Mittwoch, 18. September 2019
Subtile Herrschaft der Bits und Bytes

Genialer als Google geht’s kaum

Hintergrund |Wolfgang Schalko | 26.05.2019 | |  
Der User ist für Google praktisch völlig durchsichtig – was man umgekehrt nicht behaupten kann. Der User ist für Google praktisch völlig durchsichtig – was man umgekehrt nicht behaupten kann. (© Bernd Kasper / pixelio.de) Es gibt bekanntlich unterschiedlichste Mittel und Wege, jemand oder etwas zu beherrschen bzw Macht und Kontrolle auszuüben. Vom Brutalo-Regime ohne Gnade über Zuckerbrot und Peitsche bis hin zu Basisdemokratie reicht die Palette an – offensichtlichen – Möglichkeiten. Eine äußerst geniale, weil vom Beherrschten nicht als solche empfundene Form der Beherrschung attestiert der Philosoph Christoph Türcke dem Tech-Giganten Google: die Herrschaft durch universale kostenlose Dienstbarkeit.

Gemessen an qualitativen, nicht objektiv vergleichbaren Kriterien hat man es als Unternehmen wohl dann geschafft, wenn der Firmenname oder die Marke stellvertretend für eine ganze Produktgruppe steht. So wie in der analogen Welt etwa Tixo als Inbegriff für Klebeband gelten kann, hat es Google in der digitalen geschafft, dass „googeln” heute der im allgemeinen Sprachgebrauch etablierte Ausdruck für das Suchen von Begriffen im Internet ist.

Und mal ganz ehrlich: Wer möchte schon auf die vielen Annehmlichkeiten der digital-vernetzten Welt verzichten, zu denen eben auch zählt, auf jede x-beliebe Frage ad hoc eine Fülle von Antworten (in der Regel inklusive der richtigen bzw. gesuchten) zu erhalten – und das noch dazu vermeintlich kostenlos? Genau das ist aber die trügerische Masche, mit der uns die Internetriesen – nicht nur Google – um den Finger wickeln…

Verstörende Erkenntnisse

Der deutsche Philosoph Christoph Türcke (geb. 1948) gab vor kurzem in einem Interview mit dem Standard Einblicke in sein neues Buch „Digitale Gefolgschaft. Auf dem Weg in eine neue Stammesgesellschaft” (C.-H.-Beck-Verlag, München 2019). Hier ein Auszug aus dem gleichsam Augen öffnenden, zum Nachdenken anregenden wie auch bis zu einem gewissen Grad verstörenden Gespräch.

Sie wähnen uns alle „auf dem Weg in die digitale Hölle”. Warum das denn?
Türcke: Die große Internet-Utopie besagt ja: Es wird wunderbar sein, wenn wir endlich alle ständig miteinander verbunden sind. Die anderen sind dann immer da, man schaltet sie gewissermaßen ein, indem man sie direkt anspricht. So entsteht natürlich nicht globale Mitmenschlichkeit, sondern eine Art globales Callcenter, 24 Stunden am Tag – und das ist eine digitale Hölle.

Die Grundthese Ihres Buchs ist, dass die Digitalisierung eine neue Form der Vergesellschaftung bringt – eine neue Stammesgesellschaft. Wie sieht die aus?
Türcke: Der Begriff geht auf den Medientheoretiker Marshall McLuhan zurück. Er glaubte, dass nach der langen Epoche der Schrift, die die Menschheit wie ein Spaltpilz befallen und die Individuen vereinzelt habe, die ganze Welt durch elektronische Medien wieder verbunden und zu einer neuen Nähe direkten Sprechens und Hörens zusammenrücken würde, wie einst in der archaischen Stammeswelt. In dieser Vision sind auch immer alle da und zusammen. Die Menschheit wird zu einem globalen digitalen Stamm. Ja, sage ich, ein solcher Stamm ist im Entstehen. Nur bringt er nicht allgemeine zwischenmenschliche Nähe, sondern setzt unter den Druck ständiger Empfangs- und Sendebereitschaft. Wer da nicht mitmachen will, ist ausgeschlossen. Deswegen reden alle von Inklusion. Aus Angst vor dem Ausschluss beginnen sie das Eingeschlossensein für den erstrebenswertesten Zustand zu halten. Sie preisen es als Menschenrecht. Dahinter steht die Digitallogik. Außerhalb der Digitalität gibt es kaum mehr menschliche Lebensmöglichkeiten. Die gibt es nur noch in den Clans des digitalen Stamms.

Der Facebook-Clan, der Instagram- oder Twitter-Clan?
Türcke: Ganz genau – oder der Google-Clan. Diese Clans funktionieren wie archaische Schwärme oder Horden. Es gibt einen Schwarmsog. Wo die anderen hinschwärmen oder hingetrieben werden, da muss ich auch hin, sonst bin ich draußen.

Google und Facebook würden die Nutzerinnen und Nutzer nicht „knechten”, schreiben Sie: „Sie saugen sie an. Doch damit machen sie sie abhängiger als jede politisch-militärische Gewalt.” Wie überformen deren Funktionslogiken das Bewusstsein ihrer Stammesmitglieder alias Follower?
Türcke: Das Wort ansaugen sagt es schon: Es werden Suchtverhältnisse hergestellt. Stellen wir uns vor, Google oder Facebook sperrten einmal für 24 Stunden den Zugang. Was wäre die Folge? Angst, Panikattacken und Desorientierung größten Ausmaßes. Es haben sich suchtbasierte Gefolgschaften um diese Plattformen gebildet. Kritiker sagen, wir müssen die absolutistische Herrschaft von Google bekämpfen. Da fühlt sich Google nicht angesprochen. Die locken ihre Klientel ja mit universaler kostenloser Dienstbarkeit. Leute abhängig machen mit einem kostenlosen Dienst und dabei Milliarden verdienen: So ein geniales Geschäftsmodell hat es in der Geschichte noch nicht gegeben. Da wird durch Dienstbarkeit geherrscht. Hegels Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft ist auf neue Weise wieder aktuell. Die Herrschaft durch Dienstbarkeit, die eine suchtbasierte Abhängigkeit herstellt, ist gar nicht zu übertreffen. Da hat man die Leute innerlich am Gängelband, nicht durch äußere Unterdrückung.

Sie schreiben über die „Auflösung der Öffentlichkeit” durch die Durchdigitalisierung aller Lebensbereiche. Welche Auswirkungen hat das?
Türcke: Öffentlichkeit ist etwas Paradoxes: eine besondere Sphäre zur Artikulation von Allgemeinem. Sie artikuliert das, was alle angeht. Das kann sie gar nicht anders tun als repräsentativ. Öffentlichkeit hat stets etwas mit Fürsprache für andere zu tun, die sich nicht jederzeit artikulieren können. Fürsprecher und Repräsentanten, die für andere sprechen und sie repräsentieren sollen, sind tendenziell freilich immer auch Vormünder, die andere nicht zu Wort kommen lassen. In der Frühzeit des Internets glaubte man, das Vormundsproblem mit einem Schlag loswerden zu können. Jeder geht unmittelbar ins Netz. Da brauchen wir den ganzen Mist der Repräsentation nicht mehr.

Dieser „Mist” scheint aber doch nicht ganz verzichtbar.
Türcke: Ja, denn jener Cyberspace, jener nicht regierbare Raum, in dem sich jeder ohne jeden Repräsentanten vollkommen frei bewegen können soll, war nicht das Reich der Freiheit, wie die Internetpioniere in den 90er-Jahren glaubten, sondern ein neuer hochtechnologischer Dschungel. Schon nach kürzester Zeit musste man irgendeine Struktur in diesen Dschungel bringen. Die Suchmaschine Google und die Likemaschine Facebook haben das getan und dabei nichts Geringeres geschaffen als eine neue Weltordnung. In deren Koordinaten verläuft die globale Kommunikation. Nach deren Pfeife tanzt die Vergesellschaftung: die Bildung unterkomplexer, clanartiger Horden und Schwärme im Kraftfeld von Plattformen. Google und Facebook sind gewaltige neue Vormünder – ungleich beherrschender als die alten der repräsentativen demokratischen Öffentlichkeit. Und plötzlich stellt sich nicht mehr die Frage, wie stellen wir durch das Internet endlich Demokratie her, sondern wie schützen wir die Demokratie vor dem Internet?

Wie schützen wir die Demokratie denn vor dem Internet?
Türcke: Genauso wie man kleine Kinder vor alledem schützt: durch geringstmöglichen und wohldosierten Gebrauch. Man sollte die zahllosen Dinge, für die man keinen Computer braucht, auch weiterhin ohne diese Geräte machen. Es muss nicht gleich jedes Arbeitsblatt für die Schule digitalisiert werden.

In Summe ist Ihre Analyse schon etwas sehr kulturpessimistisch. Wo sehen Sie denn auch Positives an den Möglichkeiten der Digitalisierung?
Türcke: Ich habe diverse Lichtblicke aufgezählt: Wikipedia etwa oder all die Menschenrechtsaktivisten in diktatorischen Ländern, die mit ihren Blogs im Internetdschungel eine Nische finden, an die autoritäre Staaten schlecht rankommen. Die sind zwar unbedingt zu unterstützen, aber es sind lediglich Lichtblicke im Dschungel. Diese Verhältnismäßigkeit ist nicht zu vergessen. Leider können wir uns nicht einfach entscheiden, ob wir ein kommerzielles und brutales Internet wollen oder ein Internet der Vernunft, Transparenz und Demokratie. Wir haben keine Wahl zwischen zwei Internets. Der Dschungel bleibt.

Immerhin, Ihr Ausblick ist nachgerade revolutionär.
Türcke: Tatsächlich sehe ich im 3D-Druck ein Potenzial zur Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise. Was passiert, wenn diese Technik sich so entwickelt, dass alle neben einem PC auch einen PP (Personal Producer) hätten und sich die entscheidenden Gebrauchsgüter selbst herstellen könnten? Dann verfügten alle über Privateigentum an Produktionsmitteln. Die Produktionsmittel wären vergesellschaftet – nicht durch die Enteignung von Kapitalisten, sondern durch Zueignung an alle. Die Enteignung privater Firmen hat immer bloß zur Verstaatlichung geführt. Weiter ist der Sozialismus nie gekommen. Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel würde hingegen den Weg zu einer neuen hochtechnologischen Selbstversorgungswirtschaft beschreiten. Die brächte zwar nicht sogleich das gute Leben, stünde aber nicht mehr unter kapitalistischem Expansionszwang. Und das wäre schon enorm viel. Ob es dazu kommt, wissen wir nicht. Aber die Perspektive ist da.

Übrigens: Angesprochen auf seine eigenen digitalen Gepflogenheiten meinte Türcke: „Ich habe eMail, und damit komme ich glänzend aus.”

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