Dienstag, 15. Oktober 2019
Von Tigern, Kretern und Autisten – ein Plädoyer für konstruktives Miteinander

Paradoxer Autismus

Hintergrund |Andreas Rockenbauer | 15.09.2019| Bilder | | 2  
Ein Paradoxon ist meist eine kleine Geschichte oder eine einzelne Aussage, die auf den ersten Blick ziemlich abwegig scheint, auf den zweiten aber oft eine tiefere Wahrheit enthält. Kurz: Paradoxa sind Kleinode der intelligenten Unterhaltung. Nachsatz: Wenn man nicht gerade selbst Teil des Ganzen ist...

Beginnen möchte ich mit einem meiner Lieblingsparadoxa, dessen Setting etwas ungewöhnlich ist: Ein humorvoller Diktator, brutal, aber ehrlich(!), erlaubt sich ein Spielchen mit einem zum Tode Verurteilten und lässt diesen in einen Raum mit zehn Türen führen, die alle gleich aussehen und von eins bis zehn durchnummeriert sind. Er solle – so wird diesem gesagt – auf ein Signal hin nacheinander langsam alle Türen öffnen. Hinter einer werde ein Tiger lauern, der ihn nach dem Öffnen völlig unerwartet anspringen und auffressen werde.

Der Delinquent, ein schlauer Bursche, denkt nach: „Wenn ich neun Türen geöffnet habe und mich bis dahin kein Tiger angesprungen ist, dann kann hinter der zehnten keinesfalls einer lauern. Andernfalls würde ich diesen ja erwarten und er könnte mich folglich nicht „völlig unerwartet” anspringen.

Dumm gelaufen…

Wenn ich jedoch weiß, dass hinter der zehnten Türe sicher kein Tiger wartet, dann kann auch hinter der neunten keiner sein. Denn wenn ich acht Türen geöffnet habe und von keinem Tiger getötet wurde, würde ich wissen, dass er nur hinter der neunten stecken kann, weil er ja hinter der zehnten keinesfalls ist, und wäre wiederum nicht überrascht.”

Mit dieser Überlegung fährt er fort und kommt schließlich zum Ergebnis, dass hinter keiner einzigen Tür ein Tiger lauern kann. Als er das Signal zum Öffnen der ersten Tür hört, beginnt er nun frohen Mutes – weil überzeugt davon, dass der Diktator nur geblufft hat – eine Tür nach der anderen zu öffnen. Bei der fünften springt ihn völlig unerwartet ein weißer Tiger an und frisst ihn auf. Was ist hier schiefgelaufen?

Arbeits-Autismus

Obwohl rein sachlich kein Zusammenhang zu bestehen scheint, musste ich an dieses Paradoxon denken, als mir vor kurzem ein alter Branchenfreund über seine Beobachtungen im eigenen Unternehmen berichtete, wo das frühere lockere Miteinander und der ungezwungene Austausch einem merkwürdigen Autismus gewichen war. Mittlerweile würden viele Kollegen, erzählte er mir betrübt, still vor sich hinwerkeln, die Schultern bis zu den längst schon eingeklappten Ohren hochgezogen und peinlich darauf bedacht, nicht aufzufallen.

Warum mir gerade dabei die Tiger-Geschichte eingefallen war? Weil ich vom Spontanbegriff „Arbeits-Autismus”, von dem mir mehrheitlich große Unternehmen betroffen scheinen, direkt folgendes „Branchen-Paradoxon” assozierte: Just in einer Phase, in der es für Handel und Industrie nötiger denn je scheint, eng zusammenzurücken, offen zueinander zu sein und eine lückenlose Front zu bilden, um die wachsenden Herausforderungen gemeinsam zu stemmen, entfernen sich die Protagonisten immer weiter voneinander.

Anstatt sich konstruktiv in einem vertrauensvollen und respektvollen Miteinander mit Lösungen zu beschäftigen, scheint mir jede Partei für sich in eine zunehmende Eigenfixierung zu verfallen und den jeweils anderen pauschal für die eigenen Schwierigkeiten verantwortlich zu machen. Amikale Gespräche, wie früher üblich, sind stummem Misstrauen gewichen.

Dabei übersieht der Handel, dass seine Ansprechpartner bei der Industrie unheimlichen Zwängen unterliegen, für die sie nicht unmittelbar verantwortlich sind und unter denen sie selbst leiden. Und die Industrie will nicht zur Kenntnis nehmen, wie hart der tägliche Überlebenskampf im Handel und wie aufreibend ein Leben als Unternehmer ist.

Sprachen-Verwirrung

Das ist nicht das platte „Früher-war-alles-besser”-Lamento, sondern eine offenkundige Tatsache: Handel und Industrie sprechen immer häufiger unterschiedliche Sprachen, die vom jeweils anderen nicht (mehr) verstanden werden (wollen). Ehrliches Bemühen, sich in die Lage des Gegenüber zu versetzen? Das hat Seltenheitswert. Kein Wunder: Autisten schotten sich von ihrer Umwelt ab und pflegen neben stereotypen Verhaltensweisen auch eine ganz eigene Art der Kommunikation.

Während es die einen mittels vorgefertigter Worthülsen zur Kunst erhoben haben, die banalsten Dinge unheimlich klug klingen zu lassen, pocht man auf der anderen Seite immer noch auf putzige Hemdsärmeligkeit, in deren Bugwelle die cleversten Überlegungen manchmal wie Banalitäten wirken. Dabei gibt es gescheite Menschen da wie dort. Zu sagen hätten viele etwas, zuhören wollen immer weniger.

Zu allem Übel werden in der jüngsten Vergangenheit immer mehr von den verbliebenen „Übersetzern” zwischen den Welten „einvernehmlich” aus den verschiedensten Unternehmen befördert. Die Liste ist lang und voll prominenter Namen, von denen jeder unsere Branche menschlich ein wenig ärmer gemacht hat.

Respekt und Wertschätzung

Mir hat vor Jahren der Manager eines Industrieunternehmens erzählt, dass er auf einen Augustin-Verkäufer – ohne jeden Zynismus – mit den Worten zugegangen ist: „Na, was bieten Sie denn Interessantes an?” Die Reaktion war maßloses Erstaunen und riesige Freude darüber, dass es da jemanden gab, der einem derart entwaffnend respektvoll begegnete.

In Linz bietet sich demnächst eine ganz hervorragende Möglichkeit, mit Menschen zu reden, denen man bis zum Beweis des Gegenteils unterstellen sollte, dass sie einen guten und wichtigen Job machen. Kunden und Lieferanten mit ehrlichem Respekt begegnen? Einen Versuch wäre es wert.

Da fällt mir ein: Wussten Sie, dass es auf Kreta einen einzigen Barbier gibt, und der alle Männer rasiert, die sich nicht selbst rasieren? Stellt sich bloß die Frage: Rasiert der Barbier sich nun selbst, oder nicht? Aber das ist eine andere Geschichte…

Bilder

Kommentare (2)

  1. Lieber Herr Rockenbauer,
    wo nur haben Sie Ihre Informationen her , wie Autisten sind ??
    Ich empfehle Ihnen freundlich, sich hier mal unvoreingenommen
    bei Autisten selber , oder durch seriöse Literatur zu informieren,
    damit Sie nicht mehr auf solche Klischeevorstellungen zurückgreifen müssen.
    Mfg
    sanne rüberg

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    1. Liebe Frau Rüberg,

      vielen Dank für den Hinweis, mit dem ich allerdings nicht viel anfangen kann…
      Man kann meine Meinung anzweifeln, auch gänzlich anderer Meinung sein, und mir sogar die Kompetenz abstreiten, aus bestimmten Wahrnehmungen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Aber sinnvolle Kritik sollte sich wohl immer mit dem tatsächlichen(!) Thema eines Beitrags auseinandersetzen.

      Mein Beitrag hat sich ganz offensichtlich NICHT mit Autismus im medizinischen Sinn beschäftigt. Zumindest in meinem Freundeskreis assoziiert man mit der Behauptung, dass sich jemand „autistisch verhält”, im Allgemeinen kein medizinisches Krankheitsbild, sondern eine ganz bestimmte Verhaltensweise eines vermutlich gesunden Menschen.

      Der Vorwurf der Klischeehaftigkeit ist in diesem Zusammenhang also keiner, weil gerade das beabsichtigt war. Wenn ich etwa in einem Kommentar (bei dem es nicht um Programmierer geht) über jemanden schreibe, der sich wie ein „typischer Programmierer” verhält, dann ruft das beim Leser in den meisten Fällen ein Bild hervor, das nur zu einem kleinen Teil der tatsächlichen Lebens-Realität eines durchschnittlichen Programmierers entsprechen mag.

      Das erscheint mir aber in einem solchen Fall (journalistische Gattung des pointierten Kommentars) gar nicht wichtig. Wichtig ist – so meine Überzeugung – eben das gemeinsame Bild, das damit erzeugt wird. Nicht erwähnen muss ich wohl, dass das nicht in jedem Zusammenhang zulässig ist (in einer wissenschaftlichen Arbeit keinesfalls; außer vielleicht in einer soziologischen und dann unter „” und mit Fußnote ;-)).

      Ich bin überzeugt, dass fast jedem meiner Leser und Leserinnen klar ist, dass ich kein Fachmann bezüglich Autismus bin, und mich – eben mit voller Absicht – eines Klischees im Sinne von Schablonenhaftigkeit bedient habe, um einen gemeinsamen Konsens bezüglich des damit assoziierten Bildes zu erreichen.

      Das einzige, was ich verstehen könnte ist, wenn man den Standpunkt vertritt, dass Autismus für die Betroffenen (die Kranken wie deren Angehörigen) eine zu ernste Angelegenheit ist, als dass man Sie für das Erzeugen einer Assoziation benutzt. Aber wenn Sie dieser Meinung sind, dann hätten Sie das auch so sagen müssen. Dann hätte ich den Kommentar als bedenkenswert und nicht als unsinnig empfunden.

      Herzliche Grüße
      Andreas Rockenbauer

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