Freitag, 5. Juni 2020
Krisenmodus im Kopf

Neu, aber nicht normal

Wolfgang Schalko | 19.04.2020 | Bilder | |  

Wolfgang Schalko
Unter den zahllosen Dingen, die unsere Regierung seit mehreren Wochen nicht müde wird zu betonen, hat es mir eine Formulierung besonders angetan: die „neue Normalität” (© der Bundeskanzler). Ja, vieles ist momentan tatsächlich neu – aber von „normal” kann meines Erachtens in keiner Weise die Rede sein…

Wissen Sie, was „alternative Fakten”, „besondere bauliche Maßnahmen” und eine „bsoffene Gschicht” gemeinsam haben? Es handelt sich um österreichische Unwörter der letzten Jahre – und mit der „neuen Normalität” steht mein persönlicher Favorit für heuer schon fest. Ich halte es in diesem Punkt mit NEOS-Parteichefin Beate Meinl-Reisinger, die meinte: „Es gibt entweder Normalität oder nicht. Es gibt keine neue Normalität.“

Anders als die politische Debatte, die sich über gesundheitliche und wirtschaftliche Aspekte hinaus immer mehr zur handfesten Auseinandersetzung um die – notwendige? gerechtfertigte? überzogene? – Einschränkung verfassungsmäßig garantierter Grundrechte entwickelt, reichen mir eine handvoll völlig banaler Eindrücke, um die Corona-Krise als Ausnahmesituation festzumachen. Zu allererst: Waren Sie in den letzten Tagen einmal einkaufen? Ich bin mir mit meinem bunten Schal inmitten der Horde von Maskenträgern vorgekommen wie der Papagei im Taubenkäfig… Zweitens: Ich weiß die Qualitäten von Skype und anderen Videochats wirklich zu schätzen, zumal ich seit Jahren überwiegend im Home Office arbeite, aber mehr denn je zeigt sich in dieser Situation, wie wertvoll soziale Kontakte sind und dass sich persönliche Gespräche durch nichts – absolut gar nichts!! – ersetzen lassen. Drittens: Punkt zwei gilt auch – und gerade – für Kinder! Viertens: Ich bin immer noch dabei, mich auf die veränderte Situation einzustellen – tagtäglich poppt wieder irgendetwas auf, dass „vorher” anders war und an die aktuellen Gegebenheiten angepasst werden muss.

Und ich glaube, genau dieser letzte Punkt ist es auch, womit derzeit so viele Menschen so sehr zu kämpfen haben. Normalität bedeutet, Dinge auf eine gewisse (gewohnte) Art und Weise erledigen zu können, und damit einhergehend Routine(n). Natürlich kommt jeder ab und an zu dem Punkt, wo man gelangweilt feststellt: „Es ist immer das Gleiche.” Im weitaus größeren Teil unsers Lebens bzw Alltags bilden genau diese Routinetätigkeiten und quasi „vollautomatisch” ablaufenden Handlungssequenzen jedoch das eigentliche Rückgrat, weil sie eine elementare Funktion erfüllen: Sie entlasten unseren Kopf, da sie ohne großartiges Nachdenken ausgeführt werden können. Wenn der gewohnte Tagesablauf in mehr oder weniger großen Teilen neu „gelernt” werden muss, dann fordert – mitunter überfordert – das. Gewaltig sogar. Sie, mich, uns alle. Ganz offensichtlich, aber völlig nachvollziehbar. Manche mögen gewisse Schwierigkeiten haben, sich das einzugestehen – es ändert aber definitiv nichts an der Situation und macht sie auch nicht einfacher. Und schon gar nicht normal!

Lichtblicke?

Zwei Szenarien gehen mir angesichts der derzeitigen Notlage immer wieder durch den Kopf – vermutlich auch deshalb, weil das eine Szenario massiv von der Corona-Krise beeinflusst wird und das andere in Gesprächen immer wieder gerne als Beispiel für „Das würde uns jetzt gerade noch fehlen” genannt wird.

Dieses zweite Szenario wäre ein Blackout, an dem wir in der jüngeren Vergangenheit schon mehrere Male nur haarscharf vorbeigeschrammt sind und der – egal ob in Verbindung mit dem Coronavirus oder nicht – verheerende Folgen für unsere Gesellschaft hätte. Ohne Strom geht bekanntlich nichts und gerade in größeren Städten wären die zivilisatorischen Errungenschaften tausender Jahre vermutlich binnen Stunden völlig ausradiert, wenn es „finster” wird. Ein Blackout wäre zwar westlich schneller wieder überwunden als Covid-19, aber die kurzfristigen Auswirkungen wären wohl schlichtweg verheerend – einen kleinen Vorgeschmack darauf bot die gesamtgesellschaftliche Reaktion (Stichwort Hamsterkäufe) auf die bloße Ankündigung der Regierung, das Land „herunterfahren” zu wollen. Ich denke, wir sollten uns – nicht nur jetzt, sonderen ebenso in der Zukunft – vor Augen halten, dass sehr schnell sehr viel passieren kann. Auch äußerst Gravierendes.

Das erste Szenario betrifft die Klimakrise – und stellt sich im Grunde völlig konträr wie ein Blackout dar: Wir wissen, dass sie kommen wird, wir wissen, dass sie fatal sein könnte – aber wir tun (noch) wenig bis gar nichts. Weil das disruptive Momentum, der radikale Einschnitt fehlt. Wir schieben die schleichende Entwicklung einfach vor uns her und/oder beiseite… Zum Glück haben einige – und immer mehr – helle Köpfe erkannt, dass genau darin ein Schlüssel für die wirtschaftliche Wiederbelebung nach der Corona-Krise liegt: Investitionen in Erneuerbare Energien sind Konjunktur- und Zukunftsprogramm in einem. Ein Aspekt, der gerade auch die Elektrobranche zuversichtlich stimmen sollte.

Abschließend noch drei Zitate aus meinem momentan noch schneller als sonst wachsenden Fundus an aufbewahrungswürdigen Zeitungsartikeln – lassen Sie sich diese auf der Hirnrinde zergehen, wenn Sie gerade einmal nicht damit beschäftigt sind, ihren Alltag zu „normalisieren“:

  • „Die Corona-Krise zeigt, dass wir entschlossen und ministerienübergreifend handeln können. Diesen Willen müssen wir in die Klimakrise mitnehmen. Wenn die Klimakrise kommt, dann bleibt sie, da gibt es keine Impfung. Dann wird dieser Ausnahmezustand zum Dauerzustand.” (Umweltministerin Leonore Gewessler)
  • „Ich bin überzeugt, dass sich am Wirtschaftssystem etwas ändert. Wir reden natürlich nicht vom Jahr 2021. Was wir derzeit erleben, ist eine völlige Demontage einer auf Wachstum basierenden Wirtschaft. Schon die Tatsache, dass, wenn einen Monat lang nicht gearbeitet, produziert oder konsumiert wird, Panik und Hysterie aufkommt.” (Schriftsteller Ilija Trojanow)
  • „Die Quarantäne ist kein Bruch. Sie ist der krönende Abschluss eines linearen Prozesses zwischenmenschlicher Entfremdung, Individualisierung, Digitalisierung und Globalisierung. Denn wer sich überall wie daheim fühlt, der kann gleich zu Hause bleiben. Für den ändert sich kaum etwas. Außer der Radius, in dem er um sich selber kreist.” (Kabarettistin Lisa Eckhart)
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