Sonntag, 25. August 2019
Auswüchse der digitalisierten Gesellschaft

Technostress und andere Sorgen

Hintergrund |Wolfgang Schalko | 23.06.2019 | |  
Die Anzahl der potenziellen digitalen Stressoren wächst und wächst… Die Anzahl der potenziellen digitalen Stressoren wächst und wächst… (© Harald Wanetschka / pixelio.de) Während „Digitale Lähmung” als Überbegriff für neue „Kinderkrankheiten” wie Smartphone-Nacken und SMS-Daumen (nähere Erläuterung wohl überflüssig) die Runde macht, sehen sich immer mehr Erwachsene von einem anderen Phänomen vereinnahmt: Technostress. Dieser durch die Interaktion von Mensch und digitaler Technologie hervorgerufen – etwa wenn die Mailbox überquillt, das Handy ständig klingelt oder sich das Notebook wieder und wieder aufhängt.

Wie kürzlich auf orf.at zu lesen war, ist Technostress heute weit verbreitet – und als Problem schwerwiegend genug, um dafür eine Expertentagung in Wien abzuhalten und „Gegenmaßnahmen” zu erörtern. „Es beschreibt eine Stressform, die immer dann entsteht, wenn Menschen mit digitalen Technologien interagieren. Es gibt auch manche Stressformen, die schon allein dadurch entstehen, dass wir heutzutage eine Allgegenwärtigkeit solcher digitalen Technologien haben“, wurde dazu der Wirtschaftsinformatiker René Riedl von der FH Oberösterreich zitiert. Letzteres sei vor allem dann der Fall, wenn man sich durch Roboter und Programme in seiner Existenz bedroht fühle, etwa weil sie die Arbeit übernehmen könnten. Stress sei zwar nicht per se schlecht, doch könne dauerhafter digitaler Stress den Stresshormonspiegel in ungesunde Höhen treiben, wobei besonders andauernd hohe Cortisolwerte problematisch seien – weil dadurch die Wahrscheinlichkeit für Schlaganfälle, Herzinfarkte usw. steigt, aber zB auch Schlaflosigkeit eine negative Konsequenz sein kann.

Abhilfe schaffen – aber wie?

Anfang Juni tagten Wissenschaftler des Forschungsnetzwerks „NeuroIS Society“ zu diesem Thema. Man muss demzufolge nicht auf Smartphone, Tablet & Co verzichten, um Technostress zu vermeiden, sondern zB darauf achten, wie und wann man seine E-Mails bearbeitet. Es sei „eine sehr wirksame Strategie, sich täglich drei bis vier Zeitfenster zu reservieren, um dann die E-Mails abzuarbeiten.“ Das E-Mail-Programm permanent offen zu haben und die E-Mails immer unmittelbar wie in einem Chat zu beantworten, löse hingegen eine Art Teufelskreis aus, wie eine Studie ergab: Das lenke nicht nur ab, sondern führe auch dazu, dass tendenziell mehr E-Mails hereinkommen. Zudem könnten Entspannungsübungen einmal in der Woche das Stresslevel senken – ebenso wie das Erhöhen der IT-Kenntnisse: Wer sich mehr mit Computern und anderen digitalen Geräten auskenne, wisse eher, was bei Problemen zu tun sei und bleibe daher entspannter.

Aber Hand aufs Herz: Es ist zwar hinlänglich bekannt, dass die Anforderungen im Berufsleben stetig steigen und die Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit zusehends verschwimmen, aber wir alle haben es – im wahrsten Sinne des Wortes – selbst in der Hand, die digitalen Gerätschaften hin und wieder auszuschalten bzw zumindest beiseite zu legen und sich den analogen Freuden des Lebens hinzugeben. Gerade, wo heute Sonntag ist… Sie könnten an einen gemütlichen See zum Baden fahren, einen ausgedehnten Spaziergang unternehmen (idealerweise in netter Begleitung zwecks Face-to-Face-Kommunikation), entspannt im Schatten liegend ein Buch lesen, etc etc etc. Definitiv läuft Ihnen nichts von dem davon, was hier noch folgt. Das finden sich auch morgen auf elektro.at – versprochen!!

„Echte” Probleme

Was wir in unseren Breiten unter „Technostress” verstehen sind jedoch bestenfalls Peanuts im Vergleich zu dem, was die chinesische Führung ihren Bürgern bei der Interaktion mit digitalen Technologien aufbürdet. Gemeint ist das Sozialkreditkonto, das unterwürfiges und systemtreues Verhalten belohnt, während kritische Äußerungen und unerwünschtes Verhalten (zu dem neuerdings auch essen, trinken oder der hörbare Konsum von Videoinhalten in der Pekinger U-Bahn zählen) bestraft werden – wie der Name des Systems vermuten lässt, mit sozialen Plus- oder Minuspunkten. Wer (zu) viele negative Einträge kassiert, muss mit teils massiven Einschränkungen im Alltag leben und kann etwa bestimmte Berufe nicht ausüben, erhält keinen Kredit bzw darf keine Flüge buchen, kein Auto kaufen, keine Golfplätze besuchen u.Ä.

Zur Durchsetzung dieses Systems, das derzeit „nur” in 20 Städten und über 40 Kreisen als Pilotprojekt läuft, aber ab 2020 in der gesamten Volksrepublik gelten soll, ist die mehr oder weniger lückenlose Überwachung der Bürger erforderlich. Hier spielt China schon heute seine erschreckend leistungsfähigen Hightechanwendungen aus – etwa, um via Gesichtserkennung sämtliche U-Bahn-Passagiere in Peking (natürlich inklusive all ihrer persönlichen Daten) bei Fahrtantritt zu registrieren. 33 Menschen pro Minute soll das System schaffen – ein Drittel mehr als Ticketsysteme oder Zugangslösungen via Smartphone. Besonders tückisch erscheint in diesem Zusammenhang die Kommunikationspolitik Chinas – von der ja hinlänglich bekannt ist, dass freie Meinungsäußerung darin ebenso bloß als ein frommer Wunsch vorkommt wie ein freies Internet.

Mit der App WeChat steht den Chinesen zwar ein sehr vielseitiges Online-Tool zur Verfügung, das neben klassischen Chat-Funktionen auch zig Funktionen zum Meistern des Alltags (wie zB Taxi oder Essen bestellen, Arzttermin vereinbaren, Online-Banking, etc) bietet – allerdings hat dieses einen (äußerst perfiden) Haken: Die chinesischen Regierungsbehörden bzw deren Algorithmen lesen alles mit – und sondern beinahe in Echtweit alles aus, was nicht erwünscht ist. Dazu zählen Textnachrichten ebenso wie Videos und  – sogar unbeschriftete (!!) – Bilder. Mit entsprechenden Konsequenzen für den Verfasser, versteht sich. Reumütigen Chinesen, die mit ihrem Sozialkreditkonto ins Minus gerutscht sind, bietet die Obrigkeit selbstverständlich die Chance zur Rehabilitation, zB durch Ableisten von Sozialdienst.

Zurück in den Westen

Falls Sie sich bei den vorigen Zeilen gedacht haben sollten, dass die „analoge” Option mit Spaziergang und Badeausflug vielleicht weniger aufs Gemüt geschlagen hätte, kann ich Sie beruhigen: Es gibt Licht am Horizont. Genauer gesagt in transatlantischen Regionen, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Das mag angesichts der dortigen aktuellen politischen Verhältnisse zunächst nur wenig erbaulich klingen – aber San Francisco ist zum Glück nicht Trump!
Die kalifornische Metropole hat kürzlich als erste Stadt in den USA den Einsatz von Gesichtserkennungstechnologien durch Behörden verboten. Die Gefahr, dass der Einsatz solcher Technologien die Bürgerrechte verletzen könne, überwiege die behaupteten Vorteile bei weitem, begründete der Stadtrat seine Entscheidung.

Der Einsatz von Gesichtserkennung drohe rassistische Ungerechtigkeit zu verschärfen und „bedroht unsere Möglichkeit, frei von ständiger Beobachtung durch die Regierung zu leben“, wurde auf orf.at aus dem Beschluss zitiert. Die städtische Polizei und andere städtische Behörden dürfen demnach keinerlei Gesichtserkennungstechnologie erwerben, besitzen oder nutzen – ausgenommen vom Verbot sind jedoch Flughäfen oder andere von den Bundesbehörden betriebenen Einrichtungen.

Kritiker hatten argumentiert, Systeme zur Gesichtserkennung würden einen starken Eingriff in die Privatsphäre bedeuten und zudem die Gefahr bergen, dass Unschuldige fälschlich als Straftäter identifiziert werden könnten. Die US-Bürgerrechtsorganisation ACLU warnte, mit der Technologie könne die Öffentlichkeit wahllos und ohne konkreten Verdacht oder Anhaltspunkt flächendeckend überwacht werden. Dem hielten Befürworter der Technologie entgegen, dass Gesichtserkennung der Polizei im Kampf gegen die Kriminalität helfe und mehr Sicherheit bringe.

All dem möchte ich zum Abschluss ein Zitat von Benjamin Franklin (der im 18. Jahrhundert lebte!!) hinzufügen, das ich für ebenso weitsichtig wie zeitlos halte: „Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.“

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