Dienstag, 28. September 2021
„Dramatischer Einbruch bei Quantität und Qualität der Bewerbungen“

HV: „Corona verschärft akuten Personalmangel im Handel“

Hintergrund | Stefanie Bruckbauer | 14.09.2021 | |  
Der Handelsverband warnt: „Die vierte Corona-Welle verschärft den akuten Personalmangel im österreichischen Handel massiv.“ Allein in der Bundeshauptstadt Wien seien zurzeit mehr als 3.200 offene Stellen unbesetzt. In ganz Österreich seien es 20.000. Wie der Verband sagt, seien Quantität & Qualität der Bewerbungen seit 2020 „dramatisch eingebrochen“. Eine Arbeitsmarktreform sei dringend notwendig.

Wir stehen am Anfang der vierten Corona-Welle. Dies verschärfe den akuten Personalmangel im österreichischen Handel massiv, wie Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will die angespannte Situation im Handel beschreibt: „Allein in der Bundeshauptstadt Wien sind zurzeit mehr als 3.200 offene Stellen unbesetzt. In ganz Österreich sind es 20.000, davon ein Viertel im Lebensmittelhandel. Selbst Job Days, Employer Branding Maßnahmen, eine attraktive Bezahlung weit über dem Kollektivvertrag oder zusätzliche Anreize für Beschäftige helfen aktuell wenig, um das Problem in den Griff zu bekommen.“

Beklagt werde auch ein dramatischer Einbruch sowohl was die Zahl als auch die Qualität der Bewerbungen betrifft. Beispielsweise werden vereinbarte Bewerbungsgespräche nicht eingehalten oder kurzfristig abgesagt, selbiges gilt für Schnupper- und Probetage. Auch mit Lehrlingsoffensiven und Job Days, die breit beworben werden, können derzeit kaum neue Arbeitskräfte und Lehrlinge gewonnen werden. Selbst „Bewerbungsschreiben“ mit dem Hinweis, man sei „gezwungen, sich zu bewerben, um weiterhin vom AMS Arbeitslosengeld beziehen zu können“ seien keine Seltenheit mehr.

Rainer Will sagt: „Die rasant steigenden Corona-Infektionszahlen in den Haushalten sowie die geltenden K1-Bestimmungen verschärfen den Personalmangel in der Branche zusätzlich. Viele Handelsbetriebe befürchten im Herbst und Winter breitflächige Personalausfälle in ihren Geschäften – insbesondere in Wien, wo die Infektionszahlen am höchsten sind. Eine Entspannung der Lage ist weit und breit nicht in Sicht und auch ein zeitnah wirkendes Set an Maßnahmen nicht. In der Praxis sind derzeit viele Betriebe mehr mit der An- und Abmeldung von Mitarbeitern beschäftigt als mit dem Kerngeschäft, der optimalen Beratung von Kunden und dem Verkauf von Produkten.

Der HV sagt: „Aktuell sind in Österreich bundesweit rund 285.000 Menschen beim AMS arbeitslos gemeldet, weitere 60.000 Personen nehmen an Schulungen teil. In Wien liegt die Arbeitslosenquote allerdings bei 11,9% und damit deutlich höher als im nationalen Durchschnitt (6,9%). Hinzu kommt: Im Gegensatz zur sinkenden Zahl der Arbeitslosen insgesamt steigt die Zahl der langzeitbeschäftigungslosen Arbeitslosen im Vergleich zum Vorjahr im ganzen Land weiter an. Zurzeit gelten in Österreich 128.319 Personen als langzeitbeschäftigungslos. Damit sind covidbedingt mehr als drei Mal so viele Menschen von Langzeitbeschäftigungslosigkeit betroffen als noch vor zehn Jahren.“

Rainer Will sagt mit Blick Richtung Winter: „Wir brauchen mehr denn je gezielte Maßnahmen, um die 130.000 langzeitarbeitslosen Österreicher aufzufangen. Nicht durch Verschärfungen, sondern durch gezielte Beschäftigungsanreize. Wir müssen die Vermittlung verbessern. Es muss aber auch attraktiver werden, einen Vollzeit- oder Teilzeit-Job anzunehmen. Daher unterstützen wir das von Arbeitsminister Kocher und AMS-Chef Kopf angekündigte Arbeitsmarkt-Reformpaket mit Fokus auf ein degressives Arbeitslosengeld.“

Steuerreform 2022 als kleiner Lichtblick

Die Bundesregierung hat bereits angekündigt, heimische Unternehmen und Arbeitnehmer mit der Steuerreform 2022 stärker zu entlasten. In einem ersten Schritt wurde bekanntlich 2020 der Steuersatz für Einkommen von 11.000 bis 18.000 Euro brutto von 25 auf 20% gesenkt.
In den kommenden beiden Jahren sollen in den nächsten beiden Steuerstufen die Abgaben sinken. Der 35-prozentige Steuertarif soll auf 30% (bis 31.000 Euro Einkommen) und der 42-prozentige Tarif auf 40% (bis 60.000 Euro) gesenkt werden. Die oberen drei Steuerstufen bleiben gleich.

Das österreichische Einkommens- und Lohnsteuersystem sei allerdings nicht nur teurer (für Arbeitgeber und Arbeitnehmer) als in anderen EU-Staaten, es sei auch wesentlich komplexer, wie Rainer Will sagt. „Es gibt Sonderbestimmungen, welche die Unternehmen mehr als zehn Milliarden Euro im Jahr kosten. Sie beeinflussen die effektive Besteuerung und verkomplizieren das System unnötig. Daher fordern wir, der Handelsverband, erneut einen transparenten Lohnzettel, damit die Beschäftigten auf einen Blick sehen, was sie verdienen und was sie wirklich dafür leisten müssen, inklusive der Lohnnebenkosten.“

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