Freitag, 4. Dezember 2020
Wo der Wurm drin ist – nicht erst seit Corona

Krise im Kopf

Wolfgang Schalko | 25.10.2020 | Bilder | |  

Wolfgang Schalko
Die Covid-19-Pandemie verändert ganz offensichtlich einzelne Lebens-, Arbeits- und Geschäftsbereiche tiefgreifend bzw beschleunigt deren Wandel. Vielfach sind – utopische wie dystopische – Stimmen zu vernehmen, die unser gesamtes Gesellschafts- und Wirtschaftssystem gerade im Umbruch sehen. Ein durchaus radikales Konzept, das in diesem Zusammenhang wieder öfter ins Spiel gebracht wird, ist jenes des sog. „begingungslosen Grundeinkommens“ – die Diskussion bewegt sich irgendwo zwischen kollektivem Freifahrtschein ins soziale Eldorado und unumgänglicher Konsequenz der fortschreitenden Digitalisierung bzw Automatisierung.

Zugegeben, die hier angeschnittene Materie ist ziemlich starker Tobak. 1.000, 1.200 oder gar 1.500 Euro für jeden und jede in diesem Land. Jeden Monat. Bedingungslos. Das heißt: Einfach so, für die alleinerziehende Mutter ebenso wie für den „Tachinierer”, für den vielzitierten „kleinen Mann” ebenso wie für die Multimillionärin. Eine Idee, die offensichtlich völlig unvereinbar mit jeglichen Prinzipien unserer Leistungsgesellschaft erscheint. Auf den ersten Blick definitiv, bei näher Betrachtung tun sich jedoch bemerkenswerte Perspektiven auf.

Suche nach dem Sinn

Ehe ich dazu komme, welche Perspektiven das sind, möchte ich Sie noch auf einen kurzen Exkurs mitnehmen, bei dem es um nichts Geringeres geht als die Sinnfrage. Die Herren Josef Zotter – Chocolatier –, Johannes Gutmann – Sonnentor-Gründer – und Robert Rogner – Gründer der Gesellschaft für Beziehungsethik – haben ein Buch geschrieben: „Eine neue Wirtschaft – Zurück zum Sinn”. Darin kommen die Autoren zum Befund, dass der Sinn der Wirtschaft eigentlich darin liegt, Wohlstand und Sicherheit für alle zu erzeugen und Menschen dabei miteinander zu verbinden. Doch die Wirtschaft habe sich zu einem Monster entwickelt, das wenige sagenhaft reich macht, viele in Armut zurücklässt und dabei den Planeten zerstört. Die drei beschreiben die historischen Komponenten, die der Wirtschaft ihren Sinn genommen haben – von der jungsteinzeitlichen Revolution bis hin zum Dogma des uneingeschränkten Wachstums – und dass eine Veränderung der Wirtschaft nur in jedem Unternehmen, jedem Manager und jedem Mitarbeiter selbst ihren Ausgang nehmen kann. Corona sei eine gute Chance, neue Wege zu beschreiten – mit einem breiten Angebot an Alternativen, das von Hippie-Kommunen über die Gemeinwohlökonomie bis hin zum New Green Deal reicht – und so schlussendlich den Druck der „Monsterwirtschaft”, immer mehr zu produzieren und zu konsumieren, zu überwinden.

Selbstdefinitionskriterien

So weit, so (un-)klar. Denn schon jeder hat sich wohl – mehr oder weniger intensiv – ab und an die Sinnfrage in Bezug auf sein Arbeiten, Wirken und Wirtschaften gestellt. Vielfach wohl mit dem zumeist gerne und schnell wieder verdrängten Resultat, dass ein bloßes „Mehr” von allem nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann – zumal uns allen als augenscheinlich vernunftbegabte Wesen bewusst sein muss, dass der Verbrauch endlicher Ressourcen nicht unendlich lange weitergehen kann. Das Erstaunlichste daran ist für mich, wie schwer es den meisten fällt, sich mit diesem Gedanken anzufreunden.

Zum Glück (?) gibt es eine Reihe von Stellschrauben, an denen sich drehen lässt – und eine immer wichtiger werdende ist jene der Produktivität. Diese ist sehr gut in immer höhere Sphären steigerbar, allerdings mit dem unerfreulichen Nebeneffekt, dass der „Faktor Mensch” immer weiter reduziert werden muss. In immer mehr Arbeitsbereichen können selbst hochqualifizierte Mitarbeiter nicht annähernd das leisten, was maschinelle und Robotersysteme (Stichworte: Digitalisierung, Automatisierung und Künstliche Intelligenz) heute vollbringen können. Die logische Folge ist eine größer werdende Zahl an Menschen, die am Arbeitsmarkt vor allem eines sind: überflüssig. Denn es scheint aus heutiger Sicht weder so zu sein, dass der technologische Fortschritt ähnlich viele neue Arbeitsplätze schaffen würde wie er bestehende wegrationalisiert, noch dass sich diese Gruppe, die gemeinhin gerne als „Digitalisierungsverlierer” bezeichnet wird, beliebig für andere Einsatzfelder umschulen oder qualifizieren lassen würde. Schon allein deshalb nicht, weil die Digitalisierung nach und nach alle Bereiche erfasst.

Und damit wären wir endlich beim Kern der Sache: Einen möglichen Ausweg sehen progressive Denker und Kräfte in einem bedingungslosen Grundeinkommen (BGE). Solche Denkansätze erhalten durch die Folgen der Covid-19-Pandemie gerade kräftigen Aufwind, was sich auch daran zeigt, dass kürzlich in Deutschland von der NGO „Mein Grundeinkommen” gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) das Pilotprojekt Grundeinkommen (BGE von 1000 Euro pro Monat für mehrere hundert Menschen für jeweils ein Jahr) gestartet wurde und überdies sogar eine europäische Bürgerinitiative für ein EU-weites BGE initiiert wurde.

Doch anders als man erwarten würde, wird diese Maßnahme zur Existenzsicherung selbst in Krisenzeiten und gerade auch von jenen, die ganz offensichtlich massiv unter den Folgen leiden, nicht nur nicht beklatscht und bejubelt, sondern sogar entschieden abgelehnt. Aber warum?

Abseits aller Fragen zur Finanzierbarkeit und Adäquanz liegt das größte Problem bezüglich eines BGE – das ja Wegbereiter eines unbeschwerteren und damit glücklicheren Daseins sein sollte – in unseren Köpfen. Dazu hat Isolde Charim kürzlich im „Falter“ einen erhellenden Befund geliefert: Woran wir uns eigentlich stoßen, ist demnach nicht die Bedingungslosigkeit, sondern das Einkommen selbst. Der Begriff „Einkommen” gehört in das von uns allen vorbildhaft verinnerlichte Konstrukt der Meritokratie („Verdienstadel”), wonach uns unser Platz in der Gesellschaft durch Leistung und Verdienst zugewiesen wird. Der Moralphilosoph Michael Sandel merkte dazu allerdings an, dass die Meritokratie auch „sehr finstere Seiten” aufweise, denn wir würden dem Prinzip immer weniger gerecht werden können, weshalb es bröckle – etwa dort, wo astronomische Manager-Boni schlichtweg nicht mehr mit der erbrachten Leistung gerechtfertigt werden können (für Sandel eine „meritokratische Überheblichkeit”), aber ebenso dort, wo sich allseits bejubelte „Systemerhalter” in der Corona-Krise mit prekären Einkommensverhältnissen konfrontiert sehen. Und obwohl die Leistung nicht mehr das bestimmende Element ist, halten wir dennoch krampfhaft an der Vorstellung eines gerechten Tausches – Leistung gegen Verdienst – fest.

Genau diesen tief verwurzelten Glauben greift das BGE an, weil es sich dabei um eine Art „Bezahlung fürs Nichtstun” handelt. Per se schon ein absolutes „No-Go” in unserer Leistungsgesellschaft geht damit aber noch ein anderer Aspekt einher: Arbeit gibt uns nicht nur Materielles, sprich Geld, sondern vor allem auch Anerkennung und Würde. Dieses Arbeitsethos ist nicht nur in jedem von uns, sondern als Ordnungsprinzip in der gesamten Gesellschaft fest verankert.

Was könnte also helfen, damit wir uns beim Griff zum offensichtlich so nahe liegenden Glück nicht länger selbst im Weg stehen? Ganz einfach: Man muss lediglich der Psyche ein Schnippchen schlagen. Die Falter-Kolumnistin verweist hier auf den Neos-Kultursprecher Sepp Schellhorn, der meinte, er tue sich „mit dem Terminus Grundeinkommen ein bisschen schwer” und spreche daher lieber von einer „bedingungslosen Lebensgrundlage”. Na bitte, klingt doch gleich besser…

Bilder
(© uschi dreiucker / pixelio.de)

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