Mittwoch, 1. April 2020
Zwischenmenschliches II

Neulich im Führlinger…

Über den Rand | Andreas Rockenbauer | 22.03.2020 | Bilder | |  

Andreas Rockenbauer
In meinem zweiten Text begegnen einander zwei Menschen mit höchst unterschiedlichen Vorstellungen von einem gemütlichen Kaffeehausbesuch. Scheint es zunächst so, als hätte der Mann der weiblichen Übergriffigkeit nichts entgegenzusetzen, so dreht sich die Situation schließlich und endet mit einem Sieg nach Punkten. Zu einem zweiten Treffen wird es höchstwahrscheinlich nicht kommen...

Im Führlinger ist um diese Zeit nicht viel los. Ein Mann um die vierzig in dunklem Anzug und hellblauem Hemd hat in der Ecke des kleinen Lokals Platz genommen und nippt an seinem Mokka. „Doppelt, schwarz wie die Seele”, hatte er ihn vor wenigen Minuten bei Erika bestellt. Auf einem Sessel neben ihm stehen zwei prall gefüllte Einkaufstaschen eines Supermarkts.

Er sieht gerade gedankenverloren zum Fenster hinaus, als eine ältere Frau das Cafe betritt. Sie blickt sich um und steuert nach kurzem Zögern den Tisch des Mannes an.

„Ist hier noch frei?”, fragt sie – und setzt sich ohne eine Antwort abzuwarten.

Der Mann blickt sich demonstrativ im nahezu leeren Gastraum um, seufzt leise und sagt: „Bitte!”

„Eine Malakoff und eine Melange”, ruft die Frau quer durch den Raum Richtung Erika, die gerade bei einem jungen Paar kassiert.

Nach einer Weile beugt sie sich vor und deutet mit dem Kopf auf die Einkaufstaschen: „Ah, Sie waren einkaufen”.

Der Mann nickt kurz und sieht wieder aus dem Fenster.

„Ein braver Mann”, sagt sie etwas zu laut, lächelt und nickt dazu.

Der Mann beachtet sie nicht.

„Und Ihre Frau kocht Ihnen was Gutes?”

Er wendet sich vom Fenster ab: „Ich koche selbst.”

„Oh! Ein Mann, der kocht”, die Frau lächelt, „Sie sollte man ja gleich heiraten.”

Nun beugt sie sich zu über die Einkaufstaschen und öffnet diese ein wenig: „Was gibt’s denn Feines?”

Mit einer raschen Bewegung zieht der Mann den Sessel mit den beiden Säcken näher zu sich heran und damit von der Frau weg, und erwidert knapp: „Pastinakensuppe.”

Die Frau verzieht das Gesicht. „Ohhh. Pastinakensuppe.” – Plötzlich hellt sich ihre Miene auf: „Erdäpfel!”

„Eine Wurzel.”

Sie nickt: „Ja eh, eine Wurzel”, und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Naja, ich mach mir heute was Gescheites.”

„Schön.”

„Ein Gulasch.”

Der Mann schweigt.

„Was tun sie da hinein, in die … die Pastinakensuppe?”

„Pastinaken.”

„Und sonst?”

„Ingwer.”

„Ingwer? Sind diese Pastinaken was Chinesisches?”

„Eine heimische Wurzel, sieht ein bisschen so aus wie…”

„Also Ingwer mag ich keinen, den hätten´s nicht zu uns bringen brauchen, die Chinesen.”

„Ingwer ist nicht typisch chinesisch, eher stark in der Thaiküche zu finden und auch bei…”

„Schmeckt nur nach Seife, der Ingwer. Wie wenn einem beim Duschen das Shampoo in die Augen rinnt.”

Der Mann sieht die Frau stirnrunzelnd an, dann sagt er: „Ingwer gibt den Speisen raffinierte Schärfe zusammen mit einer Spur…”

„Ich hab´s ja lieber bodenständig.”

„Was Raffinesse nicht ausschließt”, erwidert er.

Die Ironie in seiner Stimme scheint sie nicht zu bemerken: „So ein ehrliches Gulasch zum Beispiel. Mit einer reschen Semmel.” Sie schließt genussvoll die Augen … „Kommt in Ihre Wurzelsuppe auch Paprika hinein?”

„Pastinaken, Ingwer, Schalotten…”

„Warum nicht Zwiebel?”

„Wegen des Geschmacks. Die Schalotten haben…”

„Und Paprika? Was ist mit Paprika?”

„Nein, Chili.”

„Ah, Chilis. Hmm.”

Es entsteht eine kleine Pause – der Mann trinkt seinen Mokka aus und blickt wieder aus dem Fenster.

„Ich hab´s ja, wie gesagt, lieber bodenständig. Aber mein verstorbener Mann, der hat´s immer scharf wollen.” Sie kichert. „Nur sein Magen nicht. Dann hat er Krebs gekriegt. Prostata.”

Der Mann wendet den Blick vom Fenster ab: „Aber nicht von den Chilis.”

Die Frau hebt kurz die Schultern und lässt sie wieder fallen: „Weiß man´s?”

Er sieht sie lange an, dann lächelt er ein wenig – boshaft: „Wenn wir gerade von Chilis sprechen…”

„Mein verstorbener Mann – Gott hab ihn selig – hat immer gesagt, dass frische Chilis besser sind als getrocknete”, fällt sie ihm ins Wort.

Der Mann tut so, als hätte er die Bemerkung nicht gehört: „Ich habe vergangene Woche Chilis geschnitten…”

„Haben Sie eh die Kerne raus genommen? In den Kernen ist die ganze Schärfe drinnen. Mein verstorbener Mann hat immer gesagt: Ohne Kerne kann man ja gleich Paprika nehmen.”

Der Mann spricht jetzt langsam und betont jedes Wort: „ALSO – ich schneide vergangene Woche die Chilis ganz fein und gehe dann ohne mir weiter Gedanken zu machen…”

„Haben Sie schon einmal versucht, die einzufrieren, diese Chilis? Machen Sie das bloß nie! Dann sind die hin. Können Sie wegschmeißen!”

Abermals ignoriert er ihre Bemerkung: „…und geh dann aufs Klo!”

Die Frau ist sichtlich irritiert: „Was?”

„Ja, ich war am Klo. Pinkeln, Urinieren, Harn lassen, wie Sie das auch immer nennen wollen. Entscheidend ist, dass ich meinen Penis in der Hand hatte – nach dem Chilischneiden. Machen Sie das nie – mit Chilihänden aufs Klo gehen.”

Der Mann steht auf, legt einen Fünf-Euro-Schein auf den Tisch und nimmt die Einkaufstaschen in die Hand. „Glauben Sie mir. Da würden Sie sich lieber einfrieren lassen. Auf der Stelle. Das brennt Ihnen alles weg da unten, auch ohne Kerne. Da kapituliert jede Schleimhaut. Schönen Tag noch!” Zügig geht er zur Tür und verlässt das Lokal.

Die Frau sieht ihm verdattert nach. In diesem Augenblick bringt Erika Malakoff und Melange. „So ein ordinärer Mensch”, sagt die Frau und schüttelt empört den Kopf.

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