Mittwoch, 18. September 2019
Zum Nachdenken...

Zeit für die „No-Time”?

Hintergrund |Andreas Rockenbauer | 07.07.2019| Bilder | |  

Andreas Rockenbauer
Ich weiß nicht mehr, wie ich darauf gekommen bin, aber als ich da entspannt in die Ferne sah, kam mir die fixe Idee, dass gerade der Sommer die perfekte Zeit für gedankliche Reflexion ist. Für das Innehalten, das Nachdenken über Dinge abseits des Tagesgeschäftes. Vielleicht war es die, in der Abendsonne glitzernde, Oberfläche des Altausseer Sees, die mich auf diesen Gedanken brachte. Vielleicht auch die Ruhe, die ein lauer Sommerabend ausstrahlt, die Entschleunigung, das Zurückdrängen der sonst so allgegenwärtigen Hysterie.

Dazu – und zu der Tatsache, dass wir uns gerade ziemlich genau in der Mitte der beiden jährlichen Zeitumstellungen befinden – passt ein Artikel, den ich vor kurzem in der Kleinen Zeitung gelesen habe und der von einem winzigen Dorf (321 Einwohner) auf der Norwegischen Insel Sommaroy handelte, das ganz offiziell die Zeit abschaffen will. Ja, Sie haben sich nicht verlesen, das stand dort – schwarz auf weiß. Da war vom „verdrehten Verhältnis des modernen Menschen zur Kostbarkeit Zeit” die Rede und der Auflehnung der Einwohner gegen das Diktat der Uhr.

Genaugenommen stand in der Einleitung des Artikels nicht, dass sich die Einwohner gegen den Zwang der Uhr auflehnen wollten, sondern gegen „die Zeit” schlechthin. Das ist natürlich Unsinn. Ich möchte nicht allzu pingelig sein, aber das Grüppchen verschrobener (und von Mitternachtssonne sowie monatelanger Dunkelheit geplagter) Norweger will natürlich nicht die Zeit abschaffen, sondern die Messung derselben. Eine Uhr ist ja nicht die Zeit selbst – sie packt die Zeit bloß in eine Metrik, deren Einheit eine zivilisatorische Erfindung ist. Zeit existiert auch dann, wenn sie nicht mittels Uhr gemessen wird.

Konkret soll das norwegische Dorf zur ersten „uhrzeitfreien Zone” der Welt werden, wo statt tickender Uhren Natur und Bedürfnisse der Menschen über den Tagesablauf bestimmen sollen. Einer der Initiatoren, Kjell Ove Hveding plädiert für eine dritte Zeit neben Sommer- und Winterzeit – und nennt diese  die „No-Time”. Hveding wird in der Kleinen Zeitung mit den Worten zitiert: „Wir haben mehr und mehr darüber diskutiert, wie unsere Uhr Zeit nimmt, anstatt sie uns zu schenken.”

Wie ernst gemeint das ist, weiß ich nicht. Die Geschichte ist aber insofern lustig, als sie mich an eine Begebenheit vor einigen Jahren erinnert: Ich hatte mich damals gerade mit einem Geschäftsfreund zum Interview in einem gemütlichen Gastgarten getroffen, als dieser einen Blick auf mein Handgelenk warf und sagte: „Du hast eine schöne Uhr.” Zu seiner Verblüffung antwortete ich mit einer Frage: „Und was sagt uns das?” Er sah mich ratlos an. „Das bedeutet, dass ich es noch nicht geschafft habe”, sagte ich und verwirrte ihn damit noch mehr.

Also fuhr ich fort: „Es ist ganz einfach: Kleinkinder haben gar keine Uhr. Die brauchen sie ja auch nicht, weil Eltern und Natur ihren Tag einteilen. Irgendwann bekommen sie dann ihre erste Uhr und sind unheimlich stolz darauf, die Zeit ablesen zu können. Im weiteren Verlauf wird das immer wichtiger, weil die Uhr (und die von ihr angezeigte Zeit) zum gesellschaftlich vorgeschriebenen Taktgeber wird. Und schließlich – als Erwachsener – mag man sich als Zeichen von geschäftlichem Erfolg und/oder ästhetischer Neigung dann auch mal eine wertvolle Uhr gönnen. Aber an der Fremdbestimmung ändert das kein bisschen.”

„Wirklich geschafft hat man es erst”, sagte ich und machte eine bedeutungsschwere Pause, „wenn man es sich leisten kann, wie ein Kleinkind keine Uhr zu tragen. Als Symbol gelebter Selbstbestimmung sozusagen. Und das habe ich noch lange nicht geschafft. Insofern ist die schöne Uhr, die du gerade bewundert hast, bloß Zeichen dafür, dass ich noch nicht soweit bin, wie ich gerne wäre. Eine Art Mahnmal sozusagen.”

Was er dazu gesagt hat, weiß ich nicht mehr – und nebenbei bemerkt trage ich immer noch nahezu täglich meine Uhr – aber diese Begebenheit fiel mir ein, als ich am Ende des Artikels in der Kleinen Zeitung las, dass die Einwohner von Sommaroy ihre Armbanduhren demonstrativ abgenommen und sie an einem Bruckengeländer befestigt haben, so wie das Verliebte oft mit Vorhängeschlössern tun. „Respekt”, dachte ich und warf einen nachdenklichen Blick auf mein Handgelenk…

Der Begriff der Zeit ist zwar allgegenwärtig, aber nur schwer zu fassen. Es ist, als würde man versuchen, Wasser mit zwei ineinander verschränkten Händen zu schöpfen – immer wieder rinnt es durch die Finger, so fest man die beiden Hände auch aneinanderpressen mag. Rüdiger Safranski schreibt in seinem Buch („Zeit – Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen”), dass sich unsere Aufmerksamkeit erst dann auf das Zeitvergehen selbst richtet, wenn sie keine passenden Ereignisse findet: „Der sonst so dicht geknüpfte Ereignisteppich, der das Zeitvergehen für die Wahrnehmung verhüllt, ist dann fadenscheinig geworden und gibt den Blick frei auf eine vermeintlich leere Zeit. Das lähmende Rendezvous mit dem reinen Zeitvergehen nennen wir Langeweile.”

Bei aller Reflexion über die Zeit, kommt besonders dem Jetzt als Kristallisationspunkt von Vergangenheit, die nicht mehr, und Zukunft, die noch nicht ist, besondere Bedeutung zu. Arthur Schopenhauer hat das so formuliert: „Es gibt nur eine Gegenwart, und diese ist immer; denn sie ist die alleinige Form des wirklichen Daseins. […] Die Gegenwart allein ist das, was immer da ist und unverrückbar feststeht.” Das ist ein schöner Gedanke: Das Jetzt gleichzeitig als singulärer Punkt des Augenblicks und doch von ewigem Bestand. Ohne Anfang und ohne Ende, denn das Ende des Jetzt wäre das Ende der Zeit. Sieht so aus, als sollten wir sorgsamer umgehen damit…

Da fällt mir noch eine schöne Zeile ein, die Kurier-Redakteur Peter Pisa einem Text über „Die Kunst des Wartens” (26. Juni 2019) vorangestellt hat: „Für die meisten ist das Nicht-Ereignis ein Ärgernis, es könnte aber auch die Zeit zum Reifen sein”. Das scheint mir eine Überlegung wert. Und ein schönes Motto für den Sommer

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