Dienstag, 7. Juli 2020
Über ein kostbares Gut, das vielfach unterschätzt wird

Selbstironie dringend gesucht

Über den Rand | Andreas Rockenbauer | 08.12.2019 | Bilder | |  

Andreas Rockenbauer
Es ist eine Szene wie aus einer Satire. Einer meiner Freunde sitzt vor seinem Notebook und auf dem Schirm ist folgendes Bild zu sehen: Ein junger Mann im Business-Outfit, der eine breite Treppe hinuntergeht und dabei konzentriert auf sein Handy blickt. Ein Text am unteren Bildrand erklärt, dass dieser Mann gerade eine SMS tippt. Darunter die Frage: „Wie reagieren Sie in dieser Situation?”

Mein Freund blickt sich erwartungsvoll um nach mir: „Und? Was meinst du?” Ich zucke mit den Schultern. Rasch stellt sich heraus, dass „Gar nicht” oder „Hä?” keine zulässigen Optionen sind. Es gibt mehrere Auswahlmöglichkeiten in guter alter Multiple-Choice-Manier, die mir allesamt völlig verrückt erscheinen. Die einzige, vom System als richtig akzeptierte Antwort lautet: „Ich spreche den Kollegen an und kläre ihn darüber auf, dass sein Verhalten gefährlich ist. Interaktionen mit dem Handy sollten nur im Stehen oder Sitzen erfolgen.”

Ich runzle die Stirn: „Haben die einen Vogel?”, frage ich mehr rhetorisch als eine Antwort erwartend. Und ergänze: „Das können die doch nicht ernst meinen?” „Doch”, widerspricht er mir, grinst mit einem Anflug von Resignation und deutet auf die Zeile darunter. Dort ist zu lesen, dass es mit der Aufklärung des Kollegen noch nicht getan ist. Jeder Mitarbeiter, der einen solchen oder ähnlichen Vorfall (die vierteljährlich zu absolvierenden „Compliance-Schulungen” bestehen aus vielen derartigen Szenen) beobachten würde, sei verpflichtet, unmittelbar nach dem „Incident” einen „Safety-Report” auszufüllen und an den zuständigen „Compliance-Officer” zu schicken. Ich packe es nicht.

Dabei hätte ich nicht überrascht sein dürfen. Vor einigen Jahren hatte ich einen Termin bei einem Lieferanten unserer Branche und bekam am Empfang einen Flyer in die Hand gedrückt, der mich mit Hilfe mehrerer Fotos und dazugehörigem Text unter anderem darüber aufklärte, dass das Treppengeländer im Stiegenhaus dafür da sei, damit ich mich beim Auf- bzw. Abstieg daran festhalten konnte, um nicht zu stürzen. Im übrigen sollte ich, wann immer das möglich sei, den Lift benutzen um Stürze treppauf oder -ab zu vermeiden.

Diesen Geschichten wurde auf der vergangenen IFA noch eine weitere hinzugefügt: Bei einem namhaften UE-Lieferanten wurden meine beiden Kollegen und ich vor dem kombinierten Händler-/Pressezentrum von einem, von uns ausgesprochen wertgeschätzten, Mitarbeiter herzlich empfangen und durch den Eingang an finster blickenden Securitys vorbei geschleust. Als wir nach einem Kaffee mit qualitativer Luft nach oben, ein paar Keksen und einem erfrischend angenehmen Gespräch das Allerheiligste wieder auf demselben Weg verlassen wollten, durch den wir eingedrungen waren, stellten sich uns die zwei Finsterlinge in den Weg.

Hier sei kein Ausgang, teilte man uns trocken mit. Wir blickten uns ratlos um, trennten uns doch höchstens zwei Meter Teppichboden mit nichts dazwischen von der Außenwelt. Einer der Securitys deutete nach rechts, wo in etwa fünf Metern Entfernung etwas war, was exakt wie der Eingang aussah, aber der Ausgang war.

Wo denn da der Unterschied sei, fragte einer meiner Kollegen und bekam zur Antwort: „Hier ist der Eingang, dort ist der Ausgang.” Also vollführten wir eine 90-Grad-Drehung nach rechts, schlüpften nach wenigen Metern hinaus und landeten exakt dort, von wo wir den Bereich auch betreten hatten. Der Unterschied zwischen Eingang und Ausgang? KEINER! Wir blickten uns fragend an und schüttelten ungläubig die Köpfe: „Was war das gerade?”, fragte ich in die Runde. Unserem Gesprächspartner war das sichtlich peinlich: „Am besten, man denkt darüber gar nicht nach.” Nachsatz: „Das war eh noch harmlos.”

Was viele nicht glauben wollen: Sich selbst zu ernst zu nehmen hat bloß zur Folge, dass es alle anderen irgendwann einmal nicht mehr tun. Es gilt der Aphorismus, dessen Herkunft nicht bekannt ist: „Selbstironie ist die Kunst, sich selbst so durch den Kakao zu ziehen, dass er hinterher noch schmeckt.” Ich bin der Meinung, dass er hinterher sogar noch besser schmecken kann. Wenn – und das ist die entscheidende Bedingung – die Selbstironie authentisch ist. Aber über diese Kunst trauen sich nur wenige, nehmen sich selbst furchtbar ernst und jede auch noch so fragwürdige Regel kritiklos hin.

Warum? Weil alles Andere eine Wanderung über einen schmalen Grad erfordert. Und starkes Selbstbewusstsein. Und Humor. Und Intelligenz. Unterstellungen, gerade die beiden Letzteren würde großen Teilen unserer Branche abgehen, weise ich mit (ironischer) Entrüstung zurück.

Es geht zum Glück auch anders: Unter dem Slogan „Weil wir dich lieben” setzten die Berliner Verkehrsbetriebe vor zwei Jahren eine mutig selbstironische Kampagne um, die nicht nur sympathisch war, sondern auch Kritikern mit Verve allen Wind aus den Segeln nahm. Ein Plakat etwa zeigte das Bild eines leeren Bahnsteigs, im Hintergrund eine Uhr. Dazu folgender Text: „Ringo Starr spielt heute in Berlin: Endlich ist jemand in der Stadt, der noch schlechter den Takt halten kann.”

Und ein weiteres in Anspielung auf Donald Trump mit der Front eines Busses und folgendem Text: „Na Donald, nicht doch lieber Busfahrer werden? Überleg´s dir noch mal! Du gibts die Richtung vor. Du hast immer Grund zum Pöbeln. Du kannst jeden abkassieren. Leichtes Übergewicht ist kein Problem. Kleine Hände auch nicht. Niemand erwartet Taktgefühl von dir.” Und dann noch das dazugehörige Video – sensationell lustig! Erfrischend!

Der Spiegel, nach der Relotius-Affäre rund um frei erfundene Storys, glaubwürdigkeitsmäßig arg gebeutelt, versah eine seiner Coverstorys in den Wochen danach mit einer Fußnote, unter der zu lesen war: „Mit echten Fakten.” Einen Zwinker-Smiley hatte man sich verkniffen. Das war entwaffnend.

Geht unsere Branche nur mehr in den Keller lachen? Nun gut, könnte man einwenden, den Weg kennt man ja. Das ist dort, wo Preise und Margen sind… Aber auch wenn besonders den Großen der Schmäh ausgeht, ist er für jeden Einzelnen Medizin gegen Branchen- und Winterblues. Und will man´s auch nicht für die tun, die einen tagtäglich ärgern, dann zumindest für sich selbst. Es geht einem besser dabei. Und auch danach. Garantiert.

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