Dienstag, 20. Oktober 2020
Eine Geschichte

Auspack und freu

Stefanie Bruckbauer | 19.04.2020 | Bilder | | 11  

Stefanie Bruckbauer
Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen, die mir vor kurzem wiederfahren ist, deren Auslöser allerdings schon länger zurück liegt. Die Geschehnisse brachten mich zum Lächeln, was in Zeiten wie diesen, wo sich fast alles (dieser Beitrag allerdings nicht!) rund um Corona und Krise dreht, eher selten vorkommt.

Im August 2017 schrieb ich einen Kommentar (für unseren Sonntags-Newsletter) aus dem Urlaub. Ich hielt mich zu der Zeit am Wolfgangsee auf, mit Blick auf die sonnige Postalm, vor mir ein Häferl mit frischem Kaffee und ein Kurierartikel über eine Kunstausstellung mit fragwürdigen Bildern von Maria Lassnig und plötzlich stieg mir der Duft von frisch getoasteten Semmeln in die Nase …

Zum Inventar der Ferienwohnung zählte auch ein Toaster aus den 60-iger Jahren des 20. Jahrhunderts, hergestellt von der Firma BURG. Wir entdeckten ihn aus einer Not heraus. Genauer gesagt, boten die Semmeln vom Vortag geschmacklich nicht mehr das, was sie optisch versprachen. Wir wollten uns das Frühstück dadurch aber nicht versemmeln lassen (was für ein Wortwitz!), also suchten wir nach einer Möglichkeit die Brötchen aufzufrischen bzw. -backen und das gelingt bekanntlich am besten mit einem Toaster.

Das Gerät der Firma BURG fanden wir – voll funktionsfähig – hinter einem Heizgerät und einem Bügeleisen verstaut in einem alten Bauernschrank. Der Toaster sah (bzw. sieht noch immer) aus wie ein Fundstück aus dem Bergisel-Museum bzw. erinnert irgendwie an eine sehr eckige Variante des bekannten, amerikanischen, rundum silbernen Wohnwagenmodells „Airstream“. Es ist mit seinem spiegelnden Vollmetallgehäuse unglaublich massiv gebaut und birgt in seinem Inneren zwei „Metallklammern“ zum Festklemmen der zu toastenden Scheiben. Diese sehen ein bisschen wie die allerersten Steigeisen von Reinhold Messner aus bzw. wie Miniatur-Käfige für Lego-Löwen.

Dieser BURG-Toaster stammt aus einer Zeit, in der Geräte noch im Land und nahezu für die Ewigkeit gebaut wurden. Aus einer Zeit, in der (wie „Verkaufskanone“ von Wien – 1987“ so schön sagt) „Produkte aus Österreich noch hochgeschätzt und gut verkauft“ wurden. Der Toaster wurde wie erwähnt in den 1960-iger Jahren produziert und man könnte erwarten, dass nicht viel an Technik dahintersteckt aber weit gefehlt. Er kann zwar keine Spompernadeln, wie manche heutige Geräte – so zB. der „Selfie-Toaster“, mit dem man das eigene Gesicht auf eine Scheibe Weißbrot toasten kann – aber er kann toasten und er kann grillen! Er verfügt über 9 (!) Bräunungsstufen sowie über einen Timer (genannt „Schaltuhr“), dessen 9-minütige Laufzeit in 15 Stufen geteilt werden kann. Er hat einen automatischen Einzug sowie Auswurf der Metallklammern und er hat auch schon eine Brösellade. Der Clou daran ist: Die Brösellade fungiert zusätzlich als „Saftschale“. Sie fragen sich jetzt wahrscheinlich „wozu das?“ und die Antwort lautet: Mit diesem kongenialen Gerät können nicht nur Brotscheiben, sondern auch gefüllte Doppelsandwiches getoastet sowie Fleisch gegrillt werden. Die austretende Flüssigkeit wird in der Saftschale aufgefangen.

Beeindruckend! Und dieser Meinung bin nicht nur ich, denn wie ich herausgefunden habe, hat das Gerät im Jahr 1967 den Staatspreis für „Gute Form“ bzw. „Industrial Design“ gewonnen. Verdient, wie ich finde!

Und weiter?

Warum ich Ihnen das alles nochmal erzähle? Weil mich vor wenigen Tagen (also zweidreiviertel Jahre nachdem ich obigen Kommentar geschrieben habe) eine Nachricht aus Vorarlberg erreichte. Der Absender: Ein entzückender Herr namens Peter, der auf der Suche nach der Firma BURG im Internet durch Zufall auf meinen Beitrag aus 2017 gestoßen ist. Er schrieb: Der BURG automatic Toastgrill wäre das erste Elektrogerät gewesen, das sich seine Frau vom ersten selbstverdienten Geld nach dem Studium angeschafft hatte. Leider sei seine Frau vor zwei Jahren gestorben, aber den Grill hätten sie seit 1969 immer wieder in Verwendung gehabt und er benutze ihn noch heute. Der Toaster habe zwei Töchter und zwei Umzüge überstanden und werde auch „ihn selbst überleben“, wie er schreibt. Auch die seinerzeitige mitgelieferte Gebrauchsanleitung mit Rezepten sei noch vorhanden. „Welches Haushaltsgerät hält heute noch über 50 Jahre?“, so Peter aus Vorarlberg.

Ich habe mich so gefreut über diese Zeilen, dass ich Kontakt zu Peter vom Bodensee aufgenommen habe. Ich bat ihn mir doch ein Foto von der Gebrauchsanweisung zu schicken und bekommen habe ich die komplette Bedienungsanleitung inklusive Rezeptheftchen – fein säuberlich eingescannt und gemailt. Ich öffnete die Files und war erstaunt über die Formulierungen. Darin standen wortwörtlich Dinge wie: „Der BURG autmatic Toastgrill ist mit einem Schukokabel ausgestattet, das an jeder 220-V-Wechselstrom-Steckdose angeschlossen werden kann. Der Stromverbrauch des Gerätes beträgt nur 4 Ampere, so dass Sie bezüglich Zähler oder Sicherungen unbesorgt sein können. Bevor Sie jedoch darangehen, Speisen zu bereiten, probieren Sie das Gerät einmal leer aus, um alle Funktionen kennenzulernen.“ Oder: „Wenn Sie den BURG automatic Toastgrill umdrehen und die Saftkochtasse herausnehmen, dann sehen Sie an den Seiten des Innenraumes zwei Hohlspiegel als Reflektoren. Diese lassen sich zwecks Reinigung herausziehen, wenn Sie die hinter jedem Reflektor montierte flache Haltefeder so weit niederdrücken, dass sie den Stift an der Reflektorenrückseite freigibt.“ Am besten gefiel mir der Absatz zur „Schaltuhr“. Darin hieß es: „Als nächstes schieben Sie die rote Taste auf irgendeine Ziffer (in der Kochanleitung erfahren Sie, auf welche). Damit haben Sie schon die Schaltuhr eingestellt. Die maximale Laufzeit beträgt ca. 9 Minuten, geteilt in 15 Stufen (No. 1, 1 ½ , 2, 2 ½ … bis 8), und zwar den Grillerfordernissen entsprechend (und jetzt kommt‘s:) progressiv ansteigend. Dadurch liegen zwischen den Ziffern ungleich lange Intervalle, die keine Minutenabstände sind. Verwechseln Sie also diese Merkziffern nicht mit Minuten (z.B. No. 4 = 2 ½).

Es war so unerwartet. Ganze Sätze, verständlich und nachvollziehbar in schönem Deutsch. Man weiß sofort, was einem der Hersteller sagen möchte und was man tun muss. Wann haben SIE das letzte Mal eine derart schön ausformulierte Anleitung gelesen? Nicht in einem Lehrbuch wohlgemerkt, sondern in einer Gebrauchsanweisung! Ich war begeistert und es bereitete mir tatsächlich großes Vergnügen darin zu schmökern. Das klingt jetzt vielleicht komisch (denn: wer liest schon aus Spaß und zwecks Unterhaltung in Gebrauchsanleitungen?!), und um es zu verstehen muss man wissen: Ich bin auf die Welt gekommen, als es den BURG Toaster schon lange am Markt gab. Ich bin groß geworden in einer Zeit, als viele Geräte schon aus Übersee, vorwiegend China kamen, in Begleitung dünner Rätselheftchen“, die im besten, sprich verständlichsten Fall den Titel „Bedienungsanleitung“ trugen und auch als solche erkennbar waren.

Eigentlich sollten diese Bedienungsanleitungen ja Klarheit bringen, wenn man sich mit der richtigen Anwendung eines frisch gekauften Gerätes vertraut machen will. Doch, was man dort oft zu lesen bekommt, ist weit entfernt von einer verständlichen, nachvollziehbaren Einweisung in die Funktionalität des Produktes. Der Grund könnte folgender sein: Das Hauptinteresse der Hersteller gilt dem Verkauf ihrer Produkte. Klar! Wie gut der Kunde hinterher allerdings damit zurecht kommt, scheint manchem ziemlich egal zu sein. Damit sind nicht die meisten namhaften Hersteller gemeint. Die haben sich dem Problem unverständlicher Bedienungsanleitungen nämlich gestellt und beschäftigen inzwischen eigens technische Redakteure, die darauf spezialisiert sind, verständliche Gebrauchs- und Montageanleitungen zu verfassen. Aber bei (meist Billig-)Produkten aus Fernost, die weltweit vermarktet werden, sparen die Firmen allzu gerne an tauglichen Übersetzungen für jedes Absatzland. Stattdessen werden die Ergebnisse einer offensichtlich automatisierten, mehr schlechten als rechten Übersetzung (Stichwort Google-Translate) Eins-zu-Eins in der Bedienungsanleitung abgedruckt. Das liest sich dann oft so: „Stippel A kaum abbiegen und verklappen in Gegenstippel B.Noch Fragen? 🙂

Fundstücke

Ich habe ein wenig im Internet gestöbert und ein paar wunderschöne Beispiele asiatisch-deutscher Übersetzungskunst für sie zusammengesammelt. Die Süddeutsche zitiert zum Beispiel aus der Gebrauchsanleitung für ein Handy: „Stellen Sie die Gerte des Singweisen Griffers Zur EINSTELLUNG. Eine nette Singstimme wird verbeugen den anderen Teil auf denn Telephon von hörender Yhrer geheimer Unterredung.Übrigens: Es wird vermutet, dass mit „Singweisen Griffer“ die Stummschaltung gemeint ist.

Ein ebenso wunderbares Beispiel ist folgendes (Anm.: Die Tippfehler sind nicht von mir, sondern tatsächlich so im Text vorhanden): „Mit sensazionell Modell GWK 9091 Sie bekomen nicht teutonische Gemutlichkeit fuer trautes Heim nur, auch Erfolg als moderner Mensch bei anderes Geschleckt nach Weihnachtsganz aufgegessen und laenger, weil Batterie viel Zeit gut lange. Zu erreischen Gluckseligkeit unter finstrem Tann, ganz einfach Handbedienung von GWK 9091: 1. Auspack und freu. 2. Slippel A kaum abbiegen und verklappen in Gegenstippel B fuer Illumination von GWK 9091. 3. Mit Klamer C in Sacco oder Jacke von Lebenspartner einfraesen und laecheln fuer Erfolg mit GWK 9091. 4. Fuer eigens Weihnachtsfeierung GWK 9091 setzen auf Tisch. 5. Fuer kaput oder Batterie mehr zu Gemutlichkeit beschweren an: wir, Bismarckstrasse 4. Fuer neue Batterie alt Batterie zurueck fuer Sauberwelt in deutscher Wald.“ Falls Sie es nicht ohnehin schon vermutet haben: In diesem Fall handelt es sich um die Anleitung zu einer elektrischen Weihnachtskerze.

Bemerkenswert ist auch der Reinigungshinweis zu einem elektrischen Heizlüfter: „Reinigung mit wenig nass Tuchen und Rag. Benutzen Du LX 4300 mehr selten nur Zeit 1 Yahr mit wenig nass Tuchen und Rag genug. Hat genug.“ Der Garantiehinweis zum selben Gerät lautet wie folgt: „Bei Indicate LX 4300 gehen auf blumakor Störung bei gehen Expert für Electricappliance. Freude wenn ist vorher Störung bei Einkaufen zählen 2 Yahr.

Ein Klassiker scheint dieser Auszug aus dem Handbuch „Microsoft Word for Windows 2.0“ zu sein (zumindest wird er an vielen Stellen als Beispiel für Bedienungsanleitungs-Übersetzungskunst angeführt): „Indem Sie die Druckformatvorlage des Dokuments mit der Druckformatvorlage der Druckformatvorlage verbinden, können Sie die Druckformatvorlage der Dokumentenvorlage aktualisieren. Wenn Sie die Druckformatvorlage eines Dokuments mit der Druckformatvorlage einer Dokumentenvorlage verbinden, ersetzen die Druckformatdefinitionen des Dokuments die gleichnamigen Druckformatdefinitionen der Dokumentenvorlage. Sämtliche Druckformate in der Druckformatvorlage des Dokuments, die nicht in der Druckformatvorlage enthalten sind, werden dieser hinzugefügt.

Ein Leser der Süddeutschen fand darüber hinaus folgendes Gustostückerl. Es stammt aus der Bedienungsanleitung für eine Digitaluhr: „Zeiger auswählbor durch das Eigentümers Operation. – Drückt auf den Knopf ‚Set‘ um die gespalte Zeit zu fassen, wenn sie Stille läuft innerlich.Das kommende Highlight fand man zudem in der Gebrauchsanweisung für ein Radio: „Setzen sie das stereo Kopfphon in Kopfphon Wagenwinde ein, die Macht ist an, sonst ist die Macht ab. Für UKW Band, die Tafel wird angezündet, nur als den Laut des Radios – wird erhalten. When Sie kleinen Lärm wollen, als die Stereo Wirkung, setzen den Umschalter an ‚MONO‘.

Die Macht ist also an, sonst ist die Macht ab. Dem kann man eigentlich nichts mehr hinzufügen …

Doch, eines noch: Peter vom Bodensee schrieb mir: „Vielleicht kommen Sie mal nach Vorarlberg. Dann toaste ich gerne für Sie 😉 “ Ich werde darauf zurückkommen.

Bilder
Relikt aus längst vergangenen Tagen.
Relikt aus längst vergangenen Tagen.

Kommentare (11)

  1. Danke – auch wir haben diesen Toaster in Großmutters Haus entdeckt und sind große Fans davon. Sowohl der Blog Eintrag von 2017 als auch dieser haben uns somit genausoviel Freude wie der Toaster selbst bereitet 🙂

  2. … lange schon nicht mehr gelesen, diese wunderbare Bedienungsanleitung! Zu dieser Zeit war diese noch so etwas wie die Visitenkarte eines Unternehmens.
    Bei dem im Foto abgebildeten Modell sind auch schon die moderneren Metallklammern vorhanden, die ein besseres Grillergebnis boten.
    Schade, dass es keinen Wikipedia Eintrag gibt – Burg wird so in Vergessenheit geraten ….

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  3. Danke für diesen Artikel, ich habe selten so gelacht.
    Da sieht man wieder, es wäre schön, wieder mehr
    Geräte made in Europe zu bekommen.

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  4. Auspack und Freu mit der sensationellen Weihnachtskerze ist bei seit uns mehr als 15 Jahre ein Klassiker. War damals in einer Sprachkolumne einer Tageszeitung von einem mir bekannten Professor, der nicht nur mieserable Schulaufsätze pointiert zerpflücken konnte…
    Wie viele Menschen habe ich schon unvermittelt diese Gebrauchsanleitung als fröhliche Weihnachsfeier-Beiträge vorlesen lassen!

    Der Trend geht leider immer mehr in Richtung telefonbuchdicker Bücher, wo am Beginn – meist ausklappbar – Teile abgebildet sind und sich irgendwo mittendrin in der mulitlingualen Anleitung ein paar deutschsprachige Seiten befinden.
    Die ersten 1-3 Seiten sind meist allgemein gehaltene Warn- und Sicherheitshinweise, die universell für so gut wie jedes Gerät auf der Welt passen, oft auch noch mit einer Anleitung, wie die Gebrauchsanweisung mittels Piktogrammen zu leisen sei, gefolgt von ein paar Zeilen zur eigentlichen Handhabung des Produkts, mehr oder minder verständlich, wie obige Beispiele anführen, bevor es zur nächsten Sprache weitergeht.

    Trifft dies mal nicht zu, wird schlichtweg ein gefaltetes Plakat als Schnellstart-Piktogramm-Ansammlung im Ikea-Style beigelegt – mit Internetlink, wo man dann obiges, umfangreiches Anleitungsbuch downloaden kann.
    Triestes Beispiel dazu vor einigen Tagen, ein „deutscher“ Router, der dann in dem 150-seitigen Downloadfile immer auf die Online-Hilfefunktion der einzelnen Menüs verweist.
    Eigentlich wollte ich ein „watscheneinfaches“ Gerät und nicht ein Online-Masterstudium absolvieren!
    Zumindest das Rätselraten auf Grund der „Sprache“ blieb diesesmal aber erspart.

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