Mittwoch, 1. April 2020

Die Tücken des Home Office

Dominik Schebach | 22.03.2020 | Bilder | |  

Dominik Schebach
Ok, dass es so schnell und vor allem so radikal geht, habe ich dann doch nicht geglaubt. Als am Mittwoch vergangene Woche die Universitäten umstellten, haben meine Kollegin Stefanie Bruckbauer und ich ebenfalls vollkommen auf Home Office umgestellt. Lernerfahrungen inklusive...

Home Office war jetzt im ersten Moment nichts revolutionäres. Wolfgang Schalko, unser Waldviertler in der Redaktion, hat uns das schon länger vorexerziert. Und auch wir haben schon in der Vergangenheit regelmäßig vom Arbeitsplatz in den eigenen viert Wänden gearbeitet. Außerdem war zumindest ich in den ersten Tagen, mit den sich überschlagenden Entwicklungen, so oder so an den Schirm gefesselt, ständig am Telefonieren und jagte eine Meldung nach der anderen hinaus. Da war an nichts anderes zudenken. – Wir versorgten die Branche mit News, die auch laufend gelesen wurden und werden. Allein die Meldung vom Freitag über die Sperre der stationären Handelsgeschäfte wurde bis heute mehr als 22.000 Mal aufgerufen.

Für mich als Redakteur eine Bestätigung. Meine Freundin meinte nur trocken, ich kehre zu meinen journalistischen Wurzeln zurück – womit sie nicht ganz unrecht hat, schließlich begann ich meine redaktionelle Laufbahn bei einer Online-Nachrichtenagentur. Doch nun ist der Fight-or-Flight-Modus der ersten Tage einer gewissen Routine gewichen und da offenbaren sich auch für mich die persönlichen Tücken des Home Office. Tücken, die sichtbar werden, wenn man nicht wie sonst gewohnt, immer wieder zu Außenterminen oder Besprechungen mit Kollegen ausrückt.

Die erste Überraschung war, dass die Produktivität auch über mehrere Tage hinweg nicht sinkt. Die Routine, jeden Tag in der Früh den Computer aufzudrehen und sich in die Arbeit zu stürzen, hält auch im Home Office. Dafür muss man sich allerdings immer wieder fast schon zwingen, sich vom Schirm zu lösen und regelmäßig ein paar Atemzüge Offline-Zeit einzulegen. Denn ohne Pause geht es nicht. Damit ist auch klar, dass die immer wieder angedachten „Home-Improvement“-Projekte auch weiterhin auf ihre Verwirklichung harren werden.

Die zweite Überraschung ist eher eine Bestätigung für mich: Man kann auch ausschließlich per Mail, Telefon sowie Messenger-Diensten kommunizieren, und trotzdem effektiv zusammenarbeiten. Die Tücke liegt darin, dass der soziale Kontakt auf lange Sicht nicht zu ersetzen ist. Es fehlt die Rückmeldung. Die subtilen und manchmal nicht so subtilen Signale der non-verbalen Kommunikation sind zwar nicht entscheidend, aber sie machen die Kommunikation effizienter. Allerdings hat man sich nach einigen Tagen darauf eingestellt, vor allem wenn man mit Kollegen kommuniziert, die man schon lange kennt.

Im Endeffekt waren diese Schwierigkeiten aber vorhersehbar und sprechen jetzt nicht wirklich gegen Home Office – wäre da nicht die letzte Hürde. Die ist allerdings extern. Damit meine ich nicht einen Presslufthammer vor dem Fenster, das Problem ist derzeit nichtexistent. Vielmehr hat diese Tücke mit der Tätigkeit meiner Lebensgefährtin zu tun. Die ist Musiklehrerin und unterrichtet nun ihre Schülerinnen und Schüler mit kleinen selbstverfassten Online-Tutorials. Diese Kurz-Vidoes sind nicht das Problem. Es sind die Rückmeldungen der jungen Schülerinnen und Schüler – ebenfalls in Form von Videobotschaften – in denen sie wacker an der Geige sägen. Seither weiß ich, dass Musiklehrerinnen und Musiklehrer wirklich jeden Cent ihres Gehalts hart verdienen, und die Türen meiner Wohnung wahrlich zu schätzen.

Aber all die Widrigkeiten lassen sich überkommen und auch die Schülerinnen sowie Schüler meiner Freundin werden kontinuierlich besser – so sie üben. Was zeigt, dass man mit Flexibilität, ein wenig Improvisationskunst, Selbstdisziplin und Engagement auch unerwartete Prüfungen bewältigen kann. Herausforderungen, welche vor ein paar Tagen und Wochen nicht einmal auf unserem Radar waren.

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