Samstag, 7. Dezember 2019
Über den Rand geschaut...

Nix für Nerds!

Über den Rand | Andreas Rockenbauer | 29.09.2019 | Bilder | |  

Andreas Rockenbauer
Würden Sie Schach als Sport bezeichnen? Oder Darts? Oder Snooker? Und nach welchen Maßstäben sagen wir über die eine Beschäftigung, dass sie Sport sei und bestreiten das bei einer anderen? Haben Sie schon einmal versucht zu definieren, was Sport ist? Viel Glück dabei. Vor Kurzem hat mir ein alter Schulfreund bewiesen, dass es mit der ganzen Altersweisheit nicht weit her ist und man auch mit Ende 52 eine weltweite Entwicklung übersehen kann, die für eine halbe Milliarde Menschen bereits zum täglichen Leben gehört. Mein Selbstbewusstsein ist angeknackst, aber meine Neugier auf einem bemerkenswerten Zwischenhoch...

Ludwig Wittgenstein hat sich in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts am Begriff „Spiel” abgearbeitet und dabei festgestellt, dass sich selbst jene Begriffe nicht exakt definieren lassen, von denen wir ganz genau zu wissen meinen, was sie bedeuten. Seine bis in die Gegenwart nachwirkende Schlussfolgerung: Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch.

Das heißt erstens, dass sich die Bedeutung eines Wortes mit der Zeit verändert und zweitens dass der Zugang zu Begriffen viel pragmatischer ist, als wir intuitiv meinen.

Warum ich das erwähne? Weil ich meinen Freund Thomas Weigelhofer – wir kennen einander seit 40 Jahren – für verrückt gehalten habe, als er mir vor etwa einem Jahr (also lange vor den Schlagzeilen rund um den Rekordgewinn des Kärntner Weltmeisters) erklärte, dass Österreich ein professionelles eSports-Management benötigen würde und er da ein paar Spieler aus verschiedenen Ländern hätte, aus denen er ein schlagkräftiges österreichisches Team formen wolle. Das wäre eine tolle Herausforderung und würde ihm riesigen Spaß machen. Außerdem wäre das der Schritt in eine Zukunft, die niemand aufhalten könne.

eSports? Echt jetzt? Ich hielt das für einen mäßig gelungenen Scherz. Ein paar pickelige Freaks mit langen fettigen Haaren, die – umgeben von einem übel riechenden  Haufen aus leeren Pizzaschachteln, schmutzigen Kaffeetassen, Red Bull-Dosen und Cola-Flaschen – stundenlang auf die Computertastatur einhämmern, sich die Finger an irgendwelchen Controllern verbiegen und in Headsets quasseln? Technoaffine Sozialphobiker?

Uups! Da war ich wohl geradewegs in eine ignoranzbefeuerte Vorurteilsfalle getappt… Das wurde mir peu á peu in der folgenden Stunde klar, als mir Thomas, der immerhin auf eine fast 20jährige Erfahrung als CFO in unterschiedlichen Konzerntöchtern von Siemens zurückblicken kann und Bilanzen liest, wie andere Zeitungsartikel, einen Schnellkurs in Sachen eSports gab – eSports für Dummies sozusagen.

Schnell wurde mir klar, dass die professionelle eSports-Landschaft definitiv nichts für Nerds ist. Abgesehen von extremer Geschicklicheit und geistiger Wendigkeit, geht da nichts ohne ein Übermaß an taktischem Verständnis und Team-, Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit. Logisch, dass da auch die körperliche Verfassung eine entscheidende Rolle spielt.

Danach stand für mich fest: Thomas meinte das nicht nur todernst, er geht auch (zusammen mit Sohn und eSports-Kenner Stefan und dem befreundeten Manager Markus Jaksche) mit bewundernswerter Professionalität an die Sache heran, hat einen vielversprechenden Plan und eine einleuchtende Vision. Aus dem spontanen „Was ist das für ein Schrott?” wurde ein begeistertes „Was für eine abgefahrene, coole Sache!”. Ich war ehrlich begeistert.

SMARACIS eSports (https://smaracis-esports.com) fällt jedenfalls nicht durch Understatement auf: Das betreute Team, das derzeit aus sechs internationalen Spielern (inklusive Coach) besteht und auf das Spiel DOTA 2 spezialisiert ist, wird in Zukunft an allen weltweiten Top-Turnieren teilnehmen. Parallel dazu sollen weitere professionelle Teams in unterschiedlichsten eSportarten gemanagt werden.

Aber damit nicht genug: Als große Vision sehen die beiden Weigelhofers die Gründung einer „Junior eSports Academy”, um Nachwuchstalente zu fördern und einen eigenen österreichischen eSports-Campus für Profispieler inklusive beruflicher Weiterbildung. Immerhin will man in absehbarer Zeit zu einer der führenden eSports-Organisationen in Europa werden.

Die Marktzahlen sehen jedenfalls allesamt vielversprechend aus: Die Wachstumsrate der weltweiten eSports-Umsätze liegt enseits der 30%, weltweit beschäftigt sich etwa eine halbe Milliarde Menschen mit eSports, große Turniere haben Millionen von Zuschauern.

Außerdem hat mir Thomas stolz verraten, dass der Vertrag mit einem österreichischen Top-Unternehmen als SMARACIS eSports-Sponsor wenige Tage vor dem Abschluss steht und es so aussieht, als würde sich die unermüdliche Aufklärungsarbeit der vergangenen Monate jetzt auszahlen.

Zusätzlich wurde vor kurzem eine Crowd Funding-Kampagne gestartet, die eSports affinen Menschen oder solchen, die aus bloßer Neugier oder aus dem Gefühl heraus, dass da eine ganz große Sache entstehen könnte, die Möglichkeit gibt, hautnah bei den „SMARACIS eSports”-Plänen dabei zu seinen. Der Link zur Kampagne: https://www.kickstarter.com/projects/931962522/emotions-and-passion-be-part-of-your-esports-organization?ref=nav_search&result=project&term=esports

Ich habe jedenfalls beschlossen, mich auf eigene Faust ein bisschen schlauer zu machen und selbst mal in eines der „Spiele” einzutauchen. Keine Ahnung warum, aber meine (eher zufällige) Wahl (die ich vielleicht noch ändern werde) ist auf „Fortnite” von Epic Games gefallen.

Bislang bin ich allerdings an der Registrierung gescheitert, weil mir einfach kein toller Spielername einfallen will, der nicht schon von einem anderen Klugscheißer verwendet wird. Es ist zum aus der Haut fahren! Schließlich will ich mich nicht schon mit der Wahl des Nicknames als Lachnummer outen. Auch wenn mir das im Spiel dann ohnehin nicht erspart bleiben wird…

Thomas hat mich bereits vorgewarnt: „Das geht alles so schnell, dass du nichts mitkriegst. Sowohl Profis als auch gute Amateure unter den eSportlern sind derart fit im Kopf (und mit den Fingern), dass ein Normalsterblicher so was von keine Chance hat, das kannst du dir gar nicht vorstellen.” Na, schaun wir mal. Vorsichtshalber habe ich mich mental auf eine beachtliche Demütigung eingestellt. Sollte ich mal die Registrierung erfolgreich hinter mich bringen…

Bleibt noch die Frage, ob eSports nun „echter” Sport ist oder nicht. Meine Antwort drauf: Wen kümmerts?

Bilder
Thomas und Stefan Weigelhofer sowie Markus Jaksche wollen die europäische eSports-Community professionalisieren
(© SMARACIS eSports)

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.