Montag, 17. Mai 2021
Geben wir uns nicht mit den einfachen Erfolgen zufrieden

Digitalisierung hört nicht mit Notebooks und Home Office auf

Telekom | Dominik Schebach | 18.04.2021 | Bilder | |  

Dominik Schebach
Dieses Problem beschäftigt mich nun seit Monaten: Es heißt zwar laufend, die Corona-Krise hat die Digitalisierung beschleunigt. – Und ja, plötzlich wurden Dinge umgesetzt, über die wir schon seit langem reden. – Wenn wir uns allerdings ehrlich sind, wurde die Entwicklung nicht so sehr beschleunigt, sondern einfach nur auf den Sollstand gebracht. Wer macht sich allerdings die Mühe und durchleuchtet sein Unternehmen, um die Vorteile der nun angeschobenen Digitalisierung wirklich zu nutzen?

Mit Ausbruch der Corona-Krise schienen mit einem Schlag alle Widerstände überwunden. Auf einmal waren Home Office, Webinare und Internet-Meetings alltäglich. Viele Unternehmensvorstände brüsteten sich damit, wie schnell es ihnen gelungen sei, ihre Mitarbeiter ins Home Office zu schicken. Neue Kommunikationsplattformen wurden ausprobiert und die Webshops sind wie Schwammerln aus dem Boden geschossen. Nur leider hat sich damit das Verständnis von der Digitalisierung nicht verbessert. Oft drängt sich der Eindruck auf, dass Home Office und Distance Learning, Online-Meetings und Collaboration-Tools als Gipfel des Erreichbaren, oder noch schlimmer nur als Brücke gesehen werden, um die Krise zu überdauern und danach wieder in den gewohnten Trott zurückzufallen.

Das betrifft die Politik genauso wie die Wirtschaft. Wenn ich aus meinem weiteren persönlichen Umfeld höre, wie Vorstände ihre Mitarbeiter im Lockdown ins Büro zurückzwingen, obwohl diese ihre Arbeit genau so gut im Home Office erledigen können, dann ist das kein technisches Problem, sondern eines der Führung und der Unternehmenskultur. Denn rein technisch können wir mit der Digitalisierung schon viel weiter sein – wobei wir uns allerdings zuerst einmal die Frage stellen sollten, was wir überhaupt unter der Digitalisierung verstehen.

Zu oft wird Digitalisierung heute noch als die direkte Umsetzung von analogen Vorgängen in Prozesse, die irgendwie auch am Computer/vielleicht mobil ablaufen, verstanden. Oft fehlt das Wissen und Verständnis darüber, was wir mit einem konsequenten Einsatz von digitalen Mitteln erreichen können und was nicht. Andererseits sind wir live dabei, wie viele althergebrachte Geschäftsmodelle gerade mittels Digitalisierung aufgebrochen und verändert werden. Und das findet auch direkt vor unserer Haustür statt. Helferline ist so ein Beispiel. Das Wiener Start-up kooperiert inzwischen für den Verkauf seiner Beratungs- und Servicekompetenz mit Unternehmen wie A1 oder MediaMarkt. Beim Schreiben dieses Beitrages ist mir die Aussendung des weiteren Wiener Start-ups, Hilfy, auf den Schirm geflattert, das sich als Uber für Handwerksleistungen etablieren will. Und das Start-up bikegorillaz.com will seit Freitag, 16. April, ein E-Bike-Abo einführen – ähnlichen einem Handyvertrag, der eben schnell übers Internet abgeschlossen wird.

Für jedes dieser Unternehmen hört die Digitalisierung nicht mit der Verteilung von ein paar Notebooks an die Mitarbeiter auf. Vielmehr gehen sie von einer genauen Analyse eines Kundenproblems aus – Beratungsbedarf für die Einstellung von UE-Geräten, Handwerker schnell übers Internet zu buchen oder eben ein E-Bike kostengünstig auf Zeit zu nutzen – und wollen dieses mit Mitteln der Digitalisierung wie einer Smartphone-App bzw. Web-Plattform und den Daten, die sie dabei gewinnen, für die Konsumenten einfacher, bequemer, flexibler, schneller, zuverlässiger, transparenter und vor allem kostengünstiger als die Konkurrenz lösen. Und das ist der eigentliche Inhalt der Digitalisierung.

Und nun zum ABER

Aber, werden jetzt viele Einwenden, die Nutzung von digitalen Hilfsmitteln alleine sichert nicht automatisch den Erfolg und viele dieser Modelle basieren auf der Selbstausbeutung der Mitarbeiter. Umgekehrt haben sich die bestehenden Geschäftsmodelle bewährt. Warum sollte man diese also ändern, während doch viele Start-ups niemals erfolgreich sein werden, sondern nur Geld verbrennen? – Das stimmt natürlich. Es liegt in der Natur der Sache, dass viele Start-ups bald verglühen oder von größeren Unternehmen aufgekauft werden. Aber auch Amazon hat einmal klein angefangen. Start-ups haben zudem eine formbare Unternehmenskultur ohne Rucksack an überkommenen Traditionen und sehen viele scheinbar in Stein gemeiselte Sachzwänge als Sprungbrett an. Deswegen sollte man diese Szene auch genau im Auge behalten, bei Bedarf von solchen Newcomern lernen und sich bei der Digitalisierung eben nicht nur mit Notebooks, Home Office und vielleicht ein VPN zufrieden geben.

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Die Digitalisierung sollte sich nicht nur auf Home Office beschränken.
Die Digitalisierung sollte sich nicht nur auf Home Office beschränken.

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