Mittwoch, 4. August 2021
Zelebrieren als (Über-)Lebenskunst

Einfach mal die Füße hoch!

Wolfgang Schalko | 27.06.2021 | Bilder | |  
(© sassi / pixelio.de) Schon seit einiger Zeit beobachte ich eine Entwicklung, die durch Corona noch beschleunigt bzw. verstärkt wurde: Immer weniger Momente und Gelegenheiten, die es sich eigentlich verdient hätten, werden auch gebührend ausgekostet. Wenn uns der Sinn für Feiern, die Kunst des Zelebrieren abhanden kommt, dann ist das nicht nur schade, sondern – im Sinne fehlender Psychohygiene – auch bedenklich.

Bekanntlich wird in unserem Lebensalltag alles zusehends rasanter, die geforderten Leistungen werden höher – nicht erst seit Ausbruch der Covid-Pandemie. Dabei bleibt, zumindest in meiner Wahrnehmung, u.a. das Auskosten jener Momente auf der Strecke, die man als Erfolge – privat oder beruflich – bezeichnen kann und dementsprechend feiern sollte.

Ein Beispiel aus meinem Berufsalltag: Als ich 2007 zur E&W stieß, schien alles einem wellenförmigen Verlauf zu folgen. Der Arbeitstag in der Redaktion erreichte nach dem vormittäglichen Warmlaufen irgendwann am Nachmittag seinen Höhepunkt, um dann am – meist frühen – Abend in einer gepflegten Partie Tischfußball mit den Kollegen zu enden (ja, damals gab es sogar noch Sportgeräte am Arbeitsplatz). Ähnlich die monatliche Betrachtung, wo alles auf das Fertigstellen der nächsten E&W-Printausgabe ausgerichtet war. Sobald sich das Datenmaterial zur Gänze in der Druckerei befand und end-korrigiert war, waren die Rechner blitzartig heruntergefahren und das ausgelaugte Redaktionsteam wusste beim Anstoßen beim Wirten ums Eck zu neuen Kräften zu finden. Nach ein, zwei (manchmal auch drei) Tagen, in denen man es etwas ruhiger anging und sich wieder ordnen konnte, begann das Hinfiebern auf den „Tag X” erneut.

Mittlerweile sieht das Ganze völlig anders aus – und das keineswegs nur wegen Home Office (und auch nicht nur wegen den drei Kindern, die in meinen heutigen Tagesablauf mit einbezogen werden wollen): Ein ganz „normaler” Arbeitstag endet irgendwann des Nächtens. Nach einer absolvierten Heftabgabe ist nicht Durchschnaufen angesagt, sondern Aufarbeiten all dessen, was in der stressigen Phase des Heft-Finalisierens liegen geblieben ist (diesbezüglich hat sich wenigstens am Stress nichts geändert, aber der dürfte wohl zu den Wesenszügen des Journalismus gehören – während das „Rundherum” ständig mehr zu werden scheint). Dabei hätten es diese Momente heute nicht weniger verdient, ausgekostet zu werden, als damals.

Das ist natürlich nur eine sehr grobe und vereinfachte Darstellung, aber diese soll zeigen, welcher Eindruck in mir in beruflichen wie privaten Gesprächen immer wieder erweckt wird: Die wellenförmige Kurve mit ihren Bergen und Tälern wird zusehends zur Geraden. Und zwar deshalb, weil die Täler verschwinden. Wir leben im „Dauerhoch” – gleichbedeutend mit Dauerstress. Uns umgibt eine Welt der Superlative, in der alles förmlich danach schreit, „best-”, „höchst-” oder „schnellst-” zu sein. Wie soll sich da das Besondere noch abheben?

Dass es auch anders anders geht, und man „es” in manchen Situationen einfach ohne Wenn und Aber machen muss, hat mir folgende Begebenheit sehr einprägsam vor Augen geführt: Ich fand mich in den Räumlichkeiten eines Unternehmens, um die Möglichkeiten einer zukünftigen Zusammenarbeit zu besprechen. Wenn ich mich recht entsinne war’s ein 15-Uhr-Termin, zu dem ich vom Chef empfangen wurde. Der sichtlich gut gelaunte Mann bot mir höflich Kaffee und/oder Kaltgetränk an, um sich im nächsten Moment schnurstracks zum Kühlschrank hinter seinem Schreibtisch zu begeben und mit den Worten „Ich mach mir jetzt ein Bier auf“ ein kühles Blondes entnahm und sich damit wieder zu mir gesellte. Meine Frage, ob es denn etwas zu feiern gäbe (schon ahnend, dass nicht meine bloßes Erscheinen dieses Stimmungshoch ausgelöst haben mochte), quittierte er mit einem breiten Grinsen und erklärte nur knapp, dass er gerade ein richtig dickes Ding an Land gezogen habe – das Jahr sei geschäftlich gesichert, und das nächste quasi auch gleich. Noch immer etwas verdutzt wusste ich in dem Moment nicht, ob mich der gelungene Deal oder der so selbstverständlich erfolgte Griff zum Seiterl mehr erstaunte – heute rangiert für mich hier ganz klar dass Bier vor dem Business. Ob sich das schickt oder überhaupt sein darf, sei dahingestellt – der Mann war mit dem Erreichten zurecht zufrieden und hat den Erfolg auf die ihm angemessen erscheinende Art und Weise genossen.

Wie man das Zelebrieren anlegt, ist letztlich egal – Hauptsache, man tut es überhaupt bzw. versucht es zu tun. Dazu jetzt die gute Nachricht: Die Zeit des Sommerurlaubs naht – und damit die perfekte Gelegenheit für ein paar hedonistische Gehversuche. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen schon jetzt ein paar schöne und erholsame Tage – Handy aus und hochgenießen Sie’s!

Bilder
(© sassi / pixelio.de)

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