Mittwoch, 17. Juli 2019
Hintergrundkommentar E&W 7-8/2019

Services statt Features

Hintergrund |Dominik Schebach | 07.07.2019 | |  
Dem Kochen haftet viel Tradition an. Da wird auch oft das Bild der heilen Welt vermittelt, unterschwellige Klischees schwingen mit. Doch die Lebensrealität der Menschen entfernt sich immer öfters von diesem Bild. Es tun sich Lücken auf, die von neuen Playern genutzt werden.

Viele schmökern zwar gerne in Kochbüchern, wenn es allerdings ans Kochen im Alltag geht, fehlt nicht selten Inspiration, Zeit und Muße. Dafür hält die Digitalisierung im Lebensalltag der Millennials immer stärker ihren ein Einzug. Es werden nicht nur die Einkäufe im Internet erledigt, sondern auch der Familienalltag organisiert, die Urlaubsreise geplant und bei Problemen wird oft als erstes das Smartphone gezückt, um einen schnellen Rat im Web einzuholen, bevor man sich an Freunde und Verwandte wendet. Warum soll also das Kochen und im weiteren Sinne die Hausarbeit von der Digitalisierung verschont bleiben.

Hier geht es nicht um Smart Home-Features beim Backofen, um diesen schon am Heimweg für die Brötchen vorzuheizen, oder die Fernsteuerung für Roboter-Staubsauger. Hier geht es um die digitalen Services, die auf diesen Features aufsetzen. In Deutschland und den USA sind einige Start-ups dabei, genau in diese Lücke zu stoßen. Sie sollen den Benutzern im hektischen Alltag das Kochen erleichtern: durch Rezeptvorschläge, mit vorgefertigte Einkaufslisten, anhand von aufwändig produzierten Kochanleitungen per Video oder auch mittels Tipps zur richtigen Lagerung der Lebensmitteln – und das ganze maßgeschneidert für Vegetarier, Veganer oder Lactose intolerante Fleischtiger. Instagram-kompatibles Spotify für die Küche also.

Es ist also nicht verwunderlich, dass solche Start-ups für einen WW-Konzern wie die BSH-Hausgeräte interessant sind. Über die Strategie, warum sich der Hersteller bei solchen Services einkauft, berichten wir in dieser Ausgabe ab Seite 8. Aber auch der Handel wird in Zukunft nicht an diesen digitalen Services vorbeikommen. Spätestens wenn der erste Kunde fragt, ob der neue Kühlschrank auch wirklich mit der Merkur-App kompatibel ist, sollte man sich Gedanken machen. Dh, eigentlich sollte man dann die richtige Antwort schon parat haben, denn auch das wird in Zukunft zum Beratungsgespräch in der WW-Abteilung gehören. Spannend wird in dieser Hinsicht, wie sich die Gewichtung zwischen Hardware und Software entwickeln wird. Im Moment ist davon vieles noch im Experimentierstadium. Aber schon heute können wir unsere beliebtesten Rezeptlisten und Menüvorschläge per Smartphone teilen, wie zB auch AEG vorzeigt.

Deswegen sollte man die Entwicklung auf keinen Fall verschlafen. Selbst in so traditionellen Bereichen wie dem Kochen wird man die Trends der Digitalisierung nicht ignorieren können. Ich gehe nicht davon aus, dass morgen niemand mehr den Kochlöffel ohne Anleitung aus dem Netz schwingen kann. Vielmehr wird die Digitalisierung schleichend ihren Einzug in die Küche halten, weil diese für den Kunden einen wirklichen Nutzen bringt. Tradition hin oder her. Zum Abschluss ein kleines Beispiel aus der Vergangenheit: Vor 20 Jahren schrieb die E&W über das damals weitgehend unbekannte Shopping-Portal Amazon.com als Beispiel für den aufkommenden E-Commerce. Heute führt an dem Internet-Riesen kein Weg mehr vorbei.

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