Samstag, 7. Dezember 2019
Studie der Universität Salzburg und Mediareports

Österreich – ein „Sonderfall” beim Fernsehen

Multimedia | Wolfgang Schalko | 29.11.2019 | BilderDownloads | |  
Univ.-Prof. Dr. Josef Trappel, Leiter des Fachbereichs Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg, präsentierte die Ergebnisse der Studie „Lineares Fernsehen 2030 in Österreich”. Univ.-Prof. Dr. Josef Trappel, Leiter des Fachbereichs Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg, präsentierte die Ergebnisse der Studie „Lineares Fernsehen 2030 in Österreich”. Der Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg und Mediareports haben im Auftrag der ORS die Entwicklung des Bewegtbildkonsums bis 2030 untersucht – und festgestellt, dass On-demand das klassische Fernsehen noch lange nicht ablösen wird. Getrieben von der non-linearen Nutzung steigt der durchschnittliche Bewegtbildkonsum bis 2030 sogar um ca. 10% auf 262 Minuten täglich.

Studienautor Univ.-Prof. Dr. Josef Trappel präsentierte die Ergebnisse der Untersuchung vor kurzem im Rahmen des Symposiums „5G Broadcast – Die Zukunft des Rundfunks im 5G Zeitalter”. Österreich stellt sich demnach als „Sonderfall” dar, denn während die lineare TV-Nutzung international sinkt, steigt sie hierzulande. „Österreich sich aber über kurz oder lang diesem Trend anpassen”, prognostizierte Trappel. Während sich die Nutzungsdauer von nichtlinearem Bewegtbild in der Gesamtbevölkerung bis 2030 von 48 auf 87 Minuten fast verdoppeln werde, klafft bei der Nutzungszeit von linearem TV eine breite Schere zwischen den Altersgruppen: Bei den Älteren bleibt diese sehr hoch, bei den Jüngeren wird sie sehr niedrig sein, was im Schnitt einen Rückgang von 194 auf 176 Minuten täglich bedeutet. „Wir erwarten somit ein Trendwende bei linearem TV dahingehend, dass das Verhältnis linear/non-linear im Jahr 2030 ca. 2/3 zu 1/3 in der Gesamtbevölkerung sein wird”, so der Studienautor.

Die Studienergebnisse im Detail

Welche Entwicklung ist nun für das Fernsehen tatsächlich zu erwarten? „Die Nutzungszahlen weisen zwar in vielen Ländern einen stetig rückläufigen Trend auf, von einem Verschwinden des klassischen Fernsehens kann aber keine Rede sein“, führte Trappel aus. Eine Analyse dieser Nutzungsverläufe und eine Prognose auf der Basis zahlreicher Einflussfaktoren, die das kommunikationswissenschaftliche Institut der Universität Salzburg zusammen mit Mediareports erarbeitet hat, ergibt ein differenziertes Bild:

Die Bewegtbildnutzung hat insgesamt zugenommen:
Werden alle Formen von Bewegtbild zusammen betrachtet, also klassisches „lineares“ Fernsehen mit vorprogrammierter Sendungsstruktur sowie Abruffernsehen (on-demand, streaming) und Onlinedienste wie YouTube, dann wird ein stetiger Anstieg an Nutzungszeit erkennbar. Allein zwischen 2016 und 2019 hat die Nutzung pro Person und Tag von 213 auf 242 Minuten zugenommen. Ein Anstieg um 29 Minuten.

Unterschiedliche Nutzungsdauer je nach Alter:
Diese Nutzungsdauer ist je nach Altersgruppe unterschiedlich. Bei Menschen über 60 ist das Wachstum ungebrochen. Mehr als fünf Stunden verbringen sie jeden Tag mit dem Konsum von Bewegtbildern. Auch die Gruppe der 30- bis 59-jährigen verbringt damit jedes Jahr mehr Zeit. Lediglich die Jüngeren, also die Gruppe der 12- bis 29-jährigen, verbringt weniger Zeit damit, aktuell etwa drei Stunden täglich. 80 Prozent dieser Zeit entfallen aktuell auf das klassische lineare Fernsehen. Der Anteil an zeitversetztem und on-demand Bewegtbild nimmt aber zu.

Ein Blick auf die Altersdifferenzierung beim linearen Fernsehen ergibt laut Studie folgendes Bild:
Die Nutzungszeit für das lineare Fernsehen hat in den vergangenen zehn Jahren um mehr als eine halbe Stunde auf 189 Minuten pro Tag zugenommen, ein Wachstum um mehr als eine halbe Stunde. Allerdings zeigen sich auch hier signifikante Unterschiede ja nach Altersgruppe. Die Älteren nutzen das lineare Fernsehen deutlich häufiger und länger als die Jüngeren. Besonders stark war der Rückgang bei den 12- bis 19-jährigen, die 2018 deutlich mehr Zeit mit on-demand als mit linearem Fernsehen verbracht haben. Hier hat sich die Konkurrenz der Streaming-Dienste schon bemerkbar gemacht.

Kommunikationsforschung erwartet keine digitale Disruption bei der TV-Nutzung in Österreich

Die Prognose bis 2030 zeigt eine Scherenbewegung. Während die Nutzungszeit pro Person für Bewegtbild insgesamt weiter ansteigt (auf 262 Minuten), nimmt die Nutzungszeit für lineares Fernsehen um 18 Minuten pro Tag ab (auf 176 Minuten). „Bis 2030 ist das kein disruptiver Wandel“, ließ Trappel keinen Zweifel an der weiterhin hohen Bedeutung der linearen TV-Nutzung aufkommen. Allerdings zeigt die Projektion, dass 2030 die Jungen unter 29 Jahren nur mehr deutlich weniger als eine Stunde mit linearem Fernsehen verbringen werden. Wächst diese Generation in die nächste Alterskohorte, wird ihr Konsum von linearem Fernsehen zwar etwas zunehmen, aber nicht mehr das Nutzungsniveau der aktuell 30- bis 59-jährigen erreichen. Der internationale Vergleich zeigt, dass sich der Wandel der Fernsehnutzung von linearem Angebot zu on-demand Diensten in Österreich langsamer vollzieht als in anderen Ländern. Dies bestätigt Befunde aus der Nutzungsforschung, wonach Zeitungen in Österreich eine wichtigere Nachrichtenquelle darstellen als in anderen Ländern.

„Ich finde es erfreulich, dass durch diese Studie mehr Sachlichkeit durch wissenschaftlich fundierte Zahlen in die Debatte um die Entwicklung des linearen Fernsehkonsums einzieht. Trotz aller Veränderungen des Bewegtbildkonsums und der Mediennutzung insgesamt wird realistisch betrachtet die Nutzung von linearem Fernsehen weiterhin höchst marktwirksam bleiben“, kommentierte ORS-Geschäftsführer und Studieninitiator Michael Wagenhofer die Ergebnisse.

Trends und Einflussfaktoren für die Prognose

Die wesentlichen für die Prognose berücksichtigten Trends und Faktoren sind:

Bewegtbildangebot:

  • SVoD-Angebote sind die stärkste Bedrohung des linearen Fernsehens.
  • Videoplattformen überzeugen weiterhin mit vielfältigen Inhalten.
  • Ein vielfältiges lineares und auch kostenloses Angebot besteht fort.
  • Die Einnahmen der Broadcast-Anbieter stagnieren.
  • Ein Alleinstellungsmerkmal der österreichischen TV-Sender ist die Produktion und Ausstrahlung nationaler Inhalte (Formate/Inhalte mit Österreichbezug). Dieses Alleinstellungsmerkmal bleibt bestehen.
  • Die Broadcast-Anbieter bauen ihre Mediatheken aus.

Bewegtbildnutzung:

  • Das Nutzungspotenzial von Bewegtbild liegt 2030 höher als 2018. Die Nutzungszeit für Bewegtbilder insgesamt nimmt zu.
  • Die lineare Nutzungszeit geht in Österreich bis 2030 vergleichsweise wenig zurück.
  • Die nichtlineare Nutzungszeit nimmt deutlich zu. Die Reichweite von OTT-Video nimmt ebenso zu wie die Verweildauer. „Nutzungstreiber“ von OTT-Video sind kostenpflichtige VoD-Angebote, insbesondere SVoD.

Demografie, Wirtschaft, Gesellschaft:

  • Die demografische Entwicklung bis 2030 stützt das lineare Fernsehen potenziell, denn das Bevölkerungswachstum hält an und der Anteil älterer Personen nimmt deutlich zu.
  • Die Zahl der Arbeitsstunden pro Person und Tag nimmt allenfalls geringfügig ab. Die daraus resultierenden zusätzlichen Bewegtbildnutzungspotenziale sind zwar eher gering, könnten jedoch dem linearen Fernsehen zugutekommen.

Sonstige:

  • Die Ausstattungsquoten mit Breitbandinternet werden bis 2030 noch etwas zunehmen.
  • Die Ausstattung mit und Nutzung von Connected TV nimmt zu. On-Demand Inhalte sind damit zunehmend komfortabel auf dem Fernsehgerät verfügbar.

Die gesamte Studie finden Sie beigefügt als PDF zum Download.

Bilder
Prognose Nutzungszeit lineares Fernsehen in Österreich 2024 und 2030.
Prognose Nutzungszeit lineares Fernsehen in Österreich 2024 und 2030. (© Universität Salzburg / mediareports GbR)
Downloads
Studie „Lineares Fernsehen 2030 in Österreich”

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.