanlagen sind unterschiedlichste Modelle aller Kategorien und führender Marken zu haben. Eine große Auswahl verschiedener Gerätetypen ist in allen Märkten vor Ort vorführbereit ausgestellt. Zusätzlich kann man aus dem großen Sortiment der Onlineshops wählen und gleich online kaufen oder bestellen und im Markt abholen. Ziel des Handels ist es, innovative und zukunftsweisende Technologien zu den Menschen zu bringen, um damit verschiedenste Bereiche des täglichen Lebens in der digitalen Welt zu optimieren. Dazu zählt auch DAB+ als innovativer Radiostandard. Der Handel ist für alle Kundenanfragen da und freut sich, zum Sendestart in ganz Österreich ein großes Sortiment passender Empfangsgeräte und umfangreiche Beratungskompetenz anbieten zu können.

Ein internationaler Meilenstein für den ungetrübten Radiogenuss im Auto ist der Beschluss des EU Parlaments, wonach Autoradios in Neuwagen künftig ab 2022 neben UKW den digitalen-terrestrischen Radioempfang ermöglichen müssen, also zB. mit DAB+. Diese Interoperabilität digitaler Radioempfangsgeräte ist ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung der Kommunikationsnetze und -dienste sowie insgesamt zur Stärkung des Binnenmarktes für die elektronische Kommunikation in der EU, wobei auf nationaler Ebene eine gesetzliche Verankerung noch bevorsteht. Zahlreiche Anbieter bieten DAB+ Empfang im Kraftfahrzeug bereits standardmäßig an, einen Überblick dazu findet man auf der Website von Digitalradio Österreich.

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