Donnerstag, 21. Januar 2021
Böse Genies oder einfach nur Pech

Die Rückkehr der geplanten Obsoleszenz

Hintergrund | Dominik Schebach | 29.11.2020 | Bilder | | 4  

Dominik Schebach
Es ist wie das Monster von Loch Ness. Kaum denkt man, das Thema sei nun endgültig abgehandelt, hebt es wieder sein Haupt – in diesem Fall allerdings nicht aus kalten, grauen schottischen Fluten, sondern aus dem Nachrichtenstrom. Es geht um das Thema der geplanten Obsoleszenz. Denn hierzulande ist man mit dem Vorwurf der geplanten Verkürzung der technischen Lebensdauer eines Produkts recht schnell zur Hand. Aber auch im EU-Parlament treibt dieses Monster sein Unwesen.

Da berichtet der der Standard Mitte November über den Fall, dass nun Tesla in den Verdacht der geplanten Obsoleszenz gekommen sei – und beruft sich auf eine Bericht von Ars Technica. Auslöser ist laut US-Medium ein billiger Elektronikbaustein, der vor 2018 im IT-System von Tesla S und Tesla X-Modelle verbaut wurde, und der aufgrund der gewachsenen Softwareanforderungen aber auch Beanspruchung nun immer öfter seinen Geist aufgibt. Mit dramatischen Folgen, denn dieser elektronische Baustein kontrolliert nicht nur das Multimedia Center des Fahrzeugs sondern unter anderem auch die Klimaanlage. Das bedeutet, dass sich abseits vom Entwicklungs- sowie Produktionsstandort Kalifornien im Winter die Scheiben beschlagen und das betroffene Fahrzeug eigentlich nicht mehr sicher zu betreiben ist. Der US-Hersteller hat laut einer Untersuchung der US-Verkehrsbehörde bereits mehrmals versucht, mit Updates over-the-air das Problem zu beheben. Glaubt man dem Bericht von Ars Technica, dann nur mit begrenztem Erfolg. Das US-Medium hat versucht, eine Stellungnahme von Tesla zu erhalten, bisher allerdings ohne Reaktion. Das Unternehmen hat im Oktober 2020 seine Presseabteilung aufgelöst.

Geplant gegen Pech

Warum mich der Beitrag so interessiert hat, war der verwendet Kampfbegriff und weniger der Umstand, dass sich Tesla hier in einem selbstverschuldeten Problem verstrickt hat, das eigentlich nur durch einen freiwilligen Rückruf sauber zu lösen ist. Dass es hier einen Produzenten trifft, der in gewisser Weise in den vergangenen Jahren eine Art Welpenschutz bei Qualitätsfragen genossen hat, ist pikant. Aber zumindest bietet der Hersteller einen kostenlosen Austausch der Steuereinheit in einer erweiterten Garantie an. Deswegen war aber für mich der sofort in der Überschrift geäußerte aber sonst im Beitrag nicht erwiesene Vorwurf der geplanten Obsoleszenz so irritierend. – Sorry, ein Fehler bei der Konzeption eines Produkts oder auch einfach nur Pech, wenn ein einmal eingesetzter Bauteil auf Dauer nicht der wachsenden Belastung standhält, ist nicht eine über normale Qualitätsmängel hinausgehende geplante Verkürzung der Lebensdauer, sondern eben ein Fehler oder Pech.

Natürlich kann man Tesla einen Vorwurf machen, dass sie einen Bauteil ohne ausreichende Reserven verbaut haben. Man kann den Software-Ingenieuren des Konzerns einen Vorwurf machen, dass sie ihr Betriebssystem so aufgebläht haben, dass es nun für das IT-System des Fahrzeugs zu groß wurde. Dem Konzern kann man zudem vorwerfen, dass er sich um einen offiziellen Rückruf drücken will. Der Vorwurf der geplanten Obsoleszenz unterstellt allerdings eine Absicht, eine geplante Handlung, beim ursprünglichen Fehler, um durch die verkürzte Lebensdauer zur Gewinnmaximierung neue Produkte zu verkaufen. Nun muss allerdings auch den IT-Ingenieuren von Tesla klar sein, dass so ein Fehler ganz schnell zu einem maximalen PR-Desaster ausarten kann. Da hilft auch nicht mehr eine fast sektenhafte Käuferschar. Wenn man die Straßenzulassung für das Produkt verliert, führt sich die geplante Obsoleszenz zwecks Gewinnmaximierung für ein Unternehmen wie Tesla vollkommen ad absurdum.

Das böse Genie

Damit bleibt aber von dem Vorwurf der geplanten Obsoleszenz wenig übrig. Woher kommt aber nun diese reflexhafte Anschuldigung? Mein Verdacht ist, indem man einem Übeltäter/Manager/Kollektiv oder einfach einem bösen Genie und dessen komplexen Plan die Schuld für so einen Fehler anhängen kann, dann gibt das auf eine perverse Art Sicherheit. Man hat eine einfache Erklärung für ein komplexes Problem und ist nicht mehr dem Schicksal ausgeliefert. Das Unglück oder auch nur die defekte Waschmaschine ließe sich in dieser Sichtweise zudem leicht verhindern, wenn man nur den/die Übeltäter ausschaltet, den sinistren Plan das nächste Mal rechtzeitig durchschauen könnte.

Diese Denkweise setzt allerdings seitens der Hersteller die vollständige Beherrschung der Materie voraus. Schließlich muss man ja – um in der Logik der geplanten Obsoleszenz zu verbleiben – die Gewährleistung unbedingt vermeiden. Wenn ich mir das Beispiel von Tesla aber auch andere immer wieder aufgebrachte Fälle vor Augen halte, dann ist davon allerdings nichts zu sehen. Ich bin deswegen der Ansicht, dass man auch bei den Erklärungsversuchen zu solchen Produktfehlern mit dem KISS-Prinzip – Keep It Simple and Stupid – besser fährt. Denn viele Katastrophen, mit denen wir heute konfrontiert sind, lassen sich ganz banal durch Nachlässigkeit, fehlende Daten oder Erfahrung, Fehler oder schlicht Blödheit der handelnden Personen erklären, womit man solche mangelhaft ausgeführten Produkte auf gut österreichisch als Pfusch oder im Fall von Tesla als Anfängerfehler bezeichnen kann. Das ist bei einem 70.000 Euro-Teil besonders ärgerlich und irgendwie beunruhigend. Wenn der Hersteller nicht einmal die Klimaanlage im Griff hat, wie sieht es dann mit den Achsen, Bremsen oder der Lenkung aus?

Billige Kritik

Tesla ist in der Diskussion rund um die geplante Obsoleszenz allerdings ein eher neuer Gast. In der Regel dreht es sich bei dem Thema um Haushaltsgeräte, TV-Geräte oder Smartphones. Selbst im jüngsten Entschluss des EU-Parlaments zum „Recht auf Reparatur“ wird die geplante Obsoleszenz, dort als bewusste Verkürzung der Lebensdauer eines Produkts, aufgegriffen. Und da drängt sich der Eindruck auf, dass der Begriff einfach als billige Kapitalismuskritik mitgenommen wird. – Leider muss man sagen. Denn der ewig wiederkehrende Vorwurf der geplanten Obsoleszenz ruft im schlechtesten Fall in diesem Zusammenhang beim Endkunden nur Zynismus hervor. Die Kapitalismuskritik der Umweltschützer bewirkt dann das Gegenteil. Denn wenn so oder so alle Produkte ein festgelegtes Ablaufdatum hätten, dann könne man gleich das billigste Produkt nehmen, das man nach ein paar Jahren ohne Gewissensbisse ersetzt. Die Folge ist mehr Müll.

Dabei ist das Ansinnen, durch Anreize die Reparierbarkeit von Produkten zu fördern, um die Umwelt zu entlasten, unterstützenswert und kann für die Elektro-Branche durchaus von Vorteil sein. Damit werden jene Hersteller gefördert, die beim Design bewusst auf die Qualität achten, leistungsfähige Komponenten verwenden und bereits in der Montage besser ausgebildete Mitarbeiter einsetzen. Daraus folgt allerdings auch, dass diese Produkte teurer werden, weswegen viele Endkonsumenten erst recht wieder zur Billigware greifen. Dass dieser Preis mit Abstrichen bei der Leistungsfähigkeit oder Funktionen erkauft wird, sollte eigentlich klar sein. Das wird der Diskussion um die geplante Obsoleszenz aber keinen Abbruch tun.

 

Bilder
Vorwürfe zur geplanten Obsoleszenz machen immer wieder die Runde. Jetzt hat es Tesla getroffen - zu unrecht.
Vorwürfe zur geplanten Obsoleszenz machen immer wieder die Runde. Jetzt hat es Tesla getroffen - zu unrecht. (© Schebach)

Kommentare (4)

  1. Die EU, führende Normungsinstitute und Verbände (z.B. DKE, VDE), Wirtschaftsprüfungsgesellschaften wie Ernst&Young und selbst Unternehmen bestätigen die geplante Obsoleszenz und ergreifen nun Gegenmassnahmen. Das begrüßen wir. Das es hier der Redaktion noch schwerfällt, sich verantwortlich dem Thema zu stellen, verstehen wir nicht.

    Stefan Schridde
    Vorstand
    MURKS? NEIN DANKE! e.V.

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    1. Lieber Herr Schridde!
      Mich wundert, dass Sie als studierter Betriebswirt grundsätzliche wirtschaftliche Zusammenhänge nicht verstehen (wollen), oder ignorieren.

      Der Punkt ist, man bekommt immer wofür man zahlt. Wenn die Dinge nichts kosten, dann sind sie auch nichts wert. Wer das ignoriert, hat’s halt nicht verstanden.

      Anstatt sich über Billigprodukte die kurz nach der Garantiezeit verenden zu alterieren, sollten Sie sich vielleicht besser dafür einsetzen, dass jede/r ein ausreichendes Gehalt bekommt, von dem sie/er sich dann auch qualitativ gute Geräte kaufen kann, die man sich als Kleinverdiener oder Harz IV Empfänger eben nicht leisten kann. Solange Sie das nicht geschafft haben, wie wollen Sie jemandem erklären, der nur ein geringes Budget hat, dass es doch ein Vielfaches ausgeben soll, weil man dann die Geräte vielleicht länger hat und reparieren kann?
      Die Geräte werden deshalb produziert, weil es die Kunden wollen. Wenn dem nicht so wäre, würde das sofort aufhören, weil die Geräte unverkäuflich wären.
      Aber zuerst ein Billiggerät kaufen und sich dann darüber aufzuregen, dass es nach wenigen Jahren defekt ist und nicht mehr repariert werden kann, weil a) die Reparatur mehr kostet wie ein (wieder) billiges Neugerät, oder b) keine Ersatzteile mehr verfügbar sind, ist schon etwas schizophren.

      Und wie lösen Sie das Problem, dass die Stundensätze für Reparaturen bei 80-100 Euro mit Steuer, je nach Branche oft aber auch schon weit darüber liegen? Glauben Sie ernsthaft, dass Ersatzteile die Firmen dann für 10/15/20 Jahre vorhalten (müssen) „billig“ sein werden?

      Ihr Ansinnen ist im Grundsatz sicherlich ehrenhaft, aber leider nicht konsequent zu Ende gedacht. Es gibt in Österreich wie in Deutschland eine Vielzahl an Menschen die mit weit unter 1000 Euro im Monat auskommen müssen. Dass man sich da keinen Miele Waschtrockner um weit über 2000 Euro kaufen wird, ist hoffentlich nachvollziehbar. Auch wenn der 20 Jahre hält. Auch wenn ich den „ewig“ reparieren kann. Und wo soll die Qualität herkommen, wenn der Waschtrockner nur 350 Euro kostet? Da brauch ich nichts extra einbauen, das ist den meisten Menschen mit Hausverstand vollkommen klar, dass die Maschine bei gleicher Beanspruchung keine 20 Jahre halten wird.

      Leider haben Sie, wie Sie selbst schreiben, den Artikel nicht verstanden (wer auch immer „wir“ ist). Ihr Kommentar ist MURKS und ich sage NEIN DANKE!

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  2. Es gibt keine eingebauten Fehler!
    Es gibt aber die Geiz ist Geil Mentalität der Kunden und um diese zu befriedigen werden eben Geräte gebaut die halt nicht mehr wert sind.
    Wie war es früher, es gab ein paar Typen von einer Marke die auch ganz brav gelaufen sind, die heute noch im Betrieb zu sehen sind.
    Dazugekommen sind techn. hochgezüchtete (dadurch auch Rep. anfällig) und billige Schrottgeräte, der Kunde wünscht das mit seinem Kaufverhalten, so würde ich das sehen.
    Doch hat die Industrie dazugelernt, die können jetzt auch schon Billigkomponenten in Preislich gehobene Geräte einbauen.
    A-Marken kaufen extra Billigschrott zu, nur damit sie auch Billige Geräte haben, schade.
    Und zum Thema Tesla, da wissen wir ja, fällt da ein Lamperl aus stürzt sich die gesamte deutsche Autoindustrie darauf.

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    1. Also eingebaute Fehler gibt es schon. In den meisten Fällen vermutlich nicht vorsätzlich. Aber siehe das Beispiel mit dem Tesla. Anstatt einen auf Jahre leistungsfähigen Prozessor mit mehr ausreichend Speicher einzubauen, wird halt auch bei 100.000+ Euro Autos gespart wo geht. Dass dem dann schon nach wenigsten Jahren durch Upgrades die Luft ausgeht ist zu erwarten. Habe selbst in den ersten 20 Jahren meiner beruflichen Tätigkeit in der industriellen Elektronikentwicklung verbracht. Es war unsere regelmäßige Diskussion mit der Geschäftsleitung oder dem Controlling wie man das Produkt noch kostengünstiger produzieren kann. Da wird dann schon mal der Kondensator mit 100.000h Betriebszeit (~11 Jahre bei Dauerbetrieb) statt dem mit 1.000.000h eingebaut.
      Ich finde es aber nicht richtig, dass man das immer dem Konsumenten anlastet, dass viele Hersteller versuchen Billig-Billig-Geräte zu produzieren, oder jedes Jahr neue Modelle mit immer mehr Overkill-Funktionen herauskommen, die eigentlich keiner braucht. Man glaubt anscheinend in der Industrie immer noch, dass man Kunden zum Kauf anregen kann, wenn man vermeintlich tolle Features zum niedrigen Preis anbietet. So nach dem Motto: Oh super, was für tolle Features die neue Waschmaschine hat, da geb ich meine 3 Jahre alte gleich weg und kauf eine neue 😊. Der Normalfall ist doch, wenn das alte Gerät kaputt ist, wird ein neues angeschafft (auch weil die Reparatur oft fast so viel kostet wie ein neues). Zumindest bei einem Teil unserer Kunden war es bisher so, dass sie entweder sehr konkrete Vorstellungen hatten, was das können soll (und da waren keine Schicki-Micki-Funktionen dabei) und eben auch, was es kosten darf. Oder sie ließen sich von uns beraten. Da liegt es dann am Händler das für den Kunden beste Gerät – und nicht jenes wo er gerade am meisten verdient – zu finden. Fakt ist, zufriedene Kunden kommen wieder. Egal ob Old-School, oder Online. Und der Preis im Geizhals spielt dann nur eine untergeordnete Rolle.

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