Samstag, 7. Dezember 2019
Hurra, wir werden dümmer

Auf dem Weg zur Glückseligkeit

Hintergrund | Wolfgang Schalko | 24.11.2019 | Bilder | |  

Wolfgang Schalko
Schon in den Evangelien heißt es: Selig sind, die da geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich. Und wie man gemeinhin weiß, ist Unwissenheit ohnehin ein Segen. Von dieser Warte aus betrachtet werden wir – dh die Menschheit – gerade immer glücklicher, denn wie neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen ist der Zenit des geistigen Entwicklungspfades überschritten und der menschliche IQ wieder im Sinkflug begriffen.

Wer kennt sie nicht – die Situationen, in denen man sich angesichts der um sich greifenden Blödsinnigkeiten fragt, ob die Welt noch lange steht? Darauf kann die Wissenschaft zwar keine gesicherte Antwort geben, sehr wohl aber darauf, dass es um unsere Intelligenz nicht zum Besten bestellt ist. Zumindest, wenn man unsere selbst definierten Erhebungsmethoden zugrunde legt…

Betrachtet man nämlich den erreichten Intelligenzquotienten (IQ) in IQ-Tests, so werden wir (gemeinst sind damit Bewohner von Nationen wie Norwegen, der Schweiz, Deutschland, den Niederlanden, Frankreich oder Österreich) wieder dümmer – und das, nachdem die Leistungen über Jahrzehnte hinweg stets besser geworden waren (der sog. Flynn-Effekt, benannt nach seinem Entdecker James Flynn in den 1980er-Jahren). Der Leistungsanstieg lag bei durchschnittlich 0,3 IQ-Punkten pro Jahr – was zwar nach nicht allzu viel klingen mag, aber wer heute einen IQ von 100 erreicht, hätte mit einer ähnlichen Leistung Anfang des 20. Jahrhunderts etwa 130 Punkte erzielt – was dem Unterschied zwischen einer durchschnittlichen Intelligenz und einer Hochbegabung entspricht.

Während Experten den Flynn-Effekt auf Verbesserungen der Ernährung und medizinischen Versorgung sowie den Ausbau des Bildungssystems zurückführten, sollten natürlich auch die Gründe für den aktuellen Anti-Flynn-Effekt – dh warum wir wieder dümmer werden – gefunden werden.

Die vor allem von Rechtspopulisten vorgebrachte These, dass gebildete Menschen meist nur wenige Kinder hätten, weniger intelligente dagegen oft sehr viele, und der Genpool durch die zumindest teilweise Vererblichkeit von Intelligenz an Qualität verliere, konnte durch eine Studie in Norwegen widerlegt werden. Auch die These, dass die steigende Migration, im Zuge derer ungebildete Einwanderer (mit vielen Kindern) den IQ in Europa nach unten nivellieren würden, die Ursache sei, konnte nach einer Studie niederländischer Forscher zu unterschiedlichen Gruppen von Zuwanderern ausgeschlossen werden. Die Niveaus würden sich binnen kurzer Zeit angleichen – sowohl nach oben wie auch nach unten.

Woran der Anti-Flynn-Effekt schon eher liegen könnte, vermuten die meisten von uns wohl insgeheim: „Die Digitalisierung verändert unser Denken”, so der Psychologe Jakob Pietschnig von der Uni Wien. Früher wusste man wichtige Jahreszahlen der Weltgeschichte auswendig. Heute wird gegoogelt. Manche Experten glauben, dass Navis dumm machen: Menschen können sich riesige Wegnetze einprägen. Doch diese Fähigkeit verkümmere, wenn man zur Orientierung Navis nutze, so die Psychologin Julia Frankenstein von der Uni Darmstadt. Allerdings würden Videospiele, bei denen man sich in virtuellen Welten zurechtfinden muss, das räumliche Vorstellungsvermögen trainieren.

Ich selbst nehme mich von dieser Entwicklung keineswegs aus, würde in vielen Fällen als Beschreibung aber „denkfaul” (was meines Erachtens nicht mit „dumm” gleichzusetzen ist – allerdings sehr wohl in der eigenen Verantwortung liegt) vorziehen. Schließlich sind Smartphone & Co, wenn mit Bedacht (!!) eingesetzt, ja tatsächlich eine große Hilfe im Alltag. Oder wie mir schon meine Mathematik-Professorin beibrachte: Sobald man etwas händisch auf einem Blatt Papier ausrechnen kann, darf man dafür auch den Taschenrechner verwenden – aber nicht umgekehrt!

Pietschnig vermutet ohnehin einen anderen Grund für die nachlassenden Leistungen bei IQ-Tests. Dabei werden unterschiedliche Bereiche wie Sprachgefühl, abstraktes Denken oder räumliches Vorstellungsvermögen untersucht und aus den Ergebnissen dann die allgemeine Intelligenz errechnet. Der Flynn-Effekt beruhte stark auf Verbesserungen in Einzelbereichen. Heißt im Klartext: Die meisten Menschen sind nur in ihrer Paradedisziplin besser geworden – die Arbeitswelt verlangt den Menschen immer stärkere Spezialisierungen ab, viele Schulreformen wirken ebenfalls in diese Richtung. Schon Kinder sollen heute lernen, ihre Stärken zu erkennen und auszubauen – das Ideal umfassender Bildung, die alle Aspekte der Intelligenz gleichermaßen fördert, rückt dadurch aber in den Hintergrund.

Was das für den IQ bedeutet, erläutert der Forscher am Beispiel des Zehnkampfs: „Sie da das Laufen intensiv trainieren, steigt in der Folge die Leistung in den entsprechenden Disziplinen. Das Diskuswerfen dagegen vernachlässigen Sie vielleicht. Da werden Sie dann ein bisschen schwächer. Aber das fällt kaum auf, und Ihre Gesamtpunktezahl steigt.” An einem bestimmten Punkt aber seien die Verbesserungen in der Paradedisziplin nur noch winzig. Dann würden die Defizite in anderen Bereichen spürbar – bis die Gesamtpunktezahl, die im Wettbewerb erreicht werde, schließlich wieder sinke.

Dazu komme laut dem Neuropsychologen Lutz Jäncke von der Universität Zürich noch etwas: „Die Aufmerksamkeitsspanne nimmt ab. Gerade viele junge Leute chatten gleichzeitig auf Whatsapp, schauen Youtube und hören Musik.“ Das fördere Konzentrationsschwierigkeiten, weshalb Jäncke befürchtet, dass sich dieses Problem künftig bei IQ-Tests verstärkt negativ auswirken wird – und die Menschheit dann vielleicht bald dümmer als vor 100 Jahren sein wird.

Um auf das eingangs Gesagte zurückzukommen: Wir steuern offenbar wahrlich glücklichen Zeiten entgegen…

Bilder
(© Mario Büttner / pixelio.de)

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