Donnerstag, 21. Januar 2021
Mysterium Jugendsprache

Nix verstehen!

Stefanie Bruckbauer | 25.10.2020 | Bilder | | 1  

Stefanie Bruckbauer
Ich beschäftige mich gerne mit Sprache, habe auch schon den einen oder anderen Kommentar zu diesem Thema geschrieben. Genauer gesagt, rege ich mich gerne über Sprachverfehlungen auf, und über Entwicklungen, die die Sprachqualität verschlechtern. Letztens bin ich wieder über etwas gestolpert ...

Es gibt ja diese Agenturen, die Pressemeldungen verfassen und dann an die Redaktionen dieser Welt ausschicken. Dazu zählen im deutschsprachigen Raum die APA, die DPA, OTS oder auch Pressetext. Bei letzterem Anbieter fand ich vor einiger Zeit folgendes Gustostückerl: Man titelte mit den Worten: „Neuer Sensor funzt mit statischer Elektrizität“.

Nein, ich habe mich nicht verschrieben, und auch die Autokorrektur meines PCs funktioniert einwandfrei. Da stand allen Ernstes „funzt“. Und wir sprechen hier über eine Pressemeldung, die vielen Journalisten als Basis für deren Berichterstattung zur Verfügung gestellt wird. Einige übernehmen diese Texte ja völlig unreflektiert 1:1, was man dann ua. daran erkennt, dass sich ein und der selbe Rechtschreibfehler (oder seltsame Begriff), an ein und der selben Stelle, quer durch die Berichterstattung eines Landes zieht. Bei vorliegender Pressemeldung kommt dazu, dass nicht nur das Unwort „funzt“ mitten im Titel throhnt, sondern dass gleich darunter „zweidimensional gefaltetete“ steht (siehe Bild). Bei „tetete“ handelt es sich ganz offensichtlich um einen Tippfehler. Aber „zweidimensional“ wurde bewusst als Wort gewählt und ich frage mich was das bedeuten soll: „zweidimensional falten“? Meinten die vielleicht „zwei Mal falten“, wollten aber unheimlich schlau klingen und machten aus „zwei Mal“ einfach „zweidimensional“? Hmmmm ….

Ich war neugierig und googelte in den Online-Ausgaben der heimischen Zeitungen, ob noch irgendwer das „funzt“ (und vielleicht sogar das „zweidimensional gefaltetete“) übernommen hat – leider nein … wäre auch zu schön gewesen 😉 Ich bin allerdings auf etwas anderes gestoßen, was mich kurz innehalten ließ. „Funzt“ hat nämlich mittlerweile einen Eintrag im Deutschen Duden (!) bekommen. Da kann man online unter „F“ tatsächlich nachschlagen: „funzen“, schwaches Verb. Worttrennung: fun/zen. Beispiel: es funzt. Bedeutung: funktionieren. Beispiel: wie es funzt, wisst ihr ja. Andere Wörter für funzen: flutschen. Und an dem Punkt hörte ich auf zu lesen, weil ich es nicht fassen konnte…

Ein fataler Irrglaube

„Funzt“ ist für mich ein Unwort, das vor ein paar Jahren unter Jugendlichen aufkam und heute von Leuten jenseits der 35 verwendet wird, die cool sein wollen, jugendlich und hipp, im Glauben, dass man das ist, wenn man Worte verunstaltet, verkürzt, verstümmelt. Dabei ist „funzt“ nicht cool. „Funzt“ wirkt auf mich viel mehr, als wäre derjenige, der es verwendet, zu faul, ganze Worte auszusprechen. Oder als wäre das Wort „funktionieren“ zu kompliziert und bevor man Gefahr läuft es falsch auszusprechen, kürzt man es lieber falsch ab.

Jene Erwachsene, die glauben, dass man durch die Verwendung von Jugendsprache, dem Älterwerden entkommt, bzw jugendlich wirkt, unterliegen damit übrigens einem fatalen Irrglauben: Denn, bei Jugendbegriffen ist es ja so, wenn sie dann auch schon von Erwachsenen genutzt werden, sind sie bei den Jugendlichen schon längst wieder voll wack, also langweilig, lahm und gar nicht geil. Die haben in der Zwischenzeit längst neue Modewörter kreiert. Die alten Worte überlassen sie bereitwillig den Erwachsenen, die mit ziemlicher Verspätung die Ausdrücke der Jugend übernehmen – eben im Glauben, somit voll hipp und krass jugendlich zu wirken. Allerdings ist das Gegenteil der Fall. Sie outen sich mit dem Verwenden der einstigen Jugendworte erst recht als alternde Deppen, die es nicht akzeptieren können, dass wir halt alle älter werden.

Damals und heute

„Funzt“ hat mittlerweile einen Eintrag im Deutschen Duden bekommen. Da kann man online unter „F“ tatsächlich „funzen“ nachschlagen. (Bild: Screenshot www.duden.de)

Jugendsprache ist ja auch so ein Thema. Natürlich nutzten auch wir damals unser eigenes Vokabular und einige Worte ließen – kaum ausgesprochen – Mutters rechte Augenbraue abrupt nach oben schnellen. Aber unsere Sprache von damals unterscheidet sich extrem von der heutigen. Was bei uns „cool“ oder „geil“ war, ist heute „mega“, „porno“ oder überhaupt gleich „megaporno“ und dann schon wieder „tight“ oder „lit„. Die Jugendsprache von heute ist noch mehr als damals geprägt von Abkürzungen und Verschmelzungen gespickt mit zahlreichen Anglizismen, eigentlich Denglizismen, also der Verdeutschung englischer Begriffe. (Jöh, ein Kofferwort! 🙂 Meine erste Begegnung mit „Kofferworten“ hatte ich in einem meiner letzten Sonntagskommentare). Von Denglisch spricht man, wenn englische Wörter in die deutsche Sprache übernommen werden. Beispiele dafür sind: Das ist eine stylische Hose. Der Flug wurde gecancelt. Oder: Ich habe das Programm gedownloadet (oder downgeloadet. Geht beides. Wie es Ihnen besser gefällt). Interessant finde ich: Viele denglische Worte werden auf Englisch entweder anders verwendet – oder sie existieren gar nicht! Das berühmteste Beispiel dafür ist wohl „Handy“. Das Wort existiert zwar in der englischen Sprache, hat allerdings nichts mit Mobil-Telefonen zu tun. Viel mehr bedeutet es im Original „einfach praktisch“ oder „griffbereit“. Zu unserem „Handy“ sagen die Engländer hingegen „mobile phone“. Auch „Mailbox“ ist ein Klassiker. Was bei uns zum Hinterlassen von elektronischen Nachrichten verwendet wird, ist dem Amerikaner sein Hausbriefkasten. Unsere „Mailbox“ ist dem Englisch sprechenden Menschen seine „Voicemail“. Cool ist auch „Shooting“ – wir meinen damit eine Fotosession, der Engländer hingegen eine Schießerei.

#läuftbeimir“

Ich möchte aber noch mal kurz zurück zum Thema Jugendsprache kommen. Die macht nämlich nicht einmal vor der Lyrik Halt, wie ich letztens mit Entsetzen festgestellt habe. Sie kennen doch sicher den Erlkönig, eines der berühmtesten Werke Goethes. Sie wissen schon: „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind. Es ist der Vater mit seinem Kind. Er hat den Knaben wohl auf dem Arm. Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.“ Im Jugendslang liest sich das wie folgt: „Wer ballert so late durch die Night? Yo, das is Daddy mitm‘ Kid auf’m Bike. Sein Mini-Me safe am Bizebs. Zockt er dabei tighte Free-Apps.

Das gleiche geht mit Theodor Storms Knecht Ruprecht. Sie wissen schon: „Habt guten Abend, alt und jung. Bin allen wohl bekannt genung. Von drauß‘ vom Walde komm‘ ich her. Ich muss Euch sagen, es weihnachtet sehr. (…) Und droben aus dem Himmelstor. Sah mit großen Augen das Christkind hervor.“ Ja, und von einem Teenie übersetzt und vorgetragen lautet es dann: „Yo, Grannys und Teens was geht. Gerafft wer hier steht? Komm aus‘m Wood, krasse Fahrt. Heftigster Christmas draußen am Start. (…) Und von oben, up in the sky. Glotzt son Chabo runda, fragt ‚why?‘

Und weil’s ja doch so schön ist, wenden wir uns noch Mozarts Papageno, dem Vogelfänger, zu. Sie kennen den Text? „Der Vogelfänger bin ich ja. Stets lustig, heißa Hoppsassa. Ich Vogelfänger bin bekannt. Bei Alt und Jung im ganzen Land. (…) Und küsste sie mich zärtlich dann. Wär‘ sie mein Weib und ich ihr Mann. Sie schlief an meiner Seite ein. Ich wiegte wie ein Kind sie ein.“ Die Teenies singen indes: „Ich bin der Boss, ey Junge, is klar? Vollgas Digger – Malle ist nur einmal im Jahr. Jeder Kevin weiß, ich bin hype. Auch in Deiner Hood, Alter, frag doch Dein Weib. (…) Jackpot wär‘, ich könnt was reißen. Sonst werd‘ ich auf die Tour echt scheißen. Pennt die Alte dann neben mir hier. Post‘ ich auf Insta #läuftbeimir.

Sie fragen sich jetzt mit Sicherheit, warum ich auf diesem Gebiet so gut Bescheid weiß 😉 und (auch wenn ich Sie jetzt enttäuschen muss) NEIN, es liegt nicht daran, dass ich selber so jugendlich und hipp bin und mit den Teenagern auf Augenhöhe kommunizieren kann (auch wenn es den Anschein hat – Scherz! 😉 ) Viel mehr ist es so, dass ich genauso Bahnhof verstehe wie Sie (vermutlich), aber (und das ist jetzt kein Scherz) dank Langenscheidt Wörterbuch, das jedes Jahr einen „100% Jugendsprache“-Führer rausbringt, weiß ich was geht, hab also voll die krasse Peilung 🙂

Echt porno

Es gibt einige Merkmale des heutigen jugendlichen Sprechens. Dazu zählen ua. das Verwenden von Werbesprüchen oder Zitaten aus Filmen, Serien, Songtexten etc. Das Sprechen in grammatikalisch fehlerhaftem Deutsch („Tchuligom“ , „i bims“ oder „Isch geh Kino“ ). Bedeutungsverschiebung („Porno“ war früher nur die Kurzform von Pornographie, heute ist „porno“ ein Synonym für „interessant“). Die Verwendung intensivierender Ausdrücke („epic“, „fett“ , „de luxe“ , „hamma“ ). Die Entlehnungen aus anderen Sprachen („hustlen“ für „hart arbeiten“ , „Habibi“ für „Schatz“ oder „Liebling“ ), Wortneuschöpfungen („Merkules“ , „Gönnjamin“ oder „Alpha Kevin“ . Letzteres war 2015 übrigens sogar als Jugendwort des Jahres nominiert, wurde dann aber von der Nominiertenliste gestrichen, weil bestimmte Personen – also alle Kevins – nicht diskriminiert werden sollten). Zu den Merkmalen des heutigen jugendlichen Sprechens zählen darüber hinaus Satzabbrüche sowie metaphorische, oftmals hyperbolische Sprechweisen („Obermacker“ für Direktor oder „Faltenbügler“ für Schönheitschirurg). Und zu den Merkmalen zählt ebenso die kreative und spielerische Verfremdung von Wörtern und Äußerungen. Beispiele dafür sind „Lassen Sie mich Arzt, ich bin durch“ , „Smombie“ (Mischung aus Smartphone und Zombie) und „Gymkie“ (Fitnessfanatiker, Mischung aus Gym und Junkie) aber auch „Gadse“.

Das Gadsendiktat

Wissen Sie was „Gadse“ bedeutet? Bei meiner ersten Begegnung mit diesem Wort, hatte ich keine Ahnung, ja nicht einmal im Ansatz eine Idee, was das bedeuten könnte. Ist es Deutsch? Oder eine Fremdsprache? Ist das ein Eigenname, ein Fremdwort? Googeln Sie mal das Wort „Gadse“ und sie werden staunen

  1. wie viele Leute das Wort mittlerweile kennen und nutzen, nämlich nicht (mehr) nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene und
  2. was es damit auf sich hat.

Das, was wie die Wortkreation eines Zweijährigen klingt, ist nämlich die mittlerweile fast gängige Bezeichnung für „Katze“. Und nicht nur das. Der „Gadsen“-Begriff wird interessanterweise auch auf andere Tierspezies ausgedehnt. Selbst Hunde sind genau genommen Gadsen, sie gehören zur Kategorie der „Bellgadsen“. Und auch ein Pinguin darf sich als „Antarktisgadse“ zur Familie zählen.

Das Prinzip ist einfach: „Gadse“ steht ganz allgemein für Tier und dieses wird dann nach typischen und bekannten Eigenschaften wie Geräuschen, Lebens-Orten, Fähigkeiten oder Bewegungsmustern benannt. Letztens kreierten wir zuhause neue Tierspezies und Sie dürfen nun raten worum es sich handelt zB bei der Hoppelgadse, der Grunzgadse, der Summgadse, der Määähgadse, der Muhgadse oder der Tschilpgadse? Kleiner Tipp: Begleitet von bzw. nach einem Flascherl Wein lassen sich herrlich neue Tierspezies erfinden – viel Spaß! 🙂

Bilder
(Bild: JMG/ pixelio.de)
(Bild: JMG/ pixelio.de)

Kommentare (1)

  1. Hallo. ich möchte die Sprache umstellen, zum Beispiel bei der Wiedergabe der Selbstlautkombinationen ai, ei. Bitte um Diskussion. Ich weiss, das geht besser per Sprache als durch Schrift.

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