Dienstag, 28. September 2021
„Lehrlinge sind gefragt wie noch nie“

So denken Österreichs Lehrlinge über ihre Ausbildung

Hintergrund | Stefanie Bruckbauer | 09.09.2021 | |  
Österreichs Lehrlinge stellen ihrer Ausbildung ein „ausgezeichnetes „Zeugnis aus: 80% sind „zufrieden“, 50% davon sogar „sehr zufrieden“. 4% können sich aktuell allerdings weniger mit ihrer Situation anfreunden. Dies geht ua. aus einer market-Umfrage im der Auftrag der WKÖ hervor, die heute präsentiert wurde.

Mag. Mariana Kühnel, M.A., stv. Generalsekretärin Wirtschaftskammer Österreich, Mst. Ing. Renate Scheichelbauer-Schuster, Obfrau der Bundessparte Gewerbe und Handwerk, Mag. Siegfried Menz, Obmann der Bundessparte Industrie, Dr. Rainer Trefelik, Obmann der Bundessparte Handel sowie Dr. David Pfarrhofer, Vorstand des market-Instituts, standen heute Rede und Antwort rund um die Lehrlingsthematik in Österreich.

Aus einer Umfrage, die market im Auftrag der WKÖ im August repräsentativ unter 500 Lehrlingen in Österreich durchgeführt hat, geht hervor: Österreichs Lehrlinge stellen ihrer Ausbildung ein ausgezeichnetes Zeugnis aus: 80 Prozent sind „zufrieden“, 50 Prozent davon sogar „sehr zufrieden“. 4% können sich aktuell weniger mit ihrer Situation anfreunden. 76 Prozent würden sich „jederzeit wieder“ für eine Lehre entscheiden. 81 Prozent sehen sich besser auf das Arbeitsleben vorbereitet als durch die Schule. 77 Prozent haben das Vertrauen, leicht einen Arbeitsplatz zu finden. Und 72 Prozent wissen „gute Verdienstmöglichkeiten“ mit abgeschlossener Lehre zu schätzen.

„Damit bestätigt sich: Die Lehre ist ein hochattraktives, zukunftssicheres und krisenfestes Angebot für junge Menschen in Österreich. Wir werden international zu Recht um unser duales Ausbildungssystem beneidet. Die Zufriedenheit unserer Lehrlinge ist der Beweis“, sagte Mariana Kühnel, stv. Generalsekretärin der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ).

Betriebe suchen Bewerber

Die Obleute der drei lehrlingsstärksten Sparten in der WKÖ – Gewerbe und Handwerk, Handel und Industrie – bestätigten gute Zukunftschancen. Denn viele Betriebe in Österreich würden gerne mehr ausbilden, klagen aber über einen Bewerbermangel. 13.846 offen gemeldeten Lehrlingsstellen stehen aktuell 10.107 Lehrstellensuchende gegenüber. Mehr als 3.700 Ausbildungsplätze sind somit österreichweit unbesetzt. 

„Drei Viertel der Betriebe sehen den Fachkräftemangel als die große Herausforderung der nächsten Jahre. Daher sind Lehrlinge gefragt wie noch nie“, sagte Renate Scheichelbauer-Schuster, Obfrau der Bundessparte Gewerbe und Handwerk: „Das bedeutet ausgezeichnete Karrierechancen für engagierte junge Menschen.“ Im Handwerk etwa umfassen diese den Aufstieg bis zum Meistertitel, der unter Österreichs Bevölkerung höchstes Ansehen genießt.

„Unsere Betriebe bieten nicht nur spannende Berufsfelder, sondern auch äußerst attraktiv Gehälter“, betonte Siegfried Menz, Obmann der Bundessparte Industrie: „Das Durchschnittsverdienst eines Lehrlings der Brau- und Getränketechnik über alle Lehrjahre liegt bei rund 1.550 Euro. Ein Brauerei-Facharbeiter verdient danach rund 3.000 Euro brutto im Monat.“

Wie eine WKÖ-Auswertung zeigt, sind die Lehrlingseinkommen zuletzt kräftig gestiegen. „Im ersten Lehrjahr erhalten Lehrlinge der Metalltechnik um 21 Prozent, in der Tischlerei um 17 Prozent und im Handel um fast 25 Prozent mehr als im Jahr 2017. Somit kann sich ein Lehrling heute deutlich mehr leisten als vor vier Jahren“, so die Studienautoren.

„Der Handel ist ein Beispiel, dass junge Menschen nach ihrem Lehrabschluss rasch gute Führungspositionen bekleiden können“, sagte Rainer Trefelik, Obmann der Bundessparte Handel. „Mit neu entwickelten Berufsbildern wie E-Commerce-Kaufmann/-frau und Sportgerätefachkraft und Zusatzangeboten wie ‚Digitaler Verkauf‘ machen Lehrberufe im Handel zukünftige Fachkräfte fit für die Digitalisierung oder den Multichannel-Verkauf.“

Höhere Berufsbildung rasch umsetzen

Diese Karrierechancen aufzuzeigen ist das Ziel der WKÖ-Kampagne „Lehre stärken #schaffenwir“: Die Storys erfolgreicher Lehrlinge haben fast 5 Mio. Menschen erreicht. Das bildgewaltige Video mit Robert Kratky als prominentem Lehre-Fürsprecher wurde zwei Millionen Mal angesehen.

„Wir müssen neue Zielgruppen für die duale Ausbildung erschließen, damit der Fachkräftemangel das Wachstum der Wirtschaft nicht dauerhaft hemmt“, betont Mariana Kühnel: „Ein wichtiger Baustein sind maßgeschneiderte Angebote für ältere Personen, die sich für eine Lehre interessieren, für Quereinsteiger oder Studien-Umsteiger, wie wir sie zum Beispiel mit der Dualen Akademie anbieten. Wir brauchen aber auch durchgängige Weiterbildungsmöglichkeiten mit offiziell anerkannten Abschlüssen, wie sie die Höhere Berufsbildung vorsieht: Österreich hinkt hier im internationalen Vergleich nach und verzichtet auf viel Potenzial. Wir dürfen über lebensbegleitendes Lernen nicht nur reden, sondern müssen die Basis dafür schaffen.“ Im Jahr 2020 waren bereits 12,2 Prozent der Lehranfänger älter als 18 Jahre, Tendenz stark steigend.

Aktuelle Lehrlingszahlen

Die aktuellen Zahlen für Ende August 2021 zeigen insgesamt 91.830 Lehrlinge in den heimischen Ausbildungsbetrieben – knapp 99.000 Inklusive überbetrieblicher Ausbildung. Das ist ein Minus von 0,5 Prozent Lehrlingen gegenüber dem Vorjahresmonat 2020, aber geringfügig mehr als vor Corona: Im August 2019 zählte Österreich 91.717 Lehrlinge. Bei den Lehranfängern (im ersten Lehrjahr) beträgt das Minus gegenüber August 2020 0,7 Prozent, das sind um 1.244 Lehranfänger weniger.  „Der positive Trend stimmt uns zuversichtlich, das Minus rasch wettzumachen“, sagte Kühnel.

„Try A Skill“ bei EuroSkills2021 in Graz

Groß sei unterdessen die Vorfreude auf 22. bis 26. September, wenn die Berufseuropameisterschaften EuroSkills2021 in Graz gastieren – erstmals in Österreich. Die Spartenobleute appellieren an junge Menschen: „Kommt vorbei: Ihr erlebt einen leidenschaftlichen Wettbewerb, schaut den besten jungen Fachkräften Europas hautnah über die Schulter. Und ihr könnt selbst ausprobieren, welche Berufe für euch interessant sind“, sagen Scheichelbauer-Schuster, Trefelik und Menz.

An 29 Mitmach-Stationen („Try A Skill“) dürfen die Besucher ihr Geschick austesten oder sich mit Material, Werkzeugen und Anforderungen der Berufe vertraut machen. Fazit: „Kommt nach Graz!“

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