Donnerstag, 15. April 2021
Editorial E&W 3/2021

Bruch oder Delle

Hintergrund | Dominik Schebach | 07.03.2021 | Bilder | |  

Dominik Schebach
Man wünscht sich, über etwas anderes zu schreiben. Aber die Corona-Krise bleibt vorerst das alles bestimmende Thema – für Endkunden, aber auch für Unternehmen. Dabei ist es schon ein wenig pervers: Innerhalb von knapp zwölf Monaten sind wir alle von Fußballtrainern zu Virologen mutiert.

Gehört der t.gliche Blick auf das ORF-Dashboard inzwischen zum Ritual beim Frühstück, wissen wir über R-Zahl sowie Inzidenz Bescheid, gehen uns Worte wie Anti-Gen-Test wie selbstverständlich von den Lippen und verfolgen wir die Diskussionen um die potenziellen Vor- und Nachteile von BionTech/Pfizer gegenüber Moderna und AstraZenecca wie ein Ländermatch zwischen Deutschland und Brasilien. Insofern kann ich einem Satz, den CEO Andreas Bierwirth während der Präsentation des Jahresergebnisses von Magenta fallen gelassen hat, voll zustimmen: „Die Veränderung ist bei den Endkonsumenten angekommen.“ – Er bezog sich damit allerdings auf den Digitalisierungsschub, der im vergangenen Jahr dank Corona über .Österreich hinweggerollt ist und via Home Office, Distance Learning, Online-Gaming und Streaming einen wahren Nachfrage-Boom bei Breitband gebracht hat. Doch gehen die Veränderungen über ein neues Surf- und Medienverhalten hinaus, oder wird die durch-geimpfte Gesellschaft nach dem Ende der Pandemie mit einem Schlag wieder in den Vor-Corona-Zustand samt dazugehöriger Gewohnheiten zurückschnappen?

„Die Veränderung ist bei den Endkonsumenten angekommen.“

Wie gerade das Beispiel Home Office zeigt, sammeln sich die Kräfte der Restauration. Aber der Reihe nach: Magenta Telekom ist in einer Untersuchung vom vergangenen Sommer zu dem Ergebnis gekommen, dass die Hälfte der Bürojobs zumindest teilweise ins Home Office verlegt werden können. Die Erfahrung des vergangenen Jahres hat zudem gezeigt, dass viele Mitarbeiter durchaus höchst produktiv von zu Hause arbeiten können und wollen. Die Entscheidung, ob man nun diese Lehren für sich verwendet und neue Wege geht, scheint daher oft eine des Mindset zu sein – und das betrifft nicht so sehr die Mitarbeiter, sondern im Falle von Home Office auch viele grobe Unternehmen bzw. deren Manager, welche mit aller Gewalt zu alten Mustern zurückkehren wollen. So gibt es offensichtlich genügend Betriebe, welche die augenblickliche Krise einfach nur aussitzen wollen, um dann wieder alle Mitarbeiter unter den Augen der Geschäftsführer zu versammeln. Die traditionelle Position wird z.B. von Adidas CEO Kasper Rorstedt eingenommen. Der sagte vergangenen Dezember gegenüber der Welt am Sonntag: „Ich halte nichts vom ständigen Arbeiten zu Hause. Für mich ist das Arbeiten eine soziale Sache, bei uns ist sie Teamsport.“ Und führte weiter aus: „Wir haben den besten Campus der Welt und freuen uns sehr auf den Tag, an dem alle unsere Mitarbeiter hierher zurückkehren können.“

Die extreme Gegenposition könnte man z.B. an dem US Outdoor Retailer REI festmachen. Der hat im vergangenen Jahr seinen gerade erst fertiggestellten, niemals benutzen Unternehmens-Campus in Seattle unter dem Eindruck der Corona-Krise kurzerhand um 370 Mio. Dollar verkauft. Statt des großen Gebäudekomplexes dienen nun mehrere verteilte, kleine Standorte als Kristallisationspunkte des Unternehmens. CEO Eric Artz begründete die Entscheidung im Unternehmens-Blog damit, dass nach den dramatischen Ereignissen von 2020 einfach alle bisherigen Geschäftsannahmen auf den Prüfstand zu stellen seien und Home Office die neue Norm sei. Irgendwo in der Mitte findet sich Google bzw. dessen Muttergesellschaft Alphabet wieder. Der IT-Konzern ist eigentlich berühmt für seine beinahe luxuriös ausgestatteten Unternehmensstandorte – einschließlich Arzt und Fitnesscenter im Haus. Aber selbst CEO Sundar Pichai glaubt, dass nach der Corona-Krise die Arbeitsgestaltung deutlich flexibler bleibt als bisher und dass die rund 200.000 Angestellten des Konzerns in Zukunft mehrere Tage die Woche von zu Hause arbeiten werden, bei ebenso regelmäßigen Besuchen im Unternehmen – weswegen Alphabet seine Unternehmensstandorte neu gestalten will.

Jede dieser drei oben genannten Positionen hat weitgehende Auswirkungen. Nur sind sie zukunftstauglich? Das Argument von Rorstedt ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Der Zusammenhalt im Team geht im Home Office langfristig verloren, der soziale Kontakt und die Beziehung zum Unternehmen bröckelt. Aber schwingt hier nicht auch viel überkommenes Führungsverständnis mit? Natürlich freut sich so mancher Unternehmensführer schon auf den Tag, an dem sein Blick durch das wieder vollbesetzte Großraumbüro schweifen kann. – Wie allerdings die Geschehnisse der vergangenen Monate zeigen, ist diese volle Besetzung unter Umständen nur von kurzer Dauer und endet in dem Moment, in dem Kollege M. nach dem Chili meint, dass das Kantinenessen heutzutage doch recht geschmacklos sei. Da ist es wohl für viele Unternehmen besser, anstatt die Mitarbeiter zurück ins Großraumbüro zu zwingen auf deren Flexibilität und Eigenverantwortung zu setzen.

Man kann also davon ausgehen, dass in den Strategieabteilungen vieler großer Unternehmen gerade die Glaskugeln hervorgeholt werden, um vorherzusagen, welche dieser Entwicklungen sich hier zu Lande durchsetzen wird. Wetten werden geschlossen, ob Corona nun ein Bruch oder doch nur eine kleine Delle in der Entwicklung bringt. Die Sehnsucht nach Normalität lässt wohl viele auf eine kleine Delle hoffen, die sich in Zukunft schnell wieder ausbügelt. Schließlich lechzen wir geradezu danach, wieder ohne Schutzmaßnahmen ins Geschäft gehen zu können, zur Arbeit zu pendeln, am Abend im Sportverein Freunde zu treffen und mit ihnen nachher auf ein Bier zu gehen. So groß dieser Wunsch auch ist, glaube ich dennoch, dass viele der Veränderungen bleiben werden – gerade auch beim Home Office. Wir werden nach der Krise anders arbeiten, shoppen und anders unsere Freizeit genießen. Denn mit jedem Tag, den diese Krise noch länger anhält, schleifen sich die neuen Gewohnheiten weiter ein. Und diese Gewohnheiten bringen neue Erwartungen und Ansprüche, welche die Menschen auch einfordern werden. Wer da auf überkommenen Mustern beharrt, bleibt langfristig über.

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