Dienstag, 28. September 2021
HV/EY-Studie zeigt fundamentale Veränderungen

„Der österreichische Handel nach 15 Monaten Pandemie“

Hintergrund | Stefanie Bruckbauer | 24.06.2021 | |  
„Die Pandemie hat den österreichischen Handel wie ein Vorschlaghammer getroffen“, sagt HV GF Rainer Will. (Bild: Timo Klostermeier/ pixelio.de) „Die Pandemie hat den österreichischen Handel wie ein Vorschlaghammer getroffen“, sagt HV GF Rainer Will. (Bild: Timo Klostermeier/ pixelio.de) Gestern präsentierten der Handelsverband und EY die Ergebnisse der aktuellen Studie „Der österreichische Handel nach 15 Monaten Pandemie". Diese zeigen: Die Folgen der Corona-Pandemie werden auch im laufenden Geschäftsjahr im Handel weiterhin deutliche Spuren hinterlassen. 43% der österreichischen Handelsunternehmen rechnen auch 2021 mit sinkenden Umsätzen. Vor allem kleine Unternehmen seien hier besonders betroffen, sagen Handelsverband und EY.

Die Ergebnisse einer Umfrage des Handelsverbandes und der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY (unter EPU und KMU bis hin zum filialisierten Unternehmen) zeigen: Die Folgen der Corona-Pandemie werden auch im laufenden Geschäftsjahr im Handel weiterhin deutliche Spuren hinterlassen. Für das Jahr 2021 erwarte fast die Hälfte der Handelsunternehmen (43%) sinkende Umsätze von durchschnittlich minus 4%. Besonders betroffen seien hier kleine Unternehmen, bei denen das Minus sogar bei 7% liegen soll.

Wie ein Vorschlaghammer

Nach wie vor sind die wirtschaftlichen Folgen der COVID-19-Pandemie im österreichischen Handel deutlich spürbar. Durchschnittlich verzeichneten die heimischen Handelsunternehmen einen Umsatzeinbruch von 25% im Verlauf der Pandemie. Bei mehr als jedem zweiten Händler (52%) gingen die Umsätze sogar um mehr als 25 Prozentpunkte zurück. Am stärksten betroffen waren jene Geschäftszweige, die wegen der verhängten Lockdowns mit langen Schließungen zu kämpfen hatten. Dazu zählen unter anderem Juweliere, Optiker und Fotoserviceanbieter (minus 39%) aber auch der Großhandel (minus 36%). Insgesamt konnte nur jeder dritte Händler steigende Umsätze verzeichnen (31%).

„Die Pandemie hat den österreichischen Handel wie ein Vorschlaghammer getroffen. Jedes zweite Geschäft musste einen Umsatzrückgang von mehr als 25% bis hin zum Totalausfall verkraften. Die jüngsten Öffnungsschritte machen Hoffnung, doch die Krise ist noch nicht überstanden. Derzeit kämpfen die heimischen Händler um jeden Euro in der Kasse und damit um jeden Konsumenten. Heuer erwartet zwar die Mehrheit der Betriebe leicht steigende Umsätze, immerhin 43% rechnen jedoch mit noch höheren Verlusten als schon im Corona-Jahr 2020„, analysiert Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbandes.

Die Erwartungen der befragten österreichischen Handelsunternehmen hinsichtlich der Kundenfrequenz im Laufe des Jahres 2021 seien hingegen vorsichtig optimistisch: 28% der österreichischen Handelsunternehmen rechnen mit einer leichten Erholung bis 10%, nur jeder Zehnte erwartet eine deutliche Erholung mit mehr als 10% gesteigerter Frequenz. 41% gehen davon aus, dass die Kundenfrequenz auf dem aktuellen Niveau bleiben wird, zwei von zehn Unternehmen (21%) rechnen mit einer Verschlechterung der Kauflaune durch die Wirtschaftskrise. „Insgesamt hat sich die Kundenfrequenz im bisherigen Verlauf der Coronakrise deutlich negativ entwickelt und ging um durchschnittlich -31% zurück“, berichtet Rainer Will.

Online boomt weiter. Regionalität und Nachhaltigkeit auf dem Vormarsch

Die befragten Handelsunternehmen sehen zahlreiche Veränderungen für den Handel bzw. das Konsumverhalten als Folge der Corona-Krise. So rechnen 81% auch nach der Krise vermehrt mit Online-Bestellungen und folglich mit einem Rückgang von Einkäufen in stationären Filialen (48%). Auch der Ruf nach heimischen Produkten und Dienstleistungen wird lauter. Die Hälfte der Unternehmen (52%) sieht hier eine Steigerung der Nachfrage nach Regionalität, 40% erkennen einen stärkeren Fokus auf Nachhaltigkeit.

„Gerade hier können vor allem kleinere Unternehmen punkten. EPU und KMU überzeugen durch Authentizität und spezielles Kundenservice – sie sind nahe an den Konsumenten und dadurch mit Nachhaltigkeitsbestrebungen und Regionalitätsversprechen besonders glaubwürdig. Außerdem können sie in Krisenzeiten oftmals rasch und flexibler agieren, um direkt auf die akuten und aktuellen Wünsche der Kundschaft anzusprechen“, erläutert Martin Unger, Leiter der Strategieberatung EY-Parthenon sowie Verantwortlicher für den Handel & Konsumgütersektor bei EY Österreich.

Knapp die Hälfte der Unternehmen (48%) will die für 2021 geplanten Investitionen auch weiterhin tätigen. 52% der Handelsunternehmen haben dagegen, was Investitionen betrifft, auf die Bremse gedrückt und die Ausgaben gesenkt – um durchschnittlich 27%. „Daher wäre eine Verlängerung der Antragsfrist für die Investitionsprämie sehr wichtig, um hier entgegenzuwirken“, sagt Rainer Will.

Filialportfolio

Die steigende Nachfrage nach Online-Shops und die Umsatzeinbußen im letzten Jahr zeigten in den letzten Monaten auch geringfügige Auswirkungen auf den stationären Handel und mögliche Filialschließungen: Zwar konnten 83% der befragten Unternehmen die Anzahl ihrer Standorte im letzten Jahr halten, aber dennoch mussten bei jedem zehnten Geschäft (13%) die Rollbalken für immer untengelassen bleiben. Besonders stark betroffen war hier der stationäre Einzelhandel (minus 17%).

„Die Krise macht nun sichtbar, was zuvor schon feststand: Die Digitalisierung transformiert den Handel fundamental. Jeder Händler, der nach wie vor auf rein stationäre Vertriebskonzepte setzt, muss dringend an seinem Modell arbeiten. Reine Onlinehändler haben es aber nach wie vor schwer – Hybridkonzepte sind gefragt“, erklärt Nikolaus Köchelhuber, Managing Director bei EY-Parthenon und Experte im Bereich Handel- und Konsumgüter bei EY Österreich.
Mietzins
Um die Kosten vorübergehend zu senken, traten Handelsunternehmen auch mit ihrem Vermieter in Kontakt, um eine Mietzinsminderung anzusuchen – jedoch zumeist ohne großen Erfolg: Nicht einmal jeder fünfte Händler hat eine Mietzinsminderung von mehr als 25% für den Zeitraum des Lockdowns erhalten, bei 38% blieb die Anfrage erfolglos.

Lieferverzögerungen und Lieferantenausfälle bei mehr als drei Viertel der Händler

Die Entwicklungen rund um COVID-19 in den letzten Monaten haben auch ein großes Maß an Planungsunsicherheit in Sachen Lagerstand erzeugt. Fast zwei Drittel der Händler (62%) geben an, sich mit einer Steigerung des Lagerstandes konfrontiert zu sehen, drei Viertel (78%) der befragten Unternehmen haben mit Lieferverzögerungen oder Lieferantenausfällen zu kämpfen. „Corona führt zu massiven Verwerfungen in der Supply Chain. Acht von zehn Händler kämpfen mit Lieferverzögerungen, während gleichzeitig fast zwei Drittel aller Betriebe durch die harten Lockdowns Altwarenbestände aufgebaut haben“, so Will.

Obwohl es wichtig ist, potenzielle Käufer ins Geschäft zu holen oder die Warenkörbe zu vergrößern, möchte mehr als die Hälfte der Unternehmen (59%) auf die Verstärkung von Preis- und Rabattaktionen verzichten, nur jedes zehnte (9%) plant deutliche Vergünstigungen für alle Konsumenten. „Ausgelöst durch die Corona-Krise zeichnet sich ein Wandel im Privatleben, in der Gesundheitsvorsorge, bei sportlichen Betätigungen, im Beruf, in der Ausbildung und natürlich auch beim Konsum ab. Die Kunden kaufen bewusster ein, oftmals weg von Billigpreisen hin zu qualitativ hochwertigen Produkten. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, nicht durch gedrückte Preise, sondern durch Angebotsvielfalt, Service und Qualität herauszustechen“, analysiert Unger.

Krisenbilanz

Im Durchschnitt vergeben die österreichischen Händler 2,9 Sterne (1 Stern = „Überhaupt nicht zufrieden“, 5 Sterne = „Sehr zufrieden“) für Umfang und Ausmaß der Corona-Hilfspakete der Regierung, im Vorjahr wurden nur 2,3 Sterne vergeben – die Zufriedenheit steigt. Dennoch sind nur 8% der befragten Handelsunternehmen mit den Hilfspaketen sehr zufrieden, rund ein Viertel (26%) ist mit den Unterstützungsmaßnahmen zufrieden. Nur jedes dritte Unternehmen (32%) vergibt drei Sterne. Jeder fünfte Händler (21%) bewertet den staatlichen Support mit „nicht genügend“.

Bei den staatlichen Unterstützungsleistungen gibt es drei Favoriten, die bislang knapp die Hälfte der Unternehmen in Anspruch genommen hat: Der Lockdown-Umsatzersatz (56%), der Härtefallfonds (51%) und die Corona-Kurzarbeit (46%). Weitere 44% haben einen Fixkostenzuschuss in Anspruch genommen bzw. beantragt. Zudem hat knapp jeder Vierte um Steuerstundungen (24%) sowie Stundungen von Sozialversicherungsbeiträgen (26%) angesucht. Nur 13% haben bislang die Anträge für Haftungsübernahmen bei Krediten und Zinszuschüssen/Zinsübernahmen ausgefüllt.

Regulative Hausaufgaben

Der Handelsverband hat sich laut eigenen Angaben als erste Organisation in der Corona-Krise für ein Vorziehen der bereits paktierten Steuerreform eingesetzt, um die Kaufkraft der Bevölkerung nachhaltig abzusichern. „Eine signifikante Entlastung des Faktors Arbeit ist aus unserer Sicht alternativlos, um den Wirtschaftsstandort Österreich langfristig abzusichern“, sagt Will. Überdies fordert der Handelsverband die Abschaffung der Mietvertragsgebühr („ein Relikt aus den Zeiten Maria Theresias“) sowie die Schaffung des neuen Aufbaulehrgangs „eCommerce-Fachwirt:in“, um dem akuten Fachkräfte- und Lehrlingsmangel entgegenzuwirken.

Überfällige regulative Hausaufgaben gibt es auch auf dem Gebiet des „digitalen Fairplays“: Um langfristig faire Wettbewerbsbedingungen mit großen Plattformen wie Amazon zu erreichen, müssen diese stärker in die Pflicht genommen werden. Der Handelsverband hat hierzu zwei Ansätze entwickelt, die einerseits den Verbraucherschutz vor Produktfälschungen und andererseits die Teilnahme asiatischer Händler bei Sammel- und Verwertungssystemen betreffen. In beiden Fällen wäre eine Plattformhaftung wichtig, um gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen.

„Nach der Gesundheitskrise gilt es nun, die Wirtschaftskrise mit derselben Entschlossenheit zu bekämpfen. So soll etwa die Einführung einer Plattformhaftung bei Produktfälschungen und bei unvollständiger Bezahlung der Abfallentsorgungsgebühren anfallen, wenn die auf Marktplätzen gelisteten Drittstaaten-Händler nicht direkt in Anspruch genommen werden können. An einer globalen Mindeststeuer von zumindest 15% führt ebenfalls kein Weg mehr vorbei. Wir brauchen diese Regelung so rasch wie möglich, allerspätestens bis Ende des Jahres“, so Handelssprecher Rainer Will.

Stimmen aus dem Handel

Karin Saey, Head of Retail bei Dorotheum: „Der Handel hat sich in der Krise als loyaler Arbeitgeber erwiesen und plant dies auch für die nächsten 12 Monate. Umso wichtiger ist es, die Unternehmen zu unterstützen, motiviertes Personal einstellen und auch halten zu können. Homeoffice ist im direkten Kundenkontakt keine Option, daher sind die Senkung der Lohnnebenkosten und steuerliche Anreize für die Handelsangestellten in Richtung mehr Netto vom Brutto wesentlich, um die Attraktivität des Berufsstands zu heben und einen Ausgleich gegenüber anderen Branchen zu schaffen.“

Harald Gutschi, Sprecher der Geschäftsführung der unito/Otto-Gruppe Österreich: „Wir gehen heuer von einer den Umständen entsprechenden, positiven Umsatzentwicklung der österreichischen Händler über dem Vorjahresniveau aus. Allerdings sind die in der Pandemie gelernten Trends aus Kundensicht unumkehrbar und viele kleine Händler werden sich künftig schwertun. Es wird zu massiven Strukturveränderungen im Handel kommen. Daher braucht es mehr staatliche Unterstützung für KMU-Händler, eine rasche Senkung der Lohnnebenkosten sowie die sofortige Abschaffung der Mietvertragsgebühr.“

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