Donnerstag, 21. Januar 2021
Leidige Diskussion ums Nonstop-Shoppen

Alle Jahre wieder: der Sonntag!

Hintergrund | Wolfgang Schalko | 29.11.2020 | Bilder | | 2  

Wolfgang Schalko
Es ist wie das Amen im Gebet: Irgendein mehr oder weniger „aufgelegter“ Auslöser verleitet Jahr für Jahr irgendjemanden – zumeist aus den Reihen der Wirtschaftskammer – dazu, die Debatte um die Sonntagsöffnung neu zu entfachen. Wie für eh fast alles im 2020er Jahr muss auch dafür das Corona-Virus herhalten…

Genießen Sie Frühstückskaffee und Kipferl, das gemütliche Herumlungern auf der Couch oder was auch immer Sie sonst so an diesem Sonntag zu tun gedenken – es könnte Ihr vorletzter sein! Besser gesagt, Ihr vorletzter zuhause. Jedenfalls dann, wenn die Wünsche von Harald Mahrer wahr werden und an den beiden verbleibenden Wochenenden zwischen Lockdown-Ende und Weihnachten die einen von Ihnen auch am Sonntag ihre Geschäfte aufsperren dürfen und die anderen gefälligst hinpilgern und für Umsatz sorgen sollen. Flankiert von längeren Öffnungszeiten als adäquate Begleitmaßnahme, um das Weihnachtsgeschäft anzukurbeln und, so der WKÖ-Präsident, die Kundenströme zu entzerren.

Wenig überraschend erteilten die Arbeitnehmervertreter dem Vorstoß eine klare Absage (die Fraktion Christlicher Gewerkschafter/-innen in der GPA beispielsweise bezeichnete ihn als „Affront gegen die Arbeitnehmer zugunsten des Konsums“), während er auf Seiten der Handelsvertreter grundsätzlich Zuspruch fand, wie etwa beim Handelsverband – unter der Voraussetzung, dass die Sonntagsöffnung „ausschließlich auf Freiwilligkeit seitens der Händler basiert.” (Eine Übersicht der Standpunkte bietet dieser Artikel auf elektro.at)

Ein Gedankenexperiment

Ehe ich Sie kurz mit dem Gedanken alleine lasse, ob Sie Ihr Geschäft heute aufgesperrt hätten, wenn es Ihnen erlaubt gewesen wäre, beziehungsweise ob Sie freudestrahlend den Weg zur Arbeit antreten würden, wenn Ihr Arbeitgeber sich kurzfristig entschlossen hätte, jetzt auch an Sonntagen zu öffnen, möchte ich eine Überlegung mit Ihnen teilen, die mir zu diesem Themenkomplex durch den Kopf gegangen ist.

Geschwindigkeitsbeschränkungen im Straßenverkehr sind in ihrer Wirkungsweise den geregelten Öffnungszeiten im Handel nicht unähnlich: Sie hindern zwar einige daran, wesentlich schneller straffrei von A nach B zu gelangen, erhöhen aber wesentlich die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer und sorgen noch dazu für eine gewisse Überschaubarkeit des Geschehens. Was aber würde passieren, wenn man die Geschwindigkeitsbeschränkungen aufheben würde – freiwillig versteht sich, man will ja schließlich keinen Autobesitzer per Gesetz dazu nötigen, das Gaspedal bis zum Erreichen der Höchstgeschwindigkeit durchzudrücken. Stellen sich sich dieses Szenario kurz anhand einer Ihnen vertrauten Strecke vor (Anmerkung: Die Wiener Südost-Tangente im Frühverkehr gilt nicht!!).

Wenn ein paar Irre mit Tempo 250 über die Autobahn donnern, geht das natürlich nicht spurlos an der Umgebung vorüber – und wenn Händler A bereitwillig am Sonntag seine Pforten öffnet, dann wird für Händler B nebenan die vermeintliche Freiwilligkeit sehr rasch zum überlebensnotwendigen Zugzwang.

Gedanken und Meinungen sind frei

Selbstverständlich will ich niemandem das Recht absprechen, seine Meinung zur Sonntagsöffnung zu äußern – zumal sie im Falle Mahrers als Interessensvertreter der Wirtschaft ja völlig legitim ist. Aber ich teile die Befürchtungen der Gegner der Sonntagsöffnung: Ist die Büchse der Pandora erst einmal geöffnet, kriegt man den Deckel wohl nicht mehr zu. Der Drang des Menschen, in solchen Extrem-Situationen wie sie die Covid-19-Pandemie aktuell hervorruft, etwas unternehmen zu wollen, ist ebenso verständlich wie zumeist fatal. Es geht um ein schlichtes Abwägen: Hier zwei offene Sonntage plus ein paar Verkaufsstunden mehr und die Frage, was diese Maßnahme unterm Strich wirklich bringen würde. Dort ein ganzes Konvolut an drohenden Folgen allein für die Berufs- und Arbeitswelt (oder zumindest die ab sofort dauerhafte Diskussion darüber) inklusive einem massiven Einschnitt in unsere gesamtgesellschaftliche Konvention, durch gewisse Regeln nicht nur einzuschränken, sondern zugleich auch Freiheiten sichern – und eben nicht alles dem Konsum bzw den Interessen „der Wirtschaft“ zu unterwerfen.

Meines Erachtens gilt – wie in so vielen Bereichen – auch hier: Würde man die vorhandenen Regularien konsequent anwenden und alle Möglichkeiten tatsächlich zur Gänze ausschöpfen (Stichwort: Online-Handel und faire Bedingungen für alle Marktteilnehmer), könnte man sich viel an kurzsichtigem oder überschießendem Aktionismus ersparen. Und außerdem jede Menge Diskussionen.

Bilder
WKÖ-Präsident hat als Antwort auf den Lockdown die Sonntagsöffnung ins Spiel gebracht – und damit eine langjährige Diskussion neu angefacht.
WKÖ-Präsident hat als Antwort auf den Lockdown die Sonntagsöffnung ins Spiel gebracht – und damit eine langjährige Diskussion neu angefacht. (© WKÖ)

Kommentare (2)

  1. Also ich kann euch sagen das die Sonntagsöffnung nichts bringt, außer eine Umverteilung der Einnahmen. 50€ im Säckerl von Hr. und Fr. Österreicher bleiben halt mal 50€ und werden nicht 75€ weil Sonntag auch offen ist. Diese Umverteilung konnte man schon an den langen Einkaufs-Samstagen boebachten oder Öffnungszeiten bis 21:00 .(beides brachte relativ wenig im Verhältnis zu den Mehrkosten)
    Zusätzlich, wie wollt Ihr das bezahlen oder wollt Ihr wie in der GASTRO den Sonntag als reg. Arbeitstag einführen ?
    Insofern dem so ist dann wünsche ich euch viel Spaß beim finden von zukünftigem Verkaufspersonal das zu den Kollektivgehältern nicht mehr arbeiten will bzw. berücksichtigt den Lebenserhaltungskosten kann. (Insofern es nicht „Fachkräfte“ betrifft die den Hauptwohnsitz nicht in Österreich haben)
    Das dürfte aber an den Parteigefolgsleuten der WKÖ vorbeigehen wenn Sie sich am Abend in den mit Steuergeldern bezahlten FirmenAudi bemühen.
    Werdet einmal wach da oben und seht euch um wie die Grundmauern gebaut sind !

  2. Falls dieser Hr. Marer weiterdenken kann.
    Von den jetzigen 6 Tagen auf 7 Tage, sieht er die Lösung des Problems, falls er dann aber doch weiter denken kann, wird er feststellen die Woche hat nur 7 Tage, was dann, einen Tag dazuerfinden oder wie ?
    Die innerliche Antwort wird so ausschauen „nachher bin i eh nimmer“.
    Es wird uns noch auf den Kopf fallen das Politiker in der oberen Etage nicht mehr in die Zukunft denken können, nur mehr hinter den Problemen her laufen.
    Sind da wir Wähler schuld???

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