Sonntag, 7. März 2021
Modehandel -22,4%. Onlinehandel +17%. Auch Elektrohandel im Plus

Österreich: Einzelhandelsbilanz im Corona-Jahr 2020

Die Branche | Stefanie Bruckbauer | 04.02.2021 | |  
„Jeder zweite Händler hat Existenzängste, fast jeder Dritte kann seine Rechnungen nicht bezahlen und jeder Fünfte konnte die Weihnachtsgelder nicht auszahlen“, berichtet Handelsverband GF Rainer Will, laut dem EPU und KMU besonders unter den corona-bedingten, behördlich angeordneten Geschäftsschließungen leiden. (Bild: Gabi Eder/ pixelio.de) „Jeder zweite Händler hat Existenzängste, fast jeder Dritte kann seine Rechnungen nicht bezahlen und jeder Fünfte konnte die Weihnachtsgelder nicht auszahlen“, berichtet Handelsverband GF Rainer Will, laut dem EPU und KMU besonders unter den corona-bedingten, behördlich angeordneten Geschäftsschließungen leiden. (Bild: Gabi Eder/ pixelio.de) Die Statistik Austria veröffentlichte die Konjunkturstatistik für den österreichischen Einzelhandel. Demnach wurde im heimischen Einzelhandel laut vorläufigen Ergebnissen ein realer (inflationsbereinigter) Umsatzrückgang von -0,3% verzeichnet. Dies bestätige die Gesamtjahresprognose von Handelsverband und WIFO für das Corona-Jahr 2020, wie der Handelsverband sagt.

Betrachtet man alle Teilbereiche des Einzelhandels gesamt, dann konnten die Umsatzeinbrüche durch die ersten beiden Lockdowns im Vorjahr noch annähernd wettgemacht werden. Die einzelnen Sektoren waren allerdings sehr unterschiedlich betroffen. Während der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) ein reales Umsatzplus von 7% erwirtschaften konnte, musste der Handel abseits der Grundversorgung ein Minus von 3,9% verkraften. Am schlimmsten von den Auswirkungen der drei harten Lockdowns betroffen ist der Bekleidungs- und Schuhhandel. In diesem Segment sind die Umsätze 2020 um -22,4% eingebrochen.

„Wenngleich der Lebensmitteleinzelhandel um 7% zugelegt hat, ging die Grundversorgung der Bevölkerung auch mit zusätzlichen Kosten für die Hygienemaßnahmen einher. Im Non-Food-Sektor ist der stationäre Bekleidungs- und Schuhhandel der große Verlierer. Je kleiner der Betrieb und je weniger digital, desto dicker das Minus, bis hin zu Totalausfällen in den Lockdown-Zeiträumen. Der Platzhirsch im eCommerce (internationale Onlinegiganten) konnte hingegen um +30% zulegen, der heimische Onlinehandel wuchs um +17%, ebenso ein Rekordwert. Damit bildet sich das veränderte Kaufverhalten der Konsumenten durch die Pandemie in Zahlen ab. Einmaleffekte durch den Trend des ‚Cocooning‘ bescherten dem Möbel-, Heimwerkerbedarfs- und Elektrowarenhandel ein Plus„, sagt Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will.

EPU und KMU leiden besonders

Einpersonen-Unternehmer (EPU) sowie kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) – „das Rückgrat der österreichischen Volkswirtschaft“, wie viele sagen – leiden besonders unter den behördlich angeordneten Geschäftsschließungen, wie Rainer Will erläutert. „Im Einzelhandel betreffen die negativen Auswirkungen der Corona-Krise fast ausschließlich die stationären Geschäfte. Hier lag der inflationsbereinigte Umsatzrückgang 2020 branchenübergreifend bei mindestens -4,7%.“

90 geschlossene Einkaufstage im Non-Food-Handel

„Im ersten Lockdown hatten wir 24 Einkaufstage geschlossen, Geschäfte über 400 m2 sogar 39. Das war das Ostergeschäft. Der zweite Lockdown brachte weitere 17 geschlossene Einkaufstage. Das waren Black Friday und das Vorweihnachtsgeschäft. Der dritte Lockdown mit 34 Einkaufstagen betraf das Weihnachtsgeschäft an sich. In Summe mussten viele Händler Corona-bedingt 90 geschlossene Einkaufstage hinnehmen. Das lässt sich kaum verkraften“, so Will.

Wie der Handelsverband schon öfter darauf hingewiesen hat, verliere der stationäre Handel im Schnitt bis zu 1 Mrd. Euro pro Woche an Umsatz im harten Lockdown. „Im Lockdown light, der uns ab 8. Februar wieder erwartet, sind es immer noch rund 250 Mio. Euro wöchentlich. Aufgrund der Länge der Lockdowns kann nur einen Teil der Umsatzverluste später noch in den Geschäften nachgeholt werden. Viel verlagert sich auf den Onlinehandel oder unterbleibt“, erläutert der Handelsverband GF.

eCommerce-Booom: Corona als Brandbeschleuniger

Der österreichische Versand- und Internet-Einzelhandel konnte im Vorjahr um +17% zulegen. „Corona war hier eindeutig ein Brandbeschleuniger“, sagt Will. Mittlerweile hat der eCommerce-Anteil am gesamten Einzelhandelsumsatz erstmals die Schallmauer von 12% übertroffen – „und das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht erreicht“, sagt Rainer Will, laut dem „das veränderte Kundenverhalten gekommen ist, um zu bleiben“.

Noch stärker als der heimische Distanzhandel konnte 2020 der KEP Markt (Kurier-, Express- und Paketdienste) wachsen. 2019 lag die Zahl der zugestellten Pakete im B2C Bereich bereits bei 151 Millionen (+14%). 2020 erreichte das Paketvolumen 180 Millionen – ein Anstieg von mehr als +19% innerhalb eines Jahres. Hauptgrund für dieses massive Wachstum ist das exponentiell gestiegene Umsatzvolumen der internationalen Online-Giganten, allen voran Amazon. Will dazu: „Die führenden Drittstaatenhändler konnten 2020 in Österreich um mehr als +30% zulegen. Damit hat sich auch die Prognose bestätigt: Die Lockdowns haben ein gigantisches Amazon-Förderungsprogramm ausgelöst. Aber auch der heimische Handel hat massiv digitalisiert. Mehr als 5.000 Händler haben sich bereits auf www.kaufsregional.at – dem eCommerce-Verzeichnis des Handelsverbandes – registriert.“

Motto für 2021

Rainer Will formuliert das Motto für 2021 für die heimischen Betriebe wie folgt: „Leben und Wirtschaften mit dem Virus, denn Corona wird uns noch länger begleiten und wir müssen die ökonomischen, sozialen und psychischen Kollateralschäden der Gesundheitskrise eindämmen. Die Händler werden sämtliche Sicherheits- und Hygienemaßnahmen der Bundesregierung ausnahmslos mittragen. Im Gegenzug lautet die Bitte an die Politik: Lasst die Geschäfte nachhaltig offen, wir sind kein Corona-Hotspot!“

Wie der Handelsverband sagt, sind in Österreich mittlerweile mehr als 535.000 Menschen arbeitslos gemeldet und 470.000 in Kurzarbeit. „Allein im Handel – dem zweitgrößten Arbeitgeber des Landes – sind die Arbeitslosenzahlen im Vorjahr Corona-bedingt um ein Drittel angestiegen. 10.000 Handelsunternehmen sind de facto zahlungsunfähig, 100.000 Jobs in der Branche wackeln. Die Situation bleibt weiter angespannt: Jeder zweite Händler hat Existenzängste, fast jeder Dritte kann seine Rechnungen nicht bezahlen und jeder Fünfte konnte die Weihnachtsgelder nicht auszahlen“, bringt Rainer Will die dramatische Situation abschließend auf den Punkt.

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