Mittwoch, 20. November 2019
Deloitte Zukunftsstudie analysiert digitalen Wandel

Wien Energie: Völlig neue Phase am Jobmarkt

Photovoltaik E-Technik | Wolfgang Schalko | 16.05.2019 | BilderDownloads | |  
In der Studie wurden im ersten Quartal 2019 namhafte Expertinnen und Experten aus Energieunternehmen und europäischen Denkfabriken sowie Vordenker aus dem universitären Bereich und Personalentwicklungsexperten von Deloitte befragt. In der Studie wurden im ersten Quartal 2019 namhafte Expertinnen und Experten aus Energieunternehmen und europäischen Denkfabriken sowie Vordenker aus dem universitären Bereich und Personalentwicklungsexperten von Deloitte befragt. (© Wien Energie) Die nächsten Jahre werden die Arbeit im Energiesektor entscheidend verändern. Digitalisierung, Dekarbonisierung und dezentrale Energieerzeugung prägen die Branche. In Kombination führen diese Faktoren zu den größten Veränderungen in der Arbeitswelt seit Jahrzehnten: Es kommt zur Umwälzung eines gesamten Industriezweiges. Zu diesem Ergebnis gelangt die Job-Zukunftsstudie des Beratungsunternehmens Deloitte Österreich im Auftrag von Wien Energie.

Die Conclusio weiter: Die Automatisierung wird sich deutlich beschleunigen. Daten, Algorithmen und künstliche Intelligenz werden das Rollenverhältnis von Mensch und Maschine in Arbeitsprozessen verändern. Bei einem Aufgabenprofil eines Kraftwerktechnikers kann potenziell knapp die Hälfte der Tätigkeiten zukünftig automatisiert und von einer Maschine übernommen werden, bei einem Vertriebsmitarbeiter beträgt das Automatisierungspotenzial knapp ein Drittel.

„Wir können nicht mit Maschinen konkurrieren, wir müssen uns von ihnen unterscheiden. Die rasche Anpassungsfähigkeit an immer komplexere Aufgaben und alle Tätigkeiten, bei denen Menschen Robotern und Algorithmen überlegen sind, werden immer gefragter. Routinetätigkeiten verlieren an Bedeutung. Wir kommen in eine völlig neue Phase“, erklärte dazu der Vorsitzende der Wien Energie-Geschäftsführung Michael Strebl im Rahmen der Studienpräsentation. „Der Mensch steht weiter im Mittelpunkt. Der Zugang wird sich jedoch deutlich ändern: sich weiterentwickeln, teamorientiert arbeiten und neuen Aufgaben offen gegenüberstehen. Durch die Digitalisierung werden Empathie, Eigeninitiative und Mut für Neues für den Unternehmenserfolg immer entscheidender. Umgekehrt muss das Unternehmen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern faire Bedingungen sicherstellen.“

„Mit dem digitalen Wandel wird lebenslanges Lernen zur Grundvoraussetzung für erfolgreiche Karrierewege. Die Energieunternehmen stehen daher vor großen Aufgaben: der Re-Qualifizierung von Teilen der Belegschaft, der Neuaufnahme von hochqualifizierten Uniabgängern aus technischen und naturwissenschaftlichen Fächern, dem Erschließen neuer Geschäftsmodelle sowie einer Transformation der Arbeitsweisen und Unternehmenskultur“, ergänzte Anna Nowshad, Director im Bereich Human Capital bei Deloitte Österreich.

Sechs treibende Kräfte der Veränderung

Die Studie sieht sechs treibende Kräfte des Wandels, die auf den Arbeitsmarkt in der Energiewirtschaft und in der Industrie in den nächsten Jahren wirken:

  1. Allgegenwärtige Technologie: Innovative Technologien dringen in alle Lebens- und Arbeitsbereiche vor
  2. Datenflut: Nie dagewesene Datenmengen in Echtzeit, die neue Erkenntnisse bringen
  3. Veränderte Kundenbedürfnisse: Gesellschaftlicher Wandel, Internet und neue Mitbewerber erfordern einen neuen Kundenfokus
  4. Digital Leadership: Führungskräfte im Spannungsfeld zwischen externen Vorgaben und neuen Geschäftsmodellen
  5. Fünf Generationen im Arbeitsleben: Innovation durch Nutzen der demografischen Vielfalt
  6. Alternative Sourcing-Strategien und neue Talente-Pools als Wettbewerbsvorteil

Technologische Innovation prägt die Energiebranche seit Jahrzehnten. Verändert haben sich jedoch die Geschwindigkeit, mit der der Wandel fortschreitet, sowie der Umfang und die Bedeutung für das Kerngeschäft der Energieunternehmen.

„In Kombination mit geändertem Konsumentenverhalten, neuen Wertehaltungen und Lebensformen führt das zu ganz neuen Herausforderungen aber auch Chancen, was die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle betrifft. So lassen sich beispielsweise in der Stadt mit der Bevölkerung durch Photovoltaik, Batteriespeicher, Stromtankstellen, Smart Meter oder Blockchain ganz neue Wirtschaftsbeziehungen etwa in Form von Energieerzeugungsgemeinschaften – so genannte citizen energy communities – etablieren“, so Strebl.

Technische Innovation verlangt Blick über den Tellerrand

Dominierende Innovationstreiber in der Energiebranche waren bislang zumeist Optimierungen bestehender Lösungen, etwa die Steigerung von Wirkungsgraden in Kraftwerken. Die Dynamik des digitalen Wandels verlangt nun von den Energieunternehmen und Beschäftigten jedoch die Auseinandersetzung mit Themen, in denen gänzlich neue Geschäftsfelder, Prozesse und entsprechende Expertisen aufgebaut werden müssen. „Das rasante Tempo technischer Innovationen verlangt, dass wir über den Branchen-Tellerrand hinausdenken. Nach innen heißt das, dass wir vom Hierarchiedenken wegkommen müssen“, führte Strebl aus.

Damit ist nicht nur das Kerngeschäft – Erzeugung, Handel und Vertrieb – gemeint, sondern auch fundamental die Gestaltung der Arbeit, Kooperation oder das Lernen neuer Fertigkeiten. Smartphones, Sprachassistenten und Streaming-Dienste prägen den Alltag und das Kundenverhalten. Energieanbieter, die in der Lage sind, in ebenso hoher Geschwindigkeit neue Technologien nahtlos in den Arbeitsalltag zu integrieren, benutzerfreundlich auszugestalten oder mit eigenen Geschäftsmodellen zu verknüpfen, werden daraus einen bedeutenden Wettbewerbsvorteil generieren.

2025: Jeder 3. bis 4. Job verlangt IT und Datenwissen

Dabei werden Fragen wie die folgenden eine wichtige Rolle spielen: Wie kann dieser Wandel verantwortungsvoll gegenüber unseren Mitarbeitern gestaltet werden? Was sind die Auswirkungen für unsere Kunden? Wie verändert sich die Supply Chain und Lieferantenbeziehungen? Und was sind die Auswirkungen auf Tätigkeiten und Anforderungen der verbliebenen Mitarbeiter?

„Die Zahl der Beschäftigten bleibt nach unseren Erkenntnissen in der Branche relativ stabil, aber jeder dritte bis vierte Job ändert sich stark in Richtung IT und Datenwissen. Blockchain- und Drohnenspezialisten, Datenanalysten sowie Chatbot-Programmierer werden plötzlich für den Energiesektor relevant. Diese Jobs gab es vor zehn Jahren noch gar nicht“, ergänzte Strebl. „Rund die Hälfte der neuen Positionen werden wir durch interne Weiterbildungen besetzen können. Ebenso erwarte ich mir mehr Innovation durch Start-up-Kooperationen.“

Wien Energie beschäftigt derzeit über 2.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Damit ist das Unternehmen deutlich schlanker als noch zu Beginn der Liberalisierung. „Durch Digitalisierung und Generationenwechsel sind wir mit neuen Herausforderungen konfrontiert. In den nächsten Jahren werden alleine bei Wien Energie 250 neue Jobs entstehen. Bei konstantem Personalstand suchen wir die besten Köpfe, unterstützt von Initiativen wie unserem Traineeprogramm. Der Frauenanteil soll – besonders in den technischen Sparten – deutlich erhöht werden“, so Strebl.

Robotik reduziert Aufwand für Routinetätigkeiten

Technologien wie zum Beispiel Robotics oder Machine Learning finden Einzug in den Arbeitsalltag. Wien Energie hat hier die Weichen bereits Richtung Zukunft gestellt. So laufen derzeit mehrere Projekte zur Entlastung der Arbeit bei wiederkehrenden Tätigkeiten, etwa über Robotic Process Automation. So können etwa in einer Abteilung mit etwa fünfzehn Beschäftigten auf das Jahr gerechnet 12.000 E-Mails automatisiert bearbeitet werden, geschätzte 600 Stunden Arbeit fallen dadurch weg. Ebenfalls erwähnenswert ist der von Wien Energie entwickelte Service-Chatbot. Dieses Online-Tool ist in der Lage, Kundenanfragen rund um die Uhr und zu mittlerweile über 8.500 unterschiedlichen Fragestellungen zu beantworten. Seit dem Start vor knapp zwei Jahren wurden 320.000 Anfragen beantwortet. Sollte der Service-Chatbot nicht weiterwissen, übernimmt ein Mitarbeiter. Insgesamt kompensiert der Chatbot so die Jahresarbeitszeit von zwei Vollzeitkräften.

„Das Potenzial für eine Neuordnung des Rollenverhältnisses in der Energiewirtschaft ist enorm. Die gesamte Branche steht in den kommenden Jahren vor zwei zentralen Entscheidungen: Welche neuen Möglichkeiten will man ausschöpfen und wie schafft man die entsprechenden Voraussetzungen dafür. Die passenden Mitarbeiterkompetenzen und der richtige Einsatz von Technologie sind dabei die entscheidenden Faktoren“, so Anna Nowshad abschließend.

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Mensch und Maschine werden neu zusammenarbeiten – wobei ein mehr oder weniger großer Anteil der menschlichen Tätigkeiten substituiert wird.
Mensch und Maschine werden neu zusammenarbeiten – wobei ein mehr oder weniger großer Anteil der menschlichen Tätigkeiten substituiert wird. (© Wien Energie)
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Die Deloitte Zukunftsstudie

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