Mittwoch, 20. Oktober 2021
IFPI Austria – Verband der österreichischen Musikwirtschaft

Musikmarkt: Streaming wächst, herbe Umsatzausfälle wegen Corona

Multimedia | Wolfgang Schalko | 11.02.2021 | |  
Der heimische Musikmarkt hat 2020 stark gelitten – einzig die Zuwächse im Streaming-Bereich hielten den Gesamtmarkt im Plus. Der heimische Musikmarkt hat 2020 stark gelitten – einzig die Zuwächse im Streaming-Bereich hielten den Gesamtmarkt im Plus. (© IFPI) Nach einer weitgehend normalen Entwicklung im ersten Quartal führten die aufgrund der Covid-19 Pandemie verhängten Maßnahmen, vor allem die Schließungen im Handel und das Verbot von Konzerten und Veranstaltungen, zu massiven Umsatzrückgängen und Verwerfungen am österreichischen Musikmarkt. 171,6 Millionen Euro wurden 2020 für den Konsum von Musik in allen digitalen und physischen Formaten in Österreich ausgegeben – ein Plus von 3,4% gegenüber 2019. Zwar wächst der Gesamtmarkt damit bereits zum vierten Mal in Folge, coronabedingt allerdings deutlich gedämpft.

Als einzig krisensicheres Marktsegment erwiesen sich die Streaming-Abos, die mit einem Umsatzplus von 32,4% auf 91,6 Millionen Euro das Wachstum der vergangenen Jahre fortsetzen und damit den Gesamtmarkt im Plus halten konnten. Die Pionierarbeit der Musikwirtschaft beim Aufbau des Digitalmarktes und die hohen Investitionen der letzten Jahre in neue digitale Musik-Services machen sich nun bezahlt. Ganz anders das Bild beim Verkauf physischer Tonträger, wo die Umsätze um 15% deutlich zurück gingen. Im stationären Handel lagen die Rückgänge sogar bei knapp 30%. E-Commerce verhinderte bei einem leichten Minus von 4,6% einen noch stärkeren Rückgang beim Verkauf physischer Tonträger. Einzig Vinyl-Schallplatten verzeichneten ein Umsatzplus von knapp über 15%.

Die Schließungen im Handel und in der Gastronomie und Hotellerie verursachten Rückgänge und Ausfälle bei den Lizenzeinnahmen der Verwertungsgesellschaft LSG von 14%. Der Verkauf von Merchandising-Produkten ging um 33% zurück. Allein im Kernbereich der Recorded Music betrugen die coronabedingten Einnahmenausfälle rund 15 Millionen Euro. Einschließlich aller Ausfälle infolge vorbereiteter und abgesagter Konzerte, Tourneen und Veranstaltungen sowie aufgrund des Verschiebens oder der Absage bereits finanzierter und fertiggestellter Musikveröffentlichungen werden die gesamten coronabedingten Einnahmenausfälle auf rund 30 Millionen Euro geschätzt.

Die staatlichen Hilfsmaßnahmen passen nicht zur klein- und arbeitsteiligen Struktur der Musikwirtschaft. Daher fordert der Verband der Österreichischen Musikwirtschaft einen Ausfallersatz für Musikproduzenten in Höhe von 3 Millionen Euro und bietet an, eine treffsichere wirtschaftliche Stabilisierung der Musikwirtschaft selbst zu organisieren.

Umsatzrückgang von 40% bei österreichischen Produktionen

Der Zusammenbruch des Live-Geschäfts hat schwerwiegende Folgen für den gesamten Produktionskreislauf. Abgesagte Konzerte, Tourneen und Festivals führen auch zu Absagen oder Verschiebungen von neuen Veröffentlichungen, wodurch wiederum die Erlösströme ausgedünnt werden. Besonders schwer wiegt, dass der Aufbau neuer KünstlerInnen und auch die Planung neuer Projekte mit etablierten Acts einen zeitlichen Vorlauf von bis zu einem Jahr oder mehr hat und mit hohen Vorinvestitionen verbunden ist. Aufgrund von nicht realisierbaren Produktionen blieben und bleiben nach wie vor die Erträge und der Cash Flow aus – ein Teufelskreis, der viele MusikerInnen und Labels noch längere Zeit vor enorme wirtschaftliche Herausforderungen stellen wird. In 2020 kam es dadurch zu einem dramatischen Umsatzeinbruch von 40% bei österreichischen Produktionen.

Streaming-Abos sorgen für zwei Drittel der Einnahmen am Musikmarkt

Mit einem neuerlichen robusten Umsatzplus von 32,4% auf 91,6 Millionen Euro baut Streaming die Position als mit Abstand größter Umsatzbringer am österreichischen Musikmarkt weiter aus und sorgt bereits für fast zwei Drittel aller Einnahmen. In Summe wurden im Vorjahr in Österreich 10,5 Milliarden Songs gestreamt, eine Steigerung von 35% gegenüber 2019. Vom gesamten Streaming-Umsatz wird der Löwenanteil von 94% über Abo-Dienste wie Spotify, Apple Music, Amazon unlimited oder Deezer erwirtschaftet. Bescheidene 6% steuern Einnahmen aus Videostreams hauptsächlich vom weltweit größten Musikstreaming-Dienst YouTube bei. Downloads tragen mit 6,5 Millionen Euro zum Gesamtumsatz bei, Klingeltöne mit 0,4 Millionen.

CD am stärksten von Corona-Maßnahmen betroffen

Mit Musik-CDs wurde 2020 ein Umsatz von 30,5 Millionen Euro erzielt, um 8,5 Millionen Euro weniger als im Jahr davor (ein Rückgang von 22%). Während des Lockdowns im März und April kam es zu Einbrüchen beim CD-Verkauf von mehr als 50%. Über das gesamte Jahr gesehen hat der stationäre Handel mit überproportional hohen Verlusten von fast 30% zu kämpfen, während der Online-Versandhandel mit einem blauen Auge von minus fünf Prozent davonkam. Vor allem kleinere Fachhändler stehen dadurch vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen.

Vinyl-Schallplatten überholen Downloads

Zwar hat auch der Verkauf der Vinyl-Schallplatten während der Lockdownzeiten mit Rückgängen von bis zu 30% gelitten, doch konnten diese Verluste im weiteren Jahresverlauf durch Online-Verkäufe und vor allem im Weihnachtsgeschäft wieder wett gemacht werden. Insgesamt ist der Umsatz mit dem „schwarzen Gold“ um 15,5% auf neun Millionen Euro gestiegen. Rund 390.000 Vinyl-Scheiben wurden verkauft. Damit kommt Vinyl im Digitalzeitalter auf einen beachtlichen Marktanteil von 6,5% und überholt erstmals die Downloads, die auf einen Anteil von 4,5% kommen.

LSG verliert coronabedingt 14% der Einnahmen und organisiert Corona-Soforthilfe für Musiklabels

Durch die Schließungen von Diskotheken, Clubs, Bars, Restaurants, Hotels und vieler Handelsbetriebe kam es vor allem in den Bereichen öffentliche Wiedergabe von Tonträgern und Privatkopievergütung zu deutlichen Einnahmenausfällen. 2020 erzielte die LSG (bereinigt um Einmaleffekte) Einnahmen von 27,1 Millionen Euro, ein Rückgang um 14% gegenüber dem Vorjahr. Vor dem Hintergrund der teilweise existenzgefährdenden Auswirkungen der Coronakrise organisierte die LSG ab März 2020 Hilfsprogramme für Musiklabels („Labels helfen Labels“) und dotierte diese Unterstützungen mit knapp 700.000 Euro aus dem Förderfonds der LSG.

Urheberrecht als Schlüssel für die digitale Zukunft

Die aktuell im Justizministerium vorbereitete Urheberrechts-Novelle 2021 nimmt eine entscheidende Weichenstellung vor. Es gilt, die EU Copyright-Richtlinie in Österreich umzusetzen. Mit dieser Richtlinie wird das Urheberrecht den heutigen Herausforderungen der Digitalisierung angepasst und den Kreativbranchen der Rücken gegenüber den großen Internet-Plattformen gestärkt (urheberrechtliche Verantwortung der Plattformen für die Inhalte). Die aktuell vorliegenden Entwürfe des Justizministeriums verfehlen dieses Ziel aber klar, kritisieren die Interessensvertreter der Musikbranche, weichen gravierend von Text und Geist der EU-Richtlinie ab und nützen nur den großen Online-Plattformen, nicht aber der österreichischen Kreativwirtschaft. Beim Urhebervertragsrecht schießen die BMJ-Entwürfe weit über die EU-Vorgabe hinaus („Gold-Plating“), stellen Rechtssicherheit, Vertragsfreiheit und Planungssicherheit unnötig zur Disposition und würden so den Produktionsstandort Österreich gefährden.

Franz Medwenitsch, Geschäftsführer des Verbands der österreichischen Musikwirtschaft: „Die Zeiten sind alles andere als einfach für die Musikwirtschaft. Wir müssen wegen der Coronakrise hohe Einnahmenausfälle verkraften und bei der aktuellen Reform des Urheberrechts verfehlt das Justizministerium klar die Ziele der EU-Richtlinie. Die urheberrechtliche Verantwortung der Plattformen soll durch neue Schlupflöcher verwässert und beim Urhebervertragsrecht die Balance einseitig zulasten der Kreativ- und Medienwirtschaft gekippt werden. Warum will das Justizministerium unserer digitalen Zukunft schaden?“

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