Freitag, 13. Dezember 2019
Radikale Ideen

Direkt in den Kühlschrank

Hausgeräte Die Branche | Dominik Schebach | 23.06.2019 | |  
Eine Walmart-Mitarbeiterin befüllt den Kühlschrank eines Kunden. Eine Walmart-Mitarbeiterin befüllt den Kühlschrank eines Kunden. (© Walmart) Bisher ist ja der Lebensmittelhandel von den digitalen Stürmen weitgehend verschont geblieben. Der Grund ist einfach erklärt: Viele Lebensmittel müssen gekühlt werden. Und wenn der Bote niemanden zu Hause antrifft, und deswegen die empfindlichen Lebensmittel wieder mitnimmt, dann findet der Kunde statt der gewünschten Milch nur gähnende Leere im Kühlschrank. – Wer allerdings denkt, das ist in Stein gemeißelt, der irrt. Denn die größte Supermarkt-Kette der Welt, Walmart, liefert in Zukunft direkt in den Kühlschrank der Kunden. Ab Herbst soll der Service in den ersten Städten in den USA ausgerollt werden.
Danke eines Smart Locks kann die Walmartmitarbeiterin die Wohnng des Kunden betreten. Dabei tragen sie eine eigens entwickelte Body-Cam. (© Walmart)

Der Ablauf ist vordergründig relativ simple – im Hintergrund hat Walmart natürlich ordentlich gefeilt, damit dem auch so ist: Kunden, die dieses Service wünschen, müssen ein Smart Lock von Walmart an der Wohnungstür oder Garage installieren. Wenn sie dann über Walmart.com oder die Walmart App eine Bestellung abgeben, können sie die OptionInHome Delivery“ anwählen. Dabei können sie bestimmen, ob Walmart die Lebensmittel direkt in die Garage oder den Kühlschrank (oder den Kühlschrank in der Garage) liefern soll. Walmart wird dann den Einkauf laut Liste zusammenstellen. Zur vereinbarten Zeit betritt dann ein Mitarbeiter des Konzerns mit Hilfe eines Einmal-Codes die Wohnung des Kunden, um die Ware abzuliefern. Dabei trägt er oder sie eine von Walmart entwickelte Kamera – ähnlich einer Body-Cam für Polizisten, sodass der Kunde per Smartphone-App dem Boten sozusagen aus der Ferne bei der Lieferung über die Schulter schauen kann. Laut Walmart werden die Boten dazu speziell ausgebildet und benötigen ein polizeiliches Führungszeugnis.

Wie viel der Service kosten soll, das hat Walmart noch nicht bekannt gegeben. Der Konzern geht allerdings davon aus, dass die Kunden vor allem wegen der Zeitersparnis und der damit verbundenen Convenience sich für dieses Service entscheiden werden. Der dazu gehörende Feldversuch fand bereits seit 2017 im Silicon Valley zusammen mit Smart Home-Spezialist August Home statt. In diesem Pilot musste der Kunde dem Boten noch über seine Smart Home-App die Tür öffnen und konnte ihn dann per Indoor-Kamera seines Smart Homes überwachen. In der jetzigen Form kommt Walmart ohne den Systemen Dritter aus. Trotzdem gehe ich davon aus, dass in Zukunft verschiedene Dienste und Anwendungen sich vereinen. Wer sagt, dass ein Smart Home-Anbieter in Zukunft nicht auch Concierge-Services anbietet?

Natürlich kann man einwenden, dass ein Österreicher niemals einen wildfremden Menschen in seine Wohnung lässt – schon gar nicht, wenn er nicht zu Hause ist. Andererseits leben wir in einem Zeitalter, in dem viele Ideen plötzlich den

Als Kundin oder Kunde kann man den Walmart-Mitarbeitern quasi über die Schulter sehen, während sie den Kühlschrank einräumen (© Walmart)

Sprung von belangloser Science-Fiction zu realer Anwendung schaffen. In der Regel passiert dies, indem bereits vorhandene Technologien radikal neu kombiniert werden.

Generell sehe ich einen Trend weg von Hardware zu Software und Services. Für mich ist deswegen die Frage viel interessanter, wo kann sich ein Elektrofachhändler in solche Prozesse einklinken? Wird der Handel sich in Zukunft z.B. mit dem lokalen Lebensmittelhändler zusammentun und Mini-Kühlschränke mit smarten Schlössern wie Briefkästen in den Eingangstüren der Kunden verbauen? Oder werden die Staubsauger-Roboter in Zukunft gekühlte Lebensmittel mittels Sicherheitsschleuse an der Tür in Empfang nehmen und im Kühlschrank in der Küche verstauen können? Werden Drohnen Kühl-Container vom Händler an der Ecke auf der Terrasse absetzen oder wird ein Smart Home-Spezialist auch das Concierge-Service vermitteln?

Ich bin sicher, jeden von uns fallen ein paar radikale Ideen ein, sobald er sich ein paar Minuten hinsetzt und ein wenig über die Bedürfnisse seiner Kunden nachdenkt. Radikale Ideen, mit denen sich neue Umätze erschließen lassen, oder die Kunden enger an den Handel binden. Leider werden diese Gedanken viel zu selten gedacht.

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