Samstag, 7. Dezember 2019
Teuer erkaufte Geschwindigkeit

Logistik: Amazon verheizt seine Mitarbeiter

Hintergrund | Dominik Schebach | 29.11.2019 | |  
Die Geschwindigkeit bei der Auslieferung wird in den US-Logistikzentren von Amazon auf Kosten der Mitarbeiter erkauft. Das zeigt ein Bericht des US-Recherchenetzwerks CIR. Die Geschwindigkeit bei der Auslieferung wird in den US-Logistikzentren von Amazon auf Kosten der Mitarbeiter erkauft. Das zeigt ein Bericht des US-Recherchenetzwerks CIR. (© Amazon) Dass Amazons ständiges Streben nach mehr Effizienz und Geschwindigkeit in der Auslieferung auf Kosten der Mitarbeiter erfolgt, ist bekannt. Wie nun eine Untersuchung von Reveal, einem Projekt des Center for Investigative Reporting (CIR), kann man dies allerdings auch an der Unfallstatistik ablesen: Demnach ziehen sich  Amazon-Mitarbeiter in den USA doppelt so oft schwere Verletzungen zu, wie im landesweiten Branchenschnitt. Besonders gefährlich seien demnach die Top-Handelstage wie Black Friday, an denen die Angestellten in 12h-Schichten arbeiten.

„Amazons Geschwindigkeit und Logistik-Innovationen haben dessen weltweite Expansion und den Marktwert des Unternehmens auf über 800 Mrd Dollar getrieben“, schreibt Reveal. „Aber die Konzentration des Unternehmens auf Geschwindigkeit hätten seine Lagerhäuser in Verletzungs-Mühlen verwandelt.“

Wie der Bericht von CIR zeigt, stehen die Arbeiter in den US-Logistikzentren von Amazon unter so hohem Zeitdruck, dass sie die Sicherheitsvorschriften nicht einhalten können oder – aus Angst um ihren Job – ignorieren. Die Konsequenz sind häufige Verletzungen und körperliche Schäden wegen der hohen Dauerbelastung, wodurch die betroffenen Mitarbeiter laut CIR ihren Job so oder so verlieren würden.

Die Vorwürfe belegt das CIR durch die Unfallberichte von Amazon selbst. Demnach verzeichnet der Online-Riese 2018 in 23 seiner US-Auslieferungszentren 9,6 schwere Verletzungen pro 100 Mitarbeiter. Das ist mehr als das Doppelte als der US-Branchenschnitt von 4.

Auf Nachfrage des CIR erklärte Amazon, dass diese Zahlen durch die rigorose Meldepflicht von Verletzungen zustande kämen. Eine Interpretation der Daten, die zumindest durch die angeführten Erfahrungsberichte der Mitarbeiter nicht gestützt wird.

[Update] Die Antwort von Amazon

Auf Anfrage von elektro.at wiederholte Amazon Deutschland die Aussage, dass die Unfallstatistik des Online-Händlers vor allem wegen der genauern Erfassung der Unfälle so schlecht ausfalle. „Während viele Unternehmen möglichst wenige Sicherheitsunfälle dokumentieren, um die Raten gering zu halten, tut Amazon das Gegenteil – wir dokumentieren Unfälle rigoros, egal wie groß oder klein. Uns ist das Arbeitsumfeld der Mitarbeiter im Logistikzentrum so wichtig, dass wir öffentliche Touren anbieten, damit sich jeder selbst ein Bild von unseren Standorten und den Arbeitsbedingungen machen kann“, heißt es in der Stellungnahme von Amazon Deutschland. „Bei Amazon beginnen und enden wir unseren Tag mit Sicherheit, führen den ganzen Tag über mehrere Sicherheitschecks durch und handeln auf Ideen und Feedback der Mitarbeiter in Echtzeit. Wir erwarten von unserem Management, dass es Sicherheit der operativen Abläufe kontinuierlich verbessert, indem es physische Risiken durch die Gestaltung von Prozessen und Arbeitsbereichen reduziert, jeden Tag hohe Sicherheitsstandards anwendet, Fähigkeiten durch Training und Coaching verbessert und rigorose Management-Berichtssysteme einsetzt, um Fortschritte zu verfolgen.“

 

 

 

 

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