Samstag, 30. Mai 2020
Neuordnung der Wirtschaft durch Corona?

Wochen der Weichenstellung

Hintergrund | Wolfgang Schalko | 23.05.2020 | BilderDownloads | |  

Wolfgang Schalko
Es ist ebenso frustrierend wie naheliegend: In Corona-dominierten Zeiten sind Themen abseits des Virus Mangelware. Leider. Nachdem Covid-19 uns und alle Lebensbereiche weiterhin fest im Griff hat, bleibt also nur die Flucht nach vorne. Ein Blick in die Zukunft aus wirtschaftlicher Perspektive.

„Es is schon wurscht” meinte Kabarettist Lukas Resetarits in einem ZiB2-Interview mit Armin Wolf und bezog sich damit zwar auf die Situation der Kulturschaffenden in Österreich, sprach aber vermutlich vielen Menschen aus der Seele, was die momentane „Corona-Lage” und die damit weiterhin verbundenen Bürden und Restriktionen betrifft. Das kann man so sehen – muss man aber nicht.

Denn so furchtbar die Covid-19-Pandemie und ihre Folgen auf der einen Seite auch sind, so soll dieses Konglomerat an Ereignissen und Entwicklungen – allesamt Dinge, von denen wir wohl noch vor drei Monaten einhellig behauptet hätten, dass die Welt sie nicht braucht – auf der anderen Seite wenigstens dafür gut sein, eine Wende einzuleiten und für nachhaltige Veränderung zu sorgen. Quasi der rettende Faustschlag von Mutter Erde, der uns vom Crash-Kurs abbringt, den wir mit Vollgas und grinsendem Antlitz gefahren sind. Phrasen wie die „Krise als Katalysator” oder „Corona als Beschleuniger des Wandels” machen ja seit Wochen die Runde.

Ob diese – zugegeben fromme, vielleicht sogar etwas esoterisch angehauchte – Hoffnung berechtigt ist, geschweige denn eintreten kann und wird, steht in den Sternen. Wie für fast alles gibt es glücklicherweise aber auch dafür Experten…

Blick in die Kristallkugel

Zukunftsforscher Matthias Horx hatte gleich zu Beginn der Corona-Krise mit vier möglichen Szenarien – Sie erinnern sich? – aufhorchen lassen, insbesondere mit seiner hoffungsvollen Skizze einer „Adaption” einhergehend mit einer resilienten Gesellschaft.

Diese möglichen gesellschaftlichen Konsequenzen nahm Harry Gatterer, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts, zum Ausgangspunkt, um die Perspektiven der Post-Corona-Ökonomie zu beleuchten – und was Unternehmen jetzt tun müssen. Im White Paper „Die Wirtschaft nach Corona“ werden die wirtschaftlichen Entwicklungen nach der Krise analysiert und die drei Phasen der Erneuerung nach Corona beschrieben.

Da die Wirtschaft mit den anderen Teilsystemen der Gesellschaft, von Politik und Wissenschaft über Recht und Bildung bis hin zu Sport und Religion, eng verwoben ist, ächzen wegen der sämtliche Subsysteme – in einer nie dagewesenen globalen Gleichzeitigkeit. Die Eingriffe des Staates würden zwar die Rettung der Wirtschaft und damit auch eine Wiederauferstehung der gesamten Gesellschaft, wie wir sie kannten, verheißen. Vielmehr als die Rückkehr zum Zustand vor der Krise würde Corona aber einen weitläufigen Wandel bringen und einen tiefgreifenden Prozess der Erneuerung initiieren – sodass die 2020er-Jahre zum „Jahrzehnt der Resilienz” werden.

Dabei ist aus Sicht der Studienautoren eines gewiss: Auf die Krise und ihre tiefen Verwerfungen folgen neue Möglichkeitsräume. Die kommenden Monate werden zum Fenster der Möglichkeiten und ihre Weichenstellungen werden die kommenden Jahre nachhaltig prägen – in Gesellschaft und Wirtschaft wie in jedem einzelnen Unternehmen.

Die Roadmap in die Wirtschaft nach Corona folgt demnach keinem geradlinigen Verlauf, vielmehr würden wir Anpassungsprozesse auf unterschiedlichen Ebenen und in verschiedenen Geschwindigkeiten erleben. Für Unternehmen gelte es dabei vor allem, in den Lernmodus zu schalten. Denn selbst das langsame „Wiederhochfahren“ der Wirtschaft werde unter „unnormalen“ Bedingungen stattfinden – begleitet von Improvisation, Rollenfindung und dem Loslassen alter Routinen. Das erfordere inmitten der Krise ein kreatives Mindset und eine Kultur des Lernen-Wollens: „Der Vorhof der Post-Corona-Ökonomie markiert den Beginn eines langen Erneuerungszyklus der Wirtschaft. Die drei Phasen der Erneuerung folgen daher nicht streng aufeinander, sondern sind in jedem Unternehmen unterschiedlich. Dennoch bieten sie einen Weg durch die Krise – und bereiten schon jetzt auf die Wirtschaft nach Corona vor.”

  • Phase 1 – Zerstörung und Re-Vision: Whatever it takes! Prämissen: Gesundheit, Sicherheit und Liquidität. Mit dem Satz „Der radikale Shutdown lehrt uns Komplexität” ist schon Wesentliches gesagt – die ganze Welt wurde in „Zwangspause“ geschickt, wie bei einem Domino-Spiel fällt ein Teilsystem anch dem anderen aus. Es kommt zur „Jahrhundert-Rezession”, was es braucht sind Entscheidungsfähigkeit und Selbstorganisation.
  • Phase 2 – Fenster der Möglichkeiten: Now or never! Prämissen: Identität, Kreativität und Geschwindigkeit. „Eine neue Ära des Unternehmertums beginnt” – das klassische „More of the same“ wird abgelöst, es geht vor allem darum, im Spiel zu bleiben. Gefragt sind Adaption, Anpassung und Einfallsreichtum.
  • Phase 3 – Adaption und neue Modelle: Manything goes. Prämissen: Glokalisierung, Digitalität und Adaptivität. „Der Weg zu neuen Wachstumspfaden fordert Resilienz statt Effizienz” – es geht um krisenfestes, ganzheitliches Wachstum. Eine Wir-Kultur etabliert sich, das Kontextbewusstsein wächst und Netzwerke verdichten sich: Lineare Value Chains werden abgelöst von Value Networks.

Fazit des White Papers (zum Nachlesen beigefügt als PDF): „Die nächsten Wochen werden für alle Unternehmen zu einem entscheidenden Moment der Weichenstellung. Gelingt der Sprung in eine Resilienzbewegung hin zu neuen, glokalen und adaptiven Netzwerken? Entwickeln wir uns in Richtung einer resilienten Gesellschaft? Oder bleibt nur der Ausweg in einen alten und dann sicher härteren Wettbewerb?”

Alte Idee neu entdeckt

Unabhängig von den Überlegungen des Zukunftsinstituts machte in letzter Zeit auch die – alles andere als neue – Idee eines (bedingungslosen) Grundeinkommens wieder verstärkt die Runde. Früher wurde diese Forderung gerne mit der Vorstellung von einem staatlich legitimierten Sozialschmarotzertum auf Kosten der Allgemeinheit assoziiert, und doch zeigt die aktuelle Krise nur allzu deutlich die Notwendigkeit eines solchen Rettungsschirms – in welcher Form auch immer, aber jedenfalls im Gegensatz zum oft verwendeten Bild von der sozialen Hängematte.

Sepp Schellhorn, Salzburger Gastronom und Neos-Abgeordneter (u.a. Parteisprecher für Wirtschaft und Kultur), ist mit Sicherheit keiner der „Links-Linken” oder „Alt-68er”, denen solche Ideen üblicherweise gerne zugerechnet werden. Und ausgerechnet Schellhorn hat kürzlich im „Falter” angesichts der dramatischen Situation vieler Freischaffender (und damit Unternehmer) statt eines Grundeinkommens von einer „bedingungslosen Lebensgrundlage” gesprochen – erstaunlich, wie eine einfache Umformulierung eine Idee doch gleich in völlig neues Licht rücken kann…

Bilder
Das Modell der Lazy Eight beschreibt die aktuelle Situation der Welt wie auch der Wirtschaft, die sich auf eine Rückwärtsschleife der Erneuerung begibt. Am kritischen Punkt der Bifurkation gibt es zwei Möglichkeiten: entweder das Festhalten am alten Status quo, das Zurück ins alte Spiel – oder den Sprung in die Innovation, hin zu einem Neustart. Damit beginnt ein neues Spiel. Der Versuch, den Status quo wieder zu erreichen, würde mit einer Marktbereinigung einhergehen, da die meisten kleineren und mittleren Unternehmen dem Verdrängungswettbewerb nicht standhalten könnten.
Das Modell der Lazy Eight beschreibt die aktuelle Situation der Welt wie auch der Wirtschaft, die sich auf eine Rückwärtsschleife der Erneuerung begibt. Am kritischen Punkt der Bifurkation gibt es zwei Möglichkeiten: entweder das Festhalten am alten Status quo, das Zurück ins alte Spiel – oder den Sprung in die Innovation, hin zu einem Neustart. Damit beginnt ein neues Spiel. Der Versuch, den Status quo wieder zu erreichen, würde mit einer Marktbereinigung einhergehen, da die meisten kleineren und mittleren Unternehmen dem Verdrängungswettbewerb nicht standhalten könnten. (© Zukunftsinstitut)
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White Paper „Die Wirtschaft nach Corona”

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