Dienstag, 20. Oktober 2020
„Wertfrei” betrachtet

Konsum zum Kopfschütteln

Hintergrund | Wolfgang Schalko | 27.09.2020 | Bilder | | 4  

Wolfgang Schalko
In meinen mittlerweile mehr als 13 Jahren der journalistischen Branchenbegleitung ist mir schon einiges untergekommen, unter anderem was die Preisgestaltung und die Auswüchse rund um dieses – ebenso relevante wie sensible – Thema betrifft. Für besonders angeregte Diskussionen sorgen seit einigen Jahren die Online-Rabattschlachten à la Prime Day, Cyber Week oder Black Friday Sale. Letzterer brachte mich im Rahmen seiner Special Edition im heurigen Sommer auf eine neue „Qualität” in Sachen Schleuderei …

Ich will hier nicht die Sinnfrage stellen und daher gar nicht näher darauf eingehen, was ich von den groß angelegten Online-Preismassakern grundsätzlich halte. Nur soviel als Teil meiner persönlichen Einschätzung als Konsument (ganz allgemein und nicht spezifisch auf den Elektrohandel bezogen). Wenn mir ein Händler beim Kauf eines Produktes preislich um – Hausnummer – 10 oder 20 Prozent entgegenkommt, dann erachte ich dies als Wertschätzung mir als Kunden gegenüber und erzeugt bei mir ein gutes, gewinnendes Gefühl. Wenn ich ein Produkt um ein Drittel, meinetwegen auch um die Hälfte verbilligt erhasche, dann habe ich das Gefühl, ein Schnäppchen ergattert zu haben – zu Konditionen, bei denen der Händler die Hosen schon ziemlich weit herunterlassen musste, aber wohl ebenfalls profitiert. Wenn allerdings ein Artikel mit -75% oder gar -80% bzw -90% angeboten wird, dann heißt das für mich: Entweder dieses Ding muss tatsächlich sehr, sehr dringend raus (was ich nur selten glauben kann), oder es ist in irgendeiner Art und Weise Klumpert (und daher vermutlich ein „Griff ins Klo”) oder – und das ist die Option mit dem unangenehmsten Beigeschmack – ich werde von diesem Anbieter die längste Zeit des Jahres kräftig verarscht (denn wie sonst sollte er so mir nichts dir nichts auch mit einem derartigen Abschlag „leben“ können?).

So weit, so gut. Am 30. Juli dieses Jahres startete also erstmals bereits im Sommer eine „Black Friday Sale” Verkaufsveranstaltung – laut Veranstalter „mit tausenden Markenprodukten zu stark reduzierten Preisen”, um tugendhaft und großmütig „den heimischen Handel in einer umsatzschwachen Zeit zu unterstützen”. Zwei Tage vor Beginn des sommerlichen Rausverkaufs poppte eine eMail des Veranstalters im Posteingang auf, in der mich folgende Passage stutzig machte: „Händler von Markenprodukten, wie etwa Jack Wolfskin, Christ, Ravensburger, flaconi, BWT oder Estée Lauder, nehmen am Summer Black Friday teil. „Der Großteil der Preise ist noch streng unter Verschluss, diese werden oft bis zum Startschuss von den Shops angepasst”, informiert Geschäftsführer Kreid. Folgende Rabatte stehen bereits jetzt fest:” – und dann wurden in einer kategorisierten Liste an die 20 Marken und die entsprechenden Preisnachlässe in Prozent aufgezählt. Kein Produkt. Keine Warengruppe. Nur Marken und Prozente – im extremsten Fall -92% (!!). Es dauerte ein wenig, bis ich das Gelesene einordnen konnte – und sich für mich die damit einhergehende Botschaft konkretisierte. Eine gleichsam fatale wie widerliche Botschaft: Das Produkt/der Artikel/das Gerät/die Ware oder wie immer man es nennen mag rückt völlig in den Hintergrund, einzig die Entwertung zählt. Die möglichst hohe Entwertung (und nichts anderes ist ein solcher Rabatt) – wovon, ist eigentlich egal. Ich für meinen Teil kann solches Kaufverhalten in keiner Weise nachvollziehen (siehe obige Schilderung meiner Gefühlsregungen bei 75% Rabatt und mehr) und kann es mir auch beim besten Willen nicht vorstellen – aber so nebenbei würde mich brennend interessieren, ob die „Extrem-Schnäppchenjäger” Spaß an der Sache haben? Und auf der anderen Seite die „Rabattier-Kaiser”?

Falls Sie bereits fassungslos den Kopf schütteln – warten Sie zu, es kommt noch dicker. Man soll ja Äpfel nicht Birnen vergleichen – schon gar nicht, wenn die Äpfel Dinge sind (bzw Produkte) und die Birnen Lebewesen (bzw Nahrungsmittel). Ausnahmsweise will ich es aber dennoch machen – denn es bestehen teils erstaunliche Parallelen in eigentlich völlig verschiedenen und unabhängigen Vermarktungswelten.

Same Day, Different …

Es war just am 28. Juli dieses Jahres, als sich in meinem Postfach nicht nur die bereits abgehandelte Pressemitteilung zum Summer Black Friday fand, sondern auch eine mit dem Titel „2,50 Euro für Schnitzel samt Beilage: Groteske Lebensmittel-Entwertung stoppen!” Diese stammte vom Tierschutzvolksbegehren und ich las diese, weil ich wissen wollte, wo dieses Schnäppchen zu haben war – aber nicht, um dieses zu konsumieren, sondern schlicht um den Urheber dieser „Schweinerei” zu erfahren (Als einen, für den Hausschlachtungen kein Fremdwort sind und der dem Sonntagsbraten sowie den Brathendl zuvor schon öfters tatsächlich ins Auge geblickt hat, führen solche Lebensmittelangebote bei mir beinahe reflexartig zu ungläubigem Kopfschütten und emporsteigender Zornesröte).

Nur wenige Tage zuvor war in einer anderen Pressemitteilung des Tierschutzvolksbegehrens schon einmal auf diese Problematik hingewiesen worden. Darin hatte der Initiator Sebastian Bohrn Mena geschrieben: „Die Entwertung von Lebensmitteln hat Ausmaße angenommen, die nur noch als schändlich bezeichnet werden können. Wenn Ministerin Elisabeth Köstinger meint, dass die Rabatt-Schlachten ‚moralisch verwerflich‘ seien, dann kann ich ihr nur absolut zustimmen. Aber es darf nicht bei dieser Wertung bleiben, die Politik muss der grassierenden Aktionitis im Handel einen Riegel vorschieben. Das wäre zum Wohl der Tiere, der Natur und der heimischen Landwirtschaft, die allesamt den wahren Preis für das Billigfleisch zahlen.” Und weiter: „Solange wir erlauben, dass Konzerne Lebensmittel mit großem Werbeaufwand systematisch entwerten, solange wird es Menschen geben, die diese Produkte kaufen. Es ist zynisch an den Verbraucher zu appellieren, er solle sein Konsumverhalten ändern, wenn gleichzeitig Millionen investiert werden, um ihn davon zu überzeugen, dass Geiz geil sei. Das Gegenteil ist der Fall. Geiz bei Lebensmitteln ist nicht nur moralisch verwerflich, es ist auch volkswirtschaftlich schädlich. Wir alle verlieren, wenn wir weiter zulassen, dass das Billigfleisch zur Norm wird.”

Würde der Anstand nicht anderes gebieten, schlüge ich Ihnen vor, sich den vorigen Absatz mit Begriffen des Elektrohandels vor Augen zu führen. Apropos Anstand: Uns bleiben noch zwei Monate. Dann ist wieder Black Friday – der „reguläre” …

Bilder
(© Tierschutzvolksbegehren)

Kommentare (4)

  1. Wie sagt man so schön: Der Markt wird es schon richten. Hier muss es aber heißen: Der Handel erzieht sich seine Konsumenten, hin zum dämlichen Kunden.

  2. So garstig und mühsam ich persönlich manchen standard empfinde, wenn richtig gelebt können diese entsprechendes Bewusstsein erzeugen. Gerade im Lebensmittelhandel muß es Regulatoren geben die “echte Lebensmitteln” bzw. deren Produzenten einfach und klar kategorisieren. Vielleicht sogar dies als Standard einzuführen und Import oder auch Legebatterien (als Beispiel) entsprechenden Auflagen und zwang zur Belabelung zu unterziehen.

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