Mittwoch, 1. April 2020
Editor's ChoiceWie die Krise Wirtschaft und Gesellschaft verändern könnte

Zukunftsforscher Horx: Vier Szenarien für die Welt nach Corona

Hintergrund | Wolfgang Schalko | 24.03.2020 | Downloads | | 8  
Diese vier Szenarien entwirft Zukunftsforscher Matthias Horx für die Zeit nach der Corona-Krise. Diese vier Szenarien entwirft Zukunftsforscher Matthias Horx für die Zeit nach der Corona-Krise. (© Zukunftsinstitut) Für Matthias Horx und sein Zukunftsinstitut steht fest: Nach der Corona-Krise ist nichts mehr wie es einmal war. Offen ist allerdings, ob die totale Isolation kommt oder wir einen neuen Frühling des Gemeinsamen erleben. So ungewiss der konkrete Verlauf der Krise aktuell erscheint: Mit den Methoden und Werkzeugen der Trend- und Zukunftsforschung lassen sich die möglichen Folgen der Pandemie einschätzen. Das Zukunftsinstitut hat daher vier Szenarien entwickelt, die beschreiben, wie unsere Zukunft nach der Pandemie mittelfristig aussehen könnte.

Szenario 1: Die totale Isolation

Am Anfang war der Shutdown – und der Shutdown ist zur Normalität geworden. Es ist normal, beim Betreten der Metro den Chip im Handgelenk zu scannen oder sich vor dem ersten Date gegenseitig die Gesundheitsdaten zu schicken. Bei der Ausreise brauchen wir eine Genehmigung. Für Länder außerhalb der EU muss sogar ein langwieriges Visumverfahren durchlaufen werden. Handelsabkommen einzelner Staaten untereinander gewährleisten die Grundversorgung, aber auch nicht mehr. Wir leben gerne in der totalen Isolation.

Szenario 2: System-Crash

Das Virus hat die Welt ins Taumeln gebracht, und sie kommt nicht mehr heraus. Die Fokussierung auf nationale Interessen hat das Vertrauen in die globale Zusammenarbeit massiv erschüttert. Jede Nation ist sich selbst die Nächste. Die Sorge vor einer erneuten Pandemie macht jede noch so kleine lokale Verbreitung eines Virus zum Auslöser drastischer Maßnahmen, von Grenzschließungen bis zum Kampf um Klopapier und medizinische Geräte. An die internationale Zusammenarbeit glaubt kaum noch jemand. So wankt die Welt nervös in die Zukunft.

Szenario 3: Neo-Tribes

Nach der Corona-Krise hat sich die globalisierte Gesellschaft wieder stärker zurück zu lokalen Strukturen entwickelt. Es wird mehr Wert denn je auf regionale Erzeugnisse gelegt. Die Kartoffel vom Bauern nebenan ist die neue Avocado, an Poke Bowls im Szene-Lokal denkt niemand mehr. Die Rückbesinnung auf Familie und Haus und Hof hat Einzug gehalten. Kleine Gemeinschaften entstehen neu und verfestigen sich – immer in vorsichtiger Abgrenzung zu „den Anderen“. Nachhaltigkeit und Wir-Kultur sind wichtige Werte, die jedoch nur lokal gedacht werden, nicht global.

Szenario 4: Adaption

Die Welt lernt und geht gestärkt aus der Krise hervor. Wir passen uns besser den Gegebenheiten an und sind flexibler im Umgang mit Veränderung. Die Weltwirtschaft wächst zwar weiter, aber deutlich langsamer, mancherorts zeigt sich bereits Stagnation. Unternehmen in solchen Umfeldern brauchen neue Geschäftsmodelle und müssen unabhängiger vom Wachstum werden. Damit stellt sich automatisch die Sinnfrage nach dem Zweck des Wirtschaftens: Immer mehr Profit? Oder vielleicht doch bessere, sozial und ökologisch vorteilhaftere Problemlösungen für Kunden und andere Stakeholder? Eines ist klar: Das gemeinsame Überstehen der Krise verhilft zu einem neuen, achtsamen Umgang miteinander.

Im Rausch des Positiven: Die Welt nach Corona

Im vierten, optimistischsten Szenario schafft das gemeinsame Überstehen der Krise eine resilientere Gesellschaft und einen neuen, achtsamen Umgang miteinander. Matthias Horx hat sich diesem Szenario aber auch von einer anderen Warte genähert: In einer Rückwärts-Prognose beschreibt er idealtypisch, wie und worüber wir uns wundern werden, wenn die Krise überstanden ist.

„Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn ‚vorbei sein‘ wird und alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Meine Antwort: niemals. Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt. Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können”, erläutert Horx. Dafür wendet er die Methode der „Regnose” an: Anders als bei der Prognose wird mit dieser Technik nicht in die Zukunft geblickt, sondern von der Zukunft aus zurück ins Heute. Als Gedankenexperiment folgendes Szenario:

Stellen wir uns eine Situation im Herbst vor, sagen wir im September 2020. Wir sitzen in einem Straßencafé in einer Großstadt. Es ist warm, und auf der Straße bewegen sich wieder Menschen. Bewegen sie sich anders? Ist alles so wie früher? Schmecken der Wein, der Cocktail, der Kaffee wieder wie früher, vor Corona? Oder sogar besser? Worüber werden wir uns rückblickend wundern?

Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Im Gegenteil: Nach einer ersten Schockstarre fühlten sich viele von uns sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden und Kommunizieren auf allen Kanälen plötzlich zu einem Halt kam. Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen. Das hat schon mancher erlebt, der zum Beispiel Intervallfasten probierte – und dem plötzlich das Essen wieder schmeckte.

Paradoxerweise erzeugte die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst. Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir vorher zunehmend vermissten, stieg an. Jetzt, im Herbst 2020, herrscht bei Fußballspielen eine ganz andere Stimmung als im Frühjahr, als es jede Menge Massen-Wut und -Pöbeleien gab. Wir wundern uns, warum das so ist.

Wir wundern uns auch, wie schnell sich plötzlich die Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewährt haben. Tele- und Videokonferenzen, gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten (weil der Businessflieger besser schien), stellten sich als durchaus praktikabel und produktiv heraus. Lehrerinnen und Lehrer lernten eine Menge über Internet-Teaching. Das Home Office wurde für viele zu einer Selbstverständlichkeit, einschließlich des damit verbundenen Improvisierens und Zeit-Jonglierens.

Gleichzeitig erlebten scheinbar veraltete Kulturtechniken eine Renaissance. Plötzlich erwischte man nicht nur den Anrufbeantworter, wenn man anrief, sondern real vorhandene Menschen. Das Virus brachte eine neue Kultur des Langtelefonierens ohne Second Screen hervor. Auch die Messages selbst bekamen plötzlich eine neue Bedeutung. Man kommunizierte wieder wirklich. Man ließ niemanden mehr zappeln. Man hielt niemanden mehr hin. So entstand eine neue Kultur der Erreichbarkeit und Verbindlichkeit.

Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe gekommen waren, auch junge Menschen, machten plötzlich ausgiebige Spaziergänge – ein Wort, das vorher eher ein Fremdwort gewesen war. Bücher lesen wurde plötzlich zum Kult. Reality Shows wirkten auf einmal grottenpeinlich. Der ganze Trivia-Trash, der unendliche Seelenmüll, der durch alle Kanäle strömte, verschwand zwar nicht völlig – aber er verlor rasend an Wert. Kann sich jemand noch an den Political-Correctness-Streit erinnern? Die unendlich vielen Kulturkriege um – ja, um was ging es da eigentlich?

Krisen wirken vor allem dadurch, dass sie alte Phänomene auflösen, über-flüssig machen. Daher war Zynismus – diese lässige Art, sich die Welt durch Abwertung vom Leibe zu halten – plötzlich reichlich out. Die Übertreibungs- und Angst-Hysterie in den Medien hielt sich, nach einem kurzen ersten Ausbruch, in Grenzen.

Wir wundern uns, dass schließlich doch schon im Sommer Medikamente gefunden wurden, die die Überlebensrate erhöhten. Dadurch konnten die Todesraten gesenkt werden, und Corona wurde zu einem Virus, mit dem wir eben umgehen müssen, ähnlich wie mit der Grippe und vielen anderen Krankheiten. Medizinischer Fortschritt half, aber wir haben auch erfahren: Nicht die Technik, sondern die Veränderung sozialer Verhaltensformen war das Entscheidende. Dass Menschen trotz radikaler Einschränkungen solidarisch und konstruktiv bleiben konnten, gab den Ausschlag: die human-soziale Intelligenz. Die vielgepriesene Künstliche Intelligenz dagegen hat in Sachen Corona nur begrenzt gewirkt.

Wie und warum diese Art der „Rückwärtsszenarios“ so irritierend anders wirkt als eine klassische Prognose, welches neue Verhältnis von Technologie und Kultur uns bevorsteht und weshalb das Virus als Evolutionsbeschleuniger fungiert, können Sie in voller Länge hier auf der Seite des Zukunftsinstitutes nachlesen. Das Whitepaper zu den vier Corona-Zukunftsszenarien finden Sie nachstehend als PDF.

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Die vier Szenarien nach der Corona-Krise

Kommentare (8)

  1. So spannend das Thema Zukunft für die Menschheit ist, so sehr muss es erlaubt sein, diese Forschung kritisch zu hinterfragen. Handelt es sich tatsächlich um eine wissenschaftlich durchgeführte Arbeit oder bloß um Einschätzungen aufgrund anderer, nicht dargelegter Quellen. Oder basiert alles auf historischen Daten?
    Jeder, der sich mit vergangenen Studien der Zukunftsvorschung auseinandersetzt, wird herausfinden, wie viele dieser Szenarien dann tätsachlich eingetreten sind. Ob Zukunftsforschung seriös ist oder nicht, da soll sich jeder selbst ein Bild machen. Jedenfalls tritt sie immer dann zu Tage, wenn Menschen sich stärker mit dem Thema Angst auseinandersetzen.

  2. Ich vermag die optimistische „Rück-Erkenntnis“ des Herrn Horx nicht zu teilen. Ich fürchte halt – auf Grundlage meiner Beobachtungen menschlichen Verhaltens und der Entwicklung in den vergangenen fünf Jahrzehnten – , dass die alten Verhältnisse schnell wieder einkehren. Ein großer Teil von uns scheint in den Startblöcken zu hocken und die Muskeln für einen schnellen Start in die alten Verhältnisse ordentlich anzuspannen. Hinweg mit den Beschränkungen, auf zur Fete, auf in die Maximierung der Gewinne, und eine echte Klimawende – hey, die gibt es doch gar nicht. Obdachlose werden gewiss weiter zu Hause bleiben – nämlich auf der Straße, Flüchtlinge werden weiterhin ihren Leidensweg gehen und Terroristen werden weiterhin unter dem Deckmantel der „richtigen Religion“ menschenverachtend ihr Unwesen treiben, ihre Verbrechen begehen. Ich habe KEINERLEI Hoffnung, dass sich auf diesen Feldern irgendetwas ändern wird. Und nachdem wir nun einmal ein echtes, gravierendes Problem in unserer Gesellschaft zu bewältigen hatten, werden auch diejenigen wieder aus den Löchern kriechen, die uns die „politisch korrekte“ Sprache oktroyieren möchten, die uns die Freiheit der Rede nehmen, Sprachverbote erteilen. Andere wiederum werden sich wieder zu Stellvertretern, zu Advokaten – freilich ohne Mandat – von sogenannten „Opfergruppen“ berufen und sich beispielsweise anmaßen, dass man die Geschichte im Sinne eines verbrecherischen Kolonialismus völlig umschreiben müsse. Dies sei nur als ein Beispiel für einen widerlichen Fanatismus angeführt, der uns leider wie jede radikale Orthodoxie weiterhin die Freiheit zu nehmen trachten wird.
    Der Mensch ist leider zum einemTeil auch so: narzisstisch, egoistische, habgierig, machtgierig. Die Stillen, Liebevollen gehen dabei „klanglos“ unter.

  3. Zukunfts- und Trendforschung, ich lach mich schlapp. Ist das Hütchen-Spiel nicht verboten ? Sobald jeder für sich die Möglichkeit sieht, so weiterzumachen wie vor Corona, wird er es tun.

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      1. Der Börsentag 24.03.2020 zeigt, dass ich recht habe. Die Menschen ticken wie Schrotthändler. Sie kaufen noch mehr billigen Schrott in der Hoffnung, dass sich der Schrott, den sie schon besitzen, vergoldet.

        1. Interessantes Gedankenspiel – mögliche Veränderung im Hinblick auf den Umgang in der Öffentlichkeit zum Besseren wären schon schön. ich selbst halte mich da sowieso weitestgehend raus. Vielen wäre dies auch zu empfehlen vor allem was den Hass und alle anderen Ekeligkeiten angeht.

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