Freitag, 5. Juni 2020
Kommentar: Wir können, wenn wir müssen!

Befremdlich

Stefanie Bruckbauer | 05.04.2020 | Bilder | | 1  

Stefanie Bruckbauer
Verzeihen Sie mir die deutlichen Worte, aber die Situation, in der wir uns befinden, ist richtig beschissen. Interessant ist dabei zu beobachten, dass der Mensch sehr wohl etwas verändern kann, wenn es rundherum eng wird und der Druck steigt. Selbst Dinge, die zuvor nicht umsetzbar schienen.

Es ist befremdlich, einen Mund-Nasen-Schutz tragen zu müssen. Es ist befremdlich diesen an anderen zu sehen. Es ist befremdlich, dass ich meine Familie nicht mehr umarmen darf, wenn ich sie sehe. Es ist befremdlich, zwei Schritte zurückzugehen, wenn ich auf Menschen treffe, auf die ich eigentlich zugehen möchte. Alles ist anders. Vor wenigen Wochen berichteten wir noch darüber, welche Pläne Unternehmen für 2020 haben, welche Produktnews und Schulungstouren es im Frühjahr geben wird und welche Messen uns im Laufe des Jahres erwarten werden. Damals in unserer „Spaßgesellschaft“. Das klingt jetzt krass, rückblickend gesehen ist es aber so. Eine Spaßgesellschaft ohne gröbere Sorgen. Jeder hatte Zugriff auf alles im Überfluss, wir konnten uns frei bewegen – im Land und außerhalb. Wir konnten treffen wen wir wollten und wo. Und jetzt? Von heute auf morgen stecken wir in der größten Krise, die Österreich seit dem Zweiten Weltkrieg durchlebt hat. Was für eine 180 Grad Wende. Themen, über die wir gestern noch diskutiert haben, sind plötzlich ganz klein und unwichtig, fern und belanglos. Jetzt geht es um das (Über-)Leben jedes Einzelnen. Die Informationen über die Auswirkungen des Corona-Virus überschlagen sich und wir werden tagtäglich mit neuen Hiobsbotschaften konfrontiert. Wir alle sind davon betroffen, Sie, liebe Elektrohändler, Sie, geschätzte Industrievertreter und auch wir, hier in der Redaktion der E&W.

Aber zwischen all den Negativschlagzeilen finden sich auch positive Aspekte: Wir alle steigen ein bisschen vom Gas, haben plötzlich Zeit, um nachzudenken. Wir sind auf einmal offener, freundlicher und verständnisvoller, gehen achtsamer miteinander um. Und es öffnet sich der Raum für Ideen. Die Menschen werden plötzlich unheimlich kreativ und lassen sich Dinge einfallen, um das, was laufen „darf“, auf Umwegen auch laufen lassen zu können – im beruflichen, wie im privaten Kontext. „Not macht erfinderisch“, sagte schon meine Ur-Oma. Und wie recht sie hatte. Privat sind wir dazu übergegangen, wieder gemeinsame Abende mit Freunden zu verbringen. Allerdings anders als sonst. Soll heißen: Mein Lebensgefährte und ich kochen etwas Feines und reißen dazu ein Flascherl Wein auf. Wenn alles hergerichtet ist, verbinden wir uns via Skype mit Freunden, die ebenfalls gekocht, den Tisch gedeckt und ein Flascherl geöffnet haben. Und auf diese Weise essen, trinken und plaudern wir gemeinsam – es ist fast wie früher, nur mit dem Unterschied, dass uns unsere Freunde aus dem Bildschirm entgegenlachen. Das Interessante ist: Ich fühle mich den anderen näher – obwohl wir auf Distanz sind.

Der Corona Virus zeigt uns eines ganz deutlich: Der Mensch kann durchaus schnell und entschlossen reagieren, wenn er sich einer existenziellen Bedrohung gegenübersieht. Nur ein Beispiel: Klimaziele, die wir uns bis 2030 gesteckt haben und die unerreichbar schienen, wurden nun innerhalb weniger Wochen erreicht. Wir können, wenn wir müssen!

Die Welt wird sich nicht zur Gänze andern, auch wenn es heißt, dass die Welt nach Corona nicht mehr dieselbe sein wird. Der Mensch vergisst leider so schnell. Ich wünsche mir jedoch, dass wir EINMAL nicht vergessen und uns die positiven Dinge bewahren. Dass wir künftig dankbarer sind, für das was wir haben. Dass wir bewusster handeln und mehr aufeinander achtgeben. Und wir sollten auch nicht vergessen, dass wir Dinge tatsächlich schaffen können; selbst jene, die auf den ersten Blick schier unbewältigbar scheinen. Es wäre halt schön, wenn uns das auch unter „normalen“ Umständen gelingen würde und nicht nur angesichts eines existenzbedrohenden Virus.

Bilder
(Bild: Berthold Bronisz/ pixelio.de)
(Bild: Berthold Bronisz/ pixelio.de)

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