Dienstag, 28. September 2021
Editorial E&W 9/2021

Piloten und Passagiere

Hintergrund | Wolfgang Schalko | 12.09.2021 | Bilder | |  

Wolfgang Schalko
Corona. Immer noch. Nach einer kurzen, aber ungemein befreienden Phase, in der wir so etwas wie „Normalität” (er-)leben durften, droht nun also wieder die Miesepetrigkeit Einzug zu halten. Unmut, Unsicherheit und Ungeduld greifen merklich um sich – und die dieser Tage neuerlich angeheizte Debatte um Impfplicht und sonstige Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-Pandemie erregt erst recht die Gemüter. Noch viel schlimmer aber ist, dass dadurch der Trend verstärkt wird, die Welt „zweiteilen” zu wollen: in die Geimpften und die Ungeimpften, die Vernünftigen und Coronaleugner, die Guten und die Bösen, Schwarz und Weiß. Doch so einfach ist es nicht – war es nie und wird es nie sein. Das gilt für die leidige Corona-Situation ebenso wie für praktisch alle Dinge, die uns im Lebens- und Berufsalltag beschäftigen.

Es klingt paradox, aber was die Welt bunt macht, ist das Grau – jene unzähligen Abstufungen zwischen schwarz und weiß, die als Grundlage bzw. als Rahmen für Diskussionen und Gespräche dienen. Schwarz und weiß sind so konträr, wie Positionen nur sein können – alle Schattierungen dazwischen stellen eine Form der Inklusion dar, weil zwangsläufig zumindest Nuancen der jeweils anderen Seite mit eingeflossen sind. Und genau das ist, was es heute braucht: eine inklusive, sich durch Gemeinsamkeit stärkende Haltung. Eine Herangehensweise, die das Verbindende über das Trennende stellt. Den Pragmatismus über den Idealismus. Man kann es getrost auch einfach Kooperationsbereitschaft nennen.

Dass daraus in der Regel tatsächlich entsprechende Kooperationen hervorgehen, liegt in der Natur der Sache. E&W stellt diesbezüglich keine Ausnahme dar: Mit WOW-Effekt-Macher Hannes Katzenbeisser gibt es seit einiger Zeit ebenso eine engere Zusammenarbeit – im Rahmen derer Sie in Zukunft z.B. laufend praktische Verkaufs-Tipps erwarten – wie mit dem Handelsverband, in dessen Namen Geschäftsführer Rainer Will regelmäßig Gastbeiträge zu aktuellen Themen verfasst. Besonders stolz sind wir auf die Premiere, die wir Ihnen in dieser E&W-Ausgabe präsentieren dürfen: Im Zuge unserer intensivierten Zusammenarbeit mit dem Bundesgremium des Elektro- und Einrichtungsfachhandels liefern wir Ihnen ab sofort Ausgabe für Ausgabe (und natürlich auch auf elektro.at) detaillierte Einblicke in die Arbeit der Interessenvertretung. Den Anfang macht eine Vorstellung des Bundesgremiums und des Teams sowie ein Interview mit Obmann Robert Pfarrwaller, in dem er die thematischen Schwerpunkte für die nächsten Monate, zum Teil sogar Jahre, skizziert. Soviel sei an dieser Stelle verraten: Es sind viele und es gibt dicke Bretter zu bohren.

Ein besonders dickes ist jener Themenkomplex, der gemeinhin unter dem Begriff „Level Playing Field” zusammengefasst wird. Gemeint sind damit faire Wettbewerbsbedingungen für alle Marktteilnehmer, im Elektrohandel geht es dabei vor allem um das Beseitigen der Vorteile für die Online-Händler (allen voran die großen internationalen Konzerne wie Amazon & Co.). Nicht von ungefähr liefert diese Thematik auch den Stoff für unsere aktuelle Coverstory, denn mit dem Fall der 22-Euro-Freigrenze bei der Einfuhrumsatzsteuer oder dem initiierten Prozess zur Etablierung einer globalen Mindeststeuer für Konzerne scheinen zumindest erste kleine Schritte in die richtige Richtung gelungen zu sein. Dass es damit bei weitem nicht getan ist, liegt auf der Hand und wird alleine durch die zig Abgaben und Gebühren, mit denen sich der stationäre Fachhandel – teils „exklusiv”– konfrontiert sieht, nur allzu deutlich. Dass es die angestrebte Fairness auf rein gesetzlicher Basis wohl niemals geben kann und und wird, hält unsere Rechtsexpertin RA Dr. Nina Ollinger fest – zu schnell schreitet dafür die Digitalisierung voran, zu oft ändern sich die Rahmenbedingungen. Was aber nicht bedeutet, dass es sich nicht lohnen würde, dafür zu kämpfen – nur eben mit probateren Mittel. Womit wir wieder bei den bereits angesprochenen Kooperationen wären.

Als Teil der Wirtschaftskammer vertritt das Bundesgremium die Interessen des Elektrohandels. Durch die Pflichtmitgliedschaft ist auch jeder Elektrohändler Teil der Wirtschaftskammer. Das kann man mit einem Kopfschütteln quittieren, sich missmutig ins stille Kämmerlein verziehen und dort den paar Euro nachweinen, die das Ganze zwangsweise kostet. Man kann sich aber auch mit den Gegebenheiten arrangieren und versuchen, seine Anliegen zu deponieren und für deren Berücksichtigung zu sorgen. Das verlangt neben den „Mitgliedsbeiträgen” auch ein gewisses Maß an Eigeninitiative – bringt aber dementsprechend mehr. Das soll und muss auch gar nicht davon ablenken, dass die WKÖ in vielen Bereichen Verbesserungsbedarf und einiges an dringend notwendigen Reformprozessen vor sich hat. Aber was wäre die Alternative? Welche Folgen hätte es, die heimischen Unternehmer von der Pflichtmitgliedschaft zu „befreien”? Ich vermute, ein wesentlich weniger geordnetes, vielleicht sogar chaotisches Unternehmertum, in dem sich die Kurzsichtigen die Hände ob der paar eingesparten Euro reiben und die Interessen all jener, die es „ernst” meinen und ihr Geschäft nachhaltig anlegen, kein bzw. zuwenig Gehör finden. Ja, Kooperationen bedingen Kompromisse – aber getroffen auf breiter Basis verleihen sie allen vertretenen Gruppierungen größeres Gewicht. Und das kann der Elektrohandel definitiv gut gebrauchen – nicht nur beim „Level Playing Field”.

Die Digitalisierung ändert Machtverhältnisse und Spielregeln, regional ebenso wie global und da wie dort einschneidend und dauerhaft. Das erfordert ein entsprechendes Verständnis dafür, wie die Welt im digitalen Zeitalter funktioniert – und damit einhergehend, welche Hebel man betätigen muss, um die gewünschten Änderungen zu erreichen. Fest steht: Kopieren und Nachahmen ist „part of the game” – Dinge werden oft nicht neu erfunden, sondern nur neu arrangiert bzw. kombiniert. Die Nase vorn hat meistens nicht der, der‘s am besten macht, sondern der, der am schnellsten agiert. Klingt einfach, bringt in der Praxis aber enorme Herausforderungen mit sich. Manchmal sind wir Piloten, manchmal bloß Passagiere. Nicht immer lässt sich das Eine vom Anderen unterscheiden. Schlussendlich geht es aber ohnehin nur darum, dass das Flugzeug fliegt – und da sitzen wir alle drin.

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