Sonntag, 7. Juni 2020
Von Fehleinschätzungen und möglichen Folgen

Corona – unser aller Bier

Hintergrund | Wolfgang Schalko | 22.03.2020 | Bilder | |  

Wolfgang Schalko
Zugegeben: Der Wortwitz im Titel ist ziemlich seicht. Der Bildwitz daneben auch. Aber ich halte es momentan mit „Falter”-Herausgeber Armin Thurnher, der kürzlich bei seinen Corona-Ratschlägen schrieb: „Bleiben Sie witzig. Panik ist immer ein schlechter Ratgeber. Ich neige stets dem schlechten Witz zu, da Witz, auch der schlechteste, immer eine gewisse Entspannung bringt, weil er ein anderes Licht auf eine Situation wirft.” Und ein anderes Licht ist wohl genau das, was viele von uns momentan nur allzu gut gebrauchen können – weil sie, genau wie ich, das Coronavirus und seine Auswirkungen maßlos unterschätzt haben.

Wenn man sich derzeit umhört und umsieht, dann trifft man vor allem auf zweierlei: Unsicherheit und Angst. Angesichts der Tragweite, die die Ereignisse rund um das Coronavirus mittlerweile angenommen haben und wohl noch annehmen werden, durchaus berechtigt. Die quälende Frage, die sich mir in diesen Tagen stellt, ist jene, ob all das, was hier gerade unternommen wird, adäquat ist. Oder wie es Eric Frey im „Standard” formuliert hat: „Die Chancen für eine Eindämmung sinken Tag für Tag, die politischen und wirtschaftlichen Kosten steigen. Ist der Kampf womöglich schädlicher als das Virus selbst?” Tesla-Chef Elon Musk hat nach dem über den Elektroautobauer verhängten Produktionsstopp in Kalifornien seinen Standpunkt jedenfalls sehr unmissverständlich ausgedrückt: „Meine Vermutung ist, dass die Panik mehr Schaden anrichtet als das Virus, wenn das nicht schon geschehen ist.“ Ich für meinen Teil hingegen würde es als höchst anmaßend erachten, diese Frage zum aktuellen Zeitpunkt beantworten zu wollen.

Allerdings geistert mir – daran anknüpfend – seit Tagen ein Artikel, den ich unabhängig von der Corona-Krise (weil schon zuvor erschienen) gelesen habe, im Kopf herum: „Warum haben wir Angst im Dunkeln?” lautete der Titel und darin hielt der Sozialpsychologe Johannes Klackl einige bemerkenswerte und auch in Bezug auf die Corona-Pandemie sehr treffende Aspekte fest: „Evolutionspsychologisch gesehen stellt die Nacht eine Gefahr dar. Die Dunkelheit erlaubt es anderen, sich zu verstecken, jemandem aufzulauern.  Es sind weniger Leute unterwegs, die einem helfen könnten. Die Nacht ist also objektiv gesehen gefährlicher.” Zugleich sei die Angst im Dunkeln aber auch ein subjektives Gefühl: „Auch wenn ich nachts zu Hause und in Sicherheit bin, kann Angst aufkommen. Unser Gehirn versucht ständig, das, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, vorherzusagen. Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat gezeigt, wie viele unserer Wahrnehmungen von Erwartungen gesteuert sind. Wenn die visuelle Information in der Dunkelheit noisy, also unscharf, wird, kann man Kontraste und Objekte weniger gut erkennen, und das Gehirn muss sehr viel dazukonstruieren. Dann geht auch leichter die Fantasie mit uns durch. Das passiert auch bei auditiver Wahrnehmung: Wenn es ruhig ist, reagieren wir sehr sensitiv auf kleinste Geräusche und meinen, etwas oder jemanden gehört zu haben. Weil die Information von außen so diffus ist, versucht unser Gehirn, uns etwas vorzugaukeln.”

Zudem müsse man laut Klackl zwischen Furcht und Angst unterscheiden: „Furcht bedeutet, dass eine konkrete, begründete Gefahr für Gesundheit und Existenz besteht, zum Beispiel, wenn ein Hund auf mich zuläuft. Angst haben wir, wenn es bloß möglich ist, dass eine furchtauslösende Situation eintreten könnte. Das ist psychologisch gesehen ein fundamentaler Unterschied, der in der Alltagssprache nicht gemacht wird.” Angst halte uns von gefährlichen Situationen fern und uns damit am Leben – dennoch sei „die Reihenfolge der Dinge, vor denen wir Angst haben, objektiv nicht korrekt. Viele Menschen haben Angst vor Terrorismus – obwohl die Wahrscheinlichkeit, bei einem Terroranschlag zu sterben, sehr gering ist. Vor einem Herzinfarkt oder dem Klimawandel hat hingegen kaum einer wirklich Angst, obwohl das eigentlich viel gefährlicher ist. Das liegt daran, dass man sich einen Terroranschlag leichter vorstellen kann als den Klimawandel. Wir sind generell ganz schlecht darin, objektive Fakten über die Welt zu generieren und als Basis für unsere Entscheidungen und unser Verhalten zu verwenden. Deswegen ändert auch das Wissen um eine geringe Kriminalitätsrate oft nichts daran, dass Menschen in einer dunklen Gasse Angst vor einem Überfall haben.”

Was also hilft? Mit einem probaten Mittel konnte der Arbeits- und Notfallpsychologe Johann Beran – ebenfalls in einem Standard-Interview – aufwarten: Herumhüpfen. Es gebe zwar kein schnelles Mittel oder Geheimrezept gegen die Angst, aber: „Gemeinsam Herumhüpfen nimmt die Angst, entspannt – Bewegung nimmt in dieser Situation die Hilflosigkeit. Die Verkrampfung kann sich lösen. Ich nenne das gerne die ‚Affentechnik‘. Aus der Verhaltensbiologie ist ja bekannt, dass Affen in der Gruppe herumhüpfen, um Stress abzubauen.”

Wie Beran betont, würde man sich auch nicht an die Krise gewöhnen: „Ganz im Gegenteil. Wir haben andauernd Nachrichten von noch mehr Infizierten, noch mehr Toten. Noch härteren Maßnahmen. Es geht quasi die Welt unter im Empfinden vieler Menschen. Wir werden davon angesteckt, ob wir es wollen oder nicht. Angst ist noch ansteckender als Viren. Wir machen uns Bilder. Unser Gehirn vermischt Tatsächliches mit Bildern, die wir in uns tragen, bis zu Filmen über die Zombie-Apokalypse und anderem Horrorquatsch, den wir uns reingezogen haben. Auch beim Coolsten, auch beim Resilientesten löst das irgendwann Angst aus. Niemand ist wirklich resistent.”

Das Wichtigste sei jetzt, sich um einander zu kümmern: „Wir müssen schauen, dass niemand allein in seinem Gehirn herumwuselt. Dass geredet wird. Es geht um eine andere Zeitqualität. es geht um physisch erlebbare Stützstrukturen, in Unternehmen wie auch privat. Gemeint ist nicht derzeit unangebrachtes Kuscheln, sondern Hinwendung, Zuhören, präsent sein. Aktiv anzurufen ist Präsenz. Erreichbar zu sein ist Präsenz. Zwischendurch eine private fürsorgliche Frage zu stellen ist Präsenz. Es ist gut, wenn Hotlines eingerichtet werden – aber es wird nicht reichen. Für Führungskräfte geht es jetzt um Beziehungsfunktion, nicht um Kontrollfunktion.”

Und eigentlich hätten Sie gleich eingangs vermuten können, dass Ihnen auch das Nachfolgende nicht erspart bleiben wird – die drei besten schlechten Corona-Witze, die sich auf die Schnelle im World Wide Witzportal auftreiben ließen:

  1. Pressekonferenz von Donald Trump: „I know more about the Corona-Virus than anybody else.” Einwand des Journalisten: „Sorry Mr. President, this isn’t syphilis.”
  2. Wie stellt die Polizei dieser Tage Verbrecher? „Hände hoch oder ich niese!”
  3. Das Coronavirus hält sowieso nicht lange – ist „Made in China”.
Bilder
(© watson.ch)

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