Freitag, 18. Juni 2021
Hintergrund-Kommentar E&W 5/2021

Die falsche Frage

Hintergrund | Wolfgang Schalko | 09.05.2021 | | 1  
„Kein Unternehmen kümmert sich mehr um kleine Händler oder hat in den vergangenen zwanzig Jahren mehr für ihre Unterstützung getan als Amazon.” Wieder und wieder habe ich die Antwort von Amazon auf meine Anfrage gelesen. Irgendwann war ich mir sicher: Ja, das steht wirklich da. Was für eine Chuzpe! Dann führte ich ein Gespräch mit einem erfolgreichen Amazon-Händler und ließ mir die ganze Sache noch einmal gründlich durch den Kopf gehen. Das hat einiges relativiert.

Im Kern lautet die gemeinhin gerne geäußerte Kritik ja folgendermaßen: Wir sind die Guten, Amazon ist der Böse. Wir zahlen Steuern, Amazon nicht. Hier Weiß, dort Schwarz. Aber so einfach ist die Sache nicht – und ist sie auch nie gewesen. Schon alleine deshalb, weil gut und böse keine tauglichen Beschreibungen für ein Unternehmen sind. Der Geschäftserfolg wäre dafür ein geeigneterer Maßstab – nur wie soll man die entsprechende Frage formulieren, um bei der Antwort nicht wie ein begossener Pudel dazustehen?

Ich habe für diese Ausgabe bei und im Umfeld von Amazon recherchiert und in diesem Zusammenhang mit Stefan Ponsold, Gründer und GF von SunnyBag gesprochen. Neben vielen anderen plausiblen Dingen, die er gesagt hat, kann ich mich dem steirischen Unternehmer in zwei Punkten seiner Äußerungen nur voll anschließen: Erstens arbeiten auch bei Amazon Menschen – wie ich in den letzten Tagen und Wochen feststellen durfte, sogar sehr nette. Zweitens als er meinte: Man kann es sich also ganz leicht machen und Amazon als den „Bösen” abstempeln, während man selbst der Gute ist – und damit ist das Thema erledigt. Oder man öffnet sich und überlegt, warum das Modell so gut funktioniert und was man selbst daraus für sich mitnehmen kann – dazu muss man sich ja nicht sofort auf Amazon listen lassen. Durchs Verteufeln allein wird Amazon nämlich nicht vom Markt verschwinden (und vermutlich auch sonst nicht). Wenn man also schon ein Unternehmen vor der Nase hat, das vormacht, wie‘s geht, warum sich nicht dessen Stärken zunutze machen?

Denn worin genau liegt eigentlich der Vorwurf? Dass Amazon ein aus unternehmerischer Sicht über weite Strecken hervorragend funktionierendes System hat? Dass man Anbietern aller Größenordnungen eine Plattform bietet und damit für verschärften Wettbewerb sorgt? Oder dass man den eigenen Vorteil sucht und dabei Schwächen des Systems ausnutzt? Hand aufs Herz: Welcher Unternehmer würde das nicht (bzw macht das nicht ohnehin)? So betrachtet sind die Vorwürfe an Amazon womöglich nur ein Ventil, um den Ärger über das Versagen des Systems abzulassen. Zurecht, denn in vielen Bereichen herrschen unhaltbare – weil antiquierte – Zustände, die schleunigst geändert werden müssen, um das Problem an der Wurzel zu packen.

Vielleicht ist Amazon tatsächlich der Böse. Vielleicht auch nicht.Vielleicht krankt‘s wirklich „nur” am System. Wäre ja schön (und praktisch), wenn‘s wieder einmal die anderen richten könnten. Vielleicht liegt – zumindest bis dahin – das weitaus größere Übel ja in der eigenen Trägheit begraben…

Kommentare (1)

  1. Amazon hat „alles“ was „man“ sucht… Bei mir stößt Amazon nur sauer auf, wenn er schon die Mitarbeiter „dreckig“ zahlt, zahlt er Steuern, oder nicht? Es spricht ja nichts gegen seine tolle Plattform die auch beim Bezahlvorgang einwandfrei funktioniert, nicht nur dann auch die Lieferung – einzig und allein das STEUERzahlen, da „stinkt“ es ….

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