Mittwoch, 12. August 2020
Editor's Choice85% rechnen mit Umsatzeinbußen

Auswirkungen von COVID-19 auf den österreichischen Handel

Hintergrund | Stefanie Bruckbauer | 22.05.2020 | |  
Rainer Will, Geschäftsführer des österreichischen Handelsverbandes. (Foto: Stephan Doleschal) Rainer Will, Geschäftsführer des österreichischen Handelsverbandes. (Foto: Stephan Doleschal) Die Auswirkungen von COVID-19 auf den österreichischen Handel untersuchte der Handelsverband in Zusammenarbeit mit EY. Die Ergebnisse der Studie zeigen ua, dass 85% (!) der österreichischen Handelsunternehmen 2020 mit Corona-bedingten Umsatzeinbußen rechnen, ein Drittel der Händler bewertet die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen zudem mit "nicht genügend".

Die Auswirkungen der Corona-Krise auf den österreichischen Handel sind gravierend, wie eine aktuelle Befragung der heimischen Handelsunternehmen von Handelsverband und der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY bestätigt. Alle Bereiche im Einzel- und Großhandel (also die gesamte Branche über alle Größenklassen und Warengruppen – vom EPU und KMU bis hin zum filialisierten Unternehmen, wie der Handelsverband sagt) stehen vor massiven Herausforderungen – gut 85% rechnen heuer mit Umsatzeinbußen von durchschnittlich 32%. Nur insgesamt 15% sehen das laufende Geschäftsjahr optimistischer: 6% aller Handelsunternehmen gehen davon aus, ihr Umsatzniveau zu halten, knapp 9% erwarten eine leichte Steigerung, der Großteil davon in der Spanne von plus 11 bis 25%.

In das kommende Jahr blicken die österreichischen Händler ausgehend von dem stark negativen Niveau in 2020 etwas positiver. Die Schatten der Krise werden sich allerdings auch 2021 abzeichnen, wie viele glauben: Nur ein Viertel der Befragten (25%) geht von einer Rückkehr zum Vorkrisenniveau aus. Alle anderen Handelsunternehmen, die für 2021 keine Rückkehr ihres Umsatzes auf Vorkrisenniveau erwarten, gehen im Durchschnitt davon aus, dass sich ihre Umsätze 2021 gegenüber 2020 nicht verändern werden. Gut jeder fünfte dieser Händler (21%) rechnet mit einem erneuten Minus von mehr als 10% gegenüber dem laufenden Geschäftsjahr. Mehr als jeder vierte befragte Händler (27%) geht davon aus, dass er seinen Umsatz 2021 im Vergleich zu 2020 verbessern kann.

Beschäftigung und Personal: Große Planungsunsicherheit

Vier von zehn Handelsunternehmen (41%) gaben an, alle Mitarbeiter bisher halten zu können, aber COVID-19-Kurzarbeit in Anspruch genommen zu haben oder das zu beabsichtigen. Der Tätigkeitsbereich der Angestellten hat sich dabei bei den wenigsten verschoben: Nur knapp jeder siebte Händler (15%) musste seine Mitarbeiter kurzfristig und ohne Umschulung anderwärtig einsetzen. Der Ausblick für die Entwicklung in den kommenden zwölf Monaten ist noch ungewiss: Für 39% der Befragten ist derzeit noch nicht absehbar, wie sich ihr Personalstand im kommenden Jahr entwickeln wird. Immerhin planen aber 41% der befragten Händler, die Mitarbeiterzahl nicht zu verändern. 13% der Unternehmen planen derzeit Stellenstreichungen und lediglich 7% wollen zusätzliche Mitarbeiter einstellen.

„Die aktuellen Entwicklungen rund um COVID-19 haben ein großes Maß an Planungsunsicherheit erzeugt. Derzeit kann niemand vorhersehen, wie sich die Wirtschaft und der Handel im speziellen weiter entwickeln werden. Entsprechend sind auch die Einschätzungen hinsichtlich der Personalentwicklung zurzeit eher verhalten“, sagt Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbandes. „Nach einer Phase mit 100-prozentigem Umsatzentgang erwarten im Gesamtjahr 2020 rund 85% der Händler Umsatzrückgänge. Die Planungsunsicherheit macht uns am meisten zu schaffen – mit Blick auf die Kaufkraft, aber auch mit Blick auf die Bürokratie rund um die Auszahlung der Staatshilfen. Das darf weder so andauern, noch sich jemals wiederholen.“

„Lebensmittelhändler sind bei der starken Nachfrage gefordert, die Lieferketten und Verfügbarkeit zu sichern. Andere Handelssparten, wie zum Beispiel die Bereiche Fashion, Inneneinrichtung oder Sportgeschäfte, haben dagegen mit teils massiven Umsatzeinbußen zu kämpfen. Jeder Sektor steht vor eigenen Herausforderungen – manche waren bereits vor der Corona-Pandemie sichtbar, andere formten sich von heute auf morgen“, analysiert Martin Unger, Partner, Strategy Leader und Leiter Konsumgüter und Retail bei EY Österreich. „Dass eine Krise dieser Art ausbrechen könnte, hatten die wenigsten am Radar – lediglich 8% der Handels- und Konsumgüterunternehmen verfügten über einen Pandemie-Krisenplan, wie die EY Studie zu Auswirkungen von COVID-19 auf österreichische Unternehmen zeigte.“

Rasches Umdenken gefragt

Um Mitarbeiter zu halten und Umsatzdefizite bestmöglich auszugleichen, war bei vielen Unternehmen rasches Umdenken gefragt. Für über die Hälfte (57%) stand Kostenoptimierung an erster Stelle, gefolgt von unterschiedlichen Maßnahmen im Bereich Online-Vertriebskanäle, Digitalisierung und Lieferketten. Vor allem die Verkaufsstrategie hat sich stark in den digitalen Bereich verlagert: 46% der Befragten gaben an, im Zuge von COVID-19 ihren eigenen Online-Shop ausgebaut zu haben oder aufbauen zu wollen – dieser dient für 62% bereits länger als wichtigster Online-Sales-Kanal. Jeder Dritte (33%) hat die Präsenz auf Onlinemarktplätzen gestartet oder verstärkt bzw. will das noch tun. Begehrt sind dabei vor allem österreichische Anbieter: eCommerceAustria.at (Handelsverband) wird von über der Hälfte der Befragten (65%) als regionales Webshop-Verzeichnis verwendet und liegt damit vor nunukaller.com (36%) und der Falter Onlineshop-Fibel (31%). 11% nutzen neu seit der Corona-Krise kaufdaheim.at, fünf Prozent shöpping.

Vor allem für viele EPU und Unternehmen mit bis zu neun Mitarbeitern waren die letzten Wochen ein Weckruf, dass ein professioneller Web-Auftritt mit digitalen Leistungen, sofern möglich, ein wirkungsvolles zweites Standbein darstellt. Der Sprung ins kalte Wasser ist erfreulicherweise vielen geglückt – auch denen, die sich jahrelang vor dem Online-Handel gescheut haben. Neuerungen, die aufgrund dieser Notsituation geschaffen wurden, werden hoffentlich auch künftig weiter ausgebaut – denn die Zukunft für viele Händler liegt nun mal zumindest teilweise im Internet“, so Unger.

Krisenbilanz: Viele Händler bewerten Abwicklung der Staatshilfen mit „nicht genügend“

Nur rund jedes siebte befragte Handelsunternehmen ist mit dem Corona-Hilfspaket der Regierung sehr zufrieden oder zufrieden. Die Mehrheit der Unternehmen hingegen (57%) zeigt sich nicht zufrieden, jeder dritte Händler bewertet es sogar mit „nicht genügend“. „Am schlechtesten fällt die Bewertung des Hilfspakets durch kleine Händler mit Jahresumsätzen von bis zu einer Million Euro aus. Deutlich besser wird es hingegen von größeren Händlern mit Umsätzen von mehr als 10 Millionen Euro bewertet“, berichtet Rainer Will.

Bei den staatlichen Unterstützungsleistungen gibt es ganz klar einen Favoriten, den bislang die Hälfte der Unternehmen (49%) in Anspruch genommen hat: Corona-Kurzarbeit. Weitere 3% haben eine Beantragung geplant. Vermehrt EPU und Unternehmen mit bis zu neun Mitarbeitern gaben an, nicht die Bedingungen für Kurzarbeit zu erfüllen – 41% haben Unterstützung beim Härtefall-Fonds für KMU/EPU beantragt. Zudem hat fast die Hälfte der Händler (48%) um Steuerstundungen angesucht, ein Viertel (25%) plant einen Antrag für den Corona Hilfs-Fonds, 19% haben diesen bereits gestellt. Nur 17% haben bislang die Anträge für Haftungsübernahmen bei Krediten und Zinszuschüssen/Zinsübernahmen ausgefüllt.

Investitionsstau

Die Studie zeigt auch: Acht von zehn Händlern (78%) werden, zumindest einen Teil der für 2020 geplanten Investitionen voraussichtlich nicht tätigen oder aufschieben. Im Durchschnitt sind 46% der Investitionen derzeit on hold oder werden gestrichen. „Die Händler kämpfen derzeit um jeden Euro in der Kasse und damit um jeden Konsumenten. Der krasse Liquiditätsmangel führt interessanterweise nur bei jedem dritten Händler zu Rabattaktionen, jedoch treten fast 80% der Händler bei Investitionen auf die Bremse. Das wirkt sich auf die gesamte Volkswirtschaft aus“, berichtet Will.

Neustart: Einsparung bei Werbung statt Rabattschlachten

Obwohl es wichtig ist, potenzielle Käufer ins Geschäft zu holen oder die Warenkörbe zu vergrößern, möchte die Hälfte (50%) auf die Verstärkung von Preis- und Rabattaktionen verzichten, ein gutes Viertel (28%) plant aber Vergünstigungen für alle Konsumenten. Nur 3% hingegen werden Preisvorteile ausschließlich für Mitglieder ihres Bonuskarten- bzw. Kundenbindungsprogramms anbieten.

Will sagt: „Das langsame Hochfahren der Wirtschaft hat für die Händler längst begonnen – und wie man sieht, ist die Nachfrage und Kaufbereitschaft derzeit etwas größer als erwartet. KMU und EPU konnten oftmals rasch ins Homeoffice wechseln und sind auch nun bei der ‚Nach-Corona-Organisation’ flexibler. Um auch nach der Corona-Krise wieder Fuß zu fassen, ist es wichtig, nicht von der Bildfläche zu verschwinden und am Ball zu bleiben.“

„Die guten Frequenzen an den ersten Tagen der kompletten Geschäftsöffnung dürfen jedenfalls nicht von der strukturell prekären Situation ablenken. Immerhin sind aktuell mehr als 588.000 Menschen in Österreich arbeitslos und weitere 1,2 Millionen in Kurzarbeit, das heißt, diese Verbraucher müssen jetzt mit deutlich weniger Einkommen auskommen. Daher sind jetzt Maßnahmen zur nachhaltigen Stabilisierung der Kaufkraft essenziell, sonst trübt sich der Konsum weiter ein“, so der Handelsverband GF.

Zukunftsfokus: Online-Verkauf, Regionalität und Nachhaltigkeit

„Dass vermehrt in Social-Media-Werbung investiert und gleichzeitig bei TV-Schaltungen gespart wurde zeigt, dass auch hier der Trend in Richtung online geht – immerhin jedes fünfte Unternehmen möchte künftig in der Business-Strategie verstärkt auf Omnichannel setzen. Hier liegt einer der Schlüssel für einen erfolgreichen Neustart nach den Restriktionen: Breit aufgestellt und nahe an der Zielgruppe sein“, erklärt Martin Unger.

Bei erwarteten Veränderungen für die Zukunft führt dementsprechend die Steigerung der Online-Bestellungen, mit der knapp drei Viertel (73%) der Händler rechnet. Auf Platz zwei der prognostizierten, langfristigen Veränderungen für den Handel und das Konsumverhalten liegt der stärkere Fokus auf Regionalität (64%), auf dem dritten Platz rangiert der Fokus auf Nachhaltigkeit (40%). „Gerade hier können vor allem kleinere Unternehmen punkten. EPU und KMU überzeugen durch Authentizität – sie sind nahe am Kunden und dadurch mit Nachhaltigkeitsbestrebungen und Regionalitätsversprechen besonders glaubwürdig. In vielen Sparten des Handels ist der Zusammenhalt stärker ausgeprägt als je zuvor“, so Unger.

„Drei Viertel der Händler gehen künftig von zunehmenden Onlinebestellungen aus, was den Druck, digitale Investitionen zu tätigen, erhöht. Ein merklicher Shift der Konsumenten hin zu Regionalität und Nachhaltigkeit geht damit einher. Das gilt es nun abzubilden, um die Kunden in der Krise zu halten“, bilanziert Rainer Will.

Forderungen des Handelsverband

Der Handelsverband hat sich für ein Vorziehen der bereits paktierten Steuerreform eingesetzt, wobei hier die Senkung der Lohn- und Einkommensteuertarife im Vordergrund stehen soll, um die Kaufkraft nachhaltig abzusichern. Darüber hinaus werden bundesweit 500 Euro „Österreich-Schecks“ für Personen mit Hauptwohnsitz in Österreich gefordert, dies „damit auch Geringverdiener mit einem Jahreseinkommen unter 11.000 Euro Kaufkraftzuwächse erhalten, die von einer Lohnsteuersenkung nicht profitieren würden. Eine perfekte komplementäre Sofortmaßnahme für einen sofortige Stützung, die es jetzt dringend braucht“, so Will.

Die Einführung einer Plattformhaftung soll bei Produktfälschungen, nicht korrekter Entrichtung der Mehrwertsteuer durch Drittstaaten-Händler und bei unvollständiger Bezahlung der Abfallentsorgungsgebühren anfallen, wenn jene auf Marktplätzen gelisteten Händler nicht direkt in Anspruch genommen werden können. „Wer in Österreich Gewinne erwirtschaftet, sollte auch hierzulande in die Gesundheits- und Sozialtöpfe einzahlen – so wie alle anderen heimischen Händler“, sagt Will, der sich vehement gegen den Plan der EU-Kommission ausspricht, die bereits für 1. Jänner 2021 fixierte Abschaffung der 22-Euro-Freigrenze bei Paketlieferungen aus Drittstaaten zu verschieben. Im Gegenteil: „Das Aus für die 22-Euro-Freigrenze ist überfällig, würde es doch ein 150 Millionen Euro großes Steuerschlupfloch insbesondere für asiatische Onlinehändler endlich schließen“, so der Handelsverband GF.

Nach der Gesundheitskrise gilt es nun, die Wirtschaftskrise mit derselben Entschlossenheit zu bekämpfen. Die Bürokratie steht derzeit zwischen den staatlichen Hilfsgeldern und den Unternehmen. Das vorgeschlagene Set an Maßnahmen könnte das Leid reduzieren, befreit aber nicht davor, EPU, KMU und beschäftigungsintensiven Unternehmen endlich die in Aussicht gestellten Gelder zukommen zu lassen. Sollten die Plattformhaftung und die Versteuerung ab dem ersten Cent nicht kommen, wäre das ein Schuss ins volkswirtschaftliche Bein, während der Handelsstandort bereits Corona-bedingt hinkt. Mittlerweile ist ein Drittel aller österreichischen Einzelhändler von der Schließung bedroht“, appelliert Rainer Will an die Politik.

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