Mittwoch, 4. August 2021
Multimedia-Kommentar E&W 7-8/2021

Schönrechnen

Multimedia | Wolfgang Schalko | 11.07.2021 | Bilder | |  

Wolfgang Schalko
Die Bewegtbildnutzung hat hierzulande ein neues Rekordniveau erreicht und liegt laut der aktuellen Bewegtbildstudie 2021 mittlerweile bei fast fünf Stunden (!!) pro Tag. Ich schlafe also im Schnitt nur unwesentlich länger als der Durchschnittsösterreicher fernsieht. Das gibt mir echt zu denken. Mindestens so bemerkenswert wie die Ergebnisse der Studie sind jedoch deren Interpretationen bzw. die Schlüsse, die mancherorts daraus gezogen werden.

Kurz zu den Fakten: Waren es 2020 noch 248 Minuten, so sind es heuer bereits 281 Minuten, die Herr und Frau Österreicher täglich an Bewegtbildern konsumieren – ein Plus von 13%. Addiert man zur aktuellen Zunahme von 33 Minuten noch jene 29 Minuten von 2019 auf 2020, so kommt man auf einen Anstieg des durchschnittlichen täglichen Bewegtbildkonsums von gut einer Stunde (!!) binnen zwei Jahren. Eine Entwicklung, die sich mir trotz des gestiegenen Informations- und Unterhaltungs-Bedürfnisses aufgrund von Corona in keiner Weise erschließen will…

Wenig verwunderlich rangiert das lineare Fernsehen via SAT, Kabel und Terrestrik mit knapp 70% Marktanteil weiterhin klar auf Rang 1 – rechnet man (so wie die Studien-Initiatoren RTR Medien und AGTT) auch noch die Streaming- und On Demand-Angebote der Fernsehsender hinzu, kommt man sogar auf fast 80% für das „klassische” Fernsehen. Dem stehen 18,5% für „alternative Online-Angebote” (YouTube, Netflix, Social Media, etc.) gegenüber – die übrigen 1,8% entfallen auf DVDs. Hier stellt sich für mich jedoch die erste entscheidende Frage: Worin genau – außer in der Relevanz für die Werbezeitenvermarktung – unterscheidet sich das On-Demand-Angebot von RTL, PRO7 & Co. von jenem von YouTube oder Netflix? Oder anders gefragt: Warum betrachtet man Streaming und Abruf-Inhalte da als „Fernsehen” und dort als „Online”? Nimmt man die Gesamtbevölkerung ab 14 Jahren als Basis, ändert die jeweilige Betrachtung das Verhältnis von „Fernsehen zu Rest” von ca. 8:2 auf 7:3 – im Kampf um die TV-Werbeeuros ein nicht gerade zu vernachlässigender Unterschied. So oder so – aus der Perspektive der TV-Branche kann sich das klassische Fernsehen weiterhin erfolgreich gegen die Online-Konkurrenz behaupten.

Noch, muss man hinzufügen bzw. die Frage „Wie lange noch?” stellen. Denn wohin die Reise geht wird spätestens dann deutlich, wenn man die junge Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen genauer unter die Lupe nimmt. Diese konsumiert mit 250 Minuten Bewegtbildinhalte generell nur in unterdurchschnittlichem Ausmaß, und der Anteil des laufenden Fernsehens liegt hier bei gerade einmal 31,9%. Addiert man die Nutzung von Mediatheken & Co. liegen klassisches Fernsehen und alternative Online-Angebote mit jeweils ca. 48% praktisch gleichauf – die TV-Branche gibt sich betont gelassen und verweist darauf, dass die Nutzung alternativer Online-Angebote nur leicht gestiegen ist. Fasst man jedoch die Empfangsarten zusammen, so kommt man zum ernüchternden Ergebnis, dass die junge Zielgruppe bereits zwei Drittel ihres Bewegtbildkonsums mit Online-Inhalten deckt. Angesichts solcher Zahlen fällt es so manchem sichtlich schwer, gefasst nach vorne zu blicken…

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