Sonntag, 28. November 2021
Editor's ChoiceAus dem Gremium (Teil 2)

Themen & To-do’s: Bundesgremialobmann Robert Pfarrwaller im Gespräch

Wolfgang Schalko | 17.09.2021 | |  
Seit Robert Pfarrwaller bei der konstituierenden Sitzung des Bundesgremiums des Elektro- und Einrichtungsfachhandels am 9. November 2020 zum neuen Obmann gewählt wurde, hat sich in der Branche nicht nur Corona-bedingt viel getan. Fachkräftemangel, Level Playing Field, Entbürokratisierung, Warenknappheit, Digitalisierung, Energiewende – die Liste der „heißen” Themen ist lang, die Handlungsbereitschaft groß.

 

Robert Pfarrwaller hat die „lehrreiche Phase der Einarbeitung” als Bundesgremialobmann des Elektro- und Einrichtungsfachhandels hinter sich und erste Projekte auf den Weg gebracht. Im Rahmen einer Klausur zu Sommerbeginn wurden jene Schwerpunkte und Themen erarbeitet, die die Arbeit des Bundesgremiums in der laufenden Legislatur maßgeblich bestimmen werden.

Wie stellt sich die aktuelle Situation des Elektrohandels dar – wo liegen die größten Herausforderungen??

Lapidar könnte man sagen: Die größte Herausforderung ist, wie wir den guten Umsatz auf diesem Niveau halten. Im Elektro- wie im Einrichtungsfachhandel hatten wir durch Geldumlenkungen des privaten Konsums – Cocooning, erhöhte Renovierungsrate, etc. – eine insgesamt sehr positive Geschäftsentwicklung. Nun gilt es, durch Werbung und Marketing, Akquirierungsmaßnahmen, neue Technologien u.Ä. die Konsumenten zu mobilisieren und die Umsätze entsprechend zu halten. Durch die Absage der Elektrofachhandelstage ist uns hier leider ein ganz wichtiges Instrumente abhanden gekommen, also müssen wir andere Wege gehen. Beispielsweise werden in Oberösterreich und Wien eigene Videos gemacht, um die Konsumenten zu informieren, aber auch beim Energielabel gibt‘s noch einiges an Informationsarbeit zu leisten.

Damit einhergehend bildet die Frage, wie man mit Lieferengpässen und Preiserhöhungen umgeht, einen wesentlichen Themenkomplex. Wir als Gremium können die Problematik nicht beeinflussen, aber die Händler sehr wohl darauf aufmerksam machen, bei langfristigen Angeboten Sorgfalt walten zu lassen. Bezüglich der Warenverfügbarkeit bleibe ich bei meiner Aussage: Wer einen Geschirrspüler will, der bekommt auch einen – vielleicht nicht die Marke oder Type seiner Wahl, aber niemand wird drei Wochen lang händisch abwaschen müssen. Ich halte das für eine wichtige Botschaft, weil ja gerne verallgemeinert wird, sobald eine bestimmte Marke nicht lieferfähig ist, wäre der ganze Markt nicht lieferfähig – dem ist nicht so!

Ein drittes großes Feld ist der Fachkräftemangel, insbesondere in Hinblick auf Lehrlingsaufkommen und Nachwuchsförderung.

Und dann haben wir noch das große Thema des Level Playing Field, also gleiche Wettbewerbsbedingungen für den stationären Handel und die internationalen Online-Player zu schaffen.

Hier gibt es z.B. mit dem Fall der 22-Euro-Umsatzsteuerfreigrenze ja Ansätze in die richtige Richtung…

Was durchaus auch ein Erfolg des Bundesgremiums gewesen ist, allen voran Wolfgang Krejcik, Manfred Kandelhart und Bianca Dvorak. Allerdings spielt sich die angestrebte Chancengleichheit auf mehreren Ebenen ab: Einmal auf der internationalen, wo man für die international Agierenden über Besteuerungen und Abgaben endlich Rahmenbedingungen schaffen muss, sodass diese ihren angemessenen Beitrag zur Erhaltung der lokalen Infrastruktur leisten – aber da müssen die EU-Kommission oder die Bundesregierung vorangehen. Andere Aspekte können wir hingegen selbst stärker beeinflussen, wie z.B. unsere Mitglieder von der Wichtigkeit des digitalen Marketings zu überzeugen.

Dazu kommt, dass österreichische Händler – stationäre ebenso wie Omnichannel-Player – mit Abgaben bzw. Kosten konfrontiert sind, die mit dem Produkt per se nichts zu tun haben, wie etwa die Künstlersozialversicherung, die Urheberrechtsabgabe, etc. Unser Ziel ist es, den Handel davon zu entlasten, indem man solche Abgaben dorthin bringt, wo sie eigentlich entstehen – nämlich zum Endkunden. Und wenn der stationäre Handel schon solche Kosten tragen muss, gehört sichergestellt dass diese auch der internationale Onlinehandel in gleichem Maße bezahlt. Diesen Themenkomplex haben wir unter dem Begriff „Kultur Flat-Tax” zusammengefasst und auch schon Gespräche mit den relevanten Stakeholdern begonnen.

Seit Ausbruch der Pandemie hatte man oft das Gefühl, es gäbe sonst keine Themen – der Eindruck täuscht, oder?

Das Thema Corona und die damit verbundene Betroffenheit des Handels war und ist extrem wichtig, denn das hat uns intensiv beschäftigt – die Schließungen der Geschäfte, die stufenweise Öffnung, die Regelungen zu Click & Collect, Lieferung etc sowie Kompensationen, finanzielle Maßnahmen uvm. Dazwischen ist auch noch das neue Energielabel ausgerollt worden und bei der Ausgestaltung des Gewährleistungsrechts war das Bundesgremiums ebenfalls involviert. Daneben haben wir versucht, wieder genug Lehrlinge ins System zu bekommen, und die angesprochenen Vorbereitungen für die Kultur Flat Tax getroffen. Besonders intensiv waren – und werden bleiben – die Rahmenbedingungen für den Green Deal bzw. das „Fit for 55”-Paket, die ja gerade verabschiedet bzw. schon umgesetzt werden, etwa im EAG, dem Klimaschutzgesetz oder dem Energieeffizienzgesetz, und die unser Geschäft sehr wohl beeinflussen werden. Und wir haben auch neue Dinge initiiert, wie etwa ein Webinar-Angebot für unsere Lehrlinge.

Einen Eckpfeiler für die zukünftige Arbeit des Bundesgremiums stellt die Klausur vom Juli dar. Welche Prioritäten will man setzen?

BGO Robert Pfarrwaller sieht den Handel mit enormen Herausforderungen konfrontiert – heute wie in Zukunft. Seine Devise lautet daher: „Packen wir‘s an, sonst ändert sich nichts.”

Den Elektro- und den Einrichtungsfachhandel eint der Nachhaltigkeitsgedanke, womit beide Gruppen die Energiewende als großes Thema haben. Das beginnt beim Energieverbrauch der Geräte und reicht bis zur Infrastruktur für E-Autos. Wir versuchen die einzelnen Fragen auf Arbeitsgruppen herunterzubrechen und entsprechende Ideen, Inputs und Lobbymaßnahmen zu finden. Bei diesem Thema – und auch bei allen anderen auf unserer Agenda – wird jedoch nichts ohne Partnerschaften gehen, dh die Vernetzung mit anderen Stakeholdern ist ebenfalls ein wesentliches Element. Die Energiewende beispielsweise funktioniert ohne Industrie und Handwerk nicht, somit ist gemeinschaftliches Denken gefragt. Das gilt auch für den gesamten Themenkomplex Smart Home – Smart Building – Smart Living. Hier geht‘s primär um Standardisierungen und Interfaces, in weiterer Folge dann darum, die Rolle des Elektrofachhandels zu finden – für den eher Smart Living ein Thema sein wird, während Smart Building eher die Elektro-Installation betrifft. Im Sinne der Nachhaltigkeit ist der Reparaturbonus ein Teil des Ganzen, und auch da gibt es Verzahnungen mit der Elektroinnung sowie anderen Stakeholdern.

Ein anderes Thema ist der Fachkräftemangel, wo wir uns als Kammer stärker einbringen müssen und werden – etwa anhand der Frage, ob die Schulformen in der aktuellen Ausprägung noch zeitgemäß sind. Weil es nach der 8. Klasse oftmals einen Aufholbedarf aus den Pflichtschulen gibt, kann das Polytechnikum seine ursprüngliche Rolle – nämlich über mögliche Berufe zu informieren – nicht mehr wahrnehmen und insbesondere kleinere Betriebe tun sich schwer, Versäumnisse in der Elementarpädagogik nachzuholen. Wir haben eine gesellschaftliche Fehlsteuerung dahingehend, dass zuviele versuchen, die Matura zu machen oder zu studieren. Wir brauchen eine bessere Verteilung und müssen eine Imageveränderung bei den Lehrberufen herbeiführen. Außerdem benötigen wir unbedingt Curricula für Umschulungen. Hier müssen wir vieles neu denken und dafür sorgen, dass wir in 5, 10 oder 15 Jahren jene Arbeitskräfte in der Wirtschaft haben, die wir brauchen – daher ist Bildungspolitik auch Wirtschaftspolitik.

Einen weiteren Block bildet die bereits angesprochene Kultur Flat-Tax. Ganz weit oben auf der Prioritätenliste steht außerdem die Entbürokratisierung. Natürlich könnte man dem Handel neben dem Batteriesammeln noch Unzähliges mehr abverlangen, aber man muss sehr aufpassen, dass man diesen Unternehmen – die sich ja einem sehr, sehr intensiven Wettbewerb stellen – nicht zuviel Zeit für Abgaben, Bürokratie u.Ä. aufbürdet. Sonst kommen sie gar nicht mehr zu dem, was sie eigentlich tun wollen – nämlich Geschäft zu machen.

Welche Rolle sollen die Landesgremiem bei all dem spielen?

Das Ganze ist ein Wechselspiel: Wir arbeiten zu den einzelnen Themen auf Bundesebene, die Landesgremien haben entsprechende Aufgaben, diese in ihren Bundesländern und mit ihren Landesregierungen bzw. Stakeholdern zu behandeln. Man denke nur die unterschiedlichen Bauordnungen oder die OIB-Richtlinie.

Wie kann es gelingen, die Mitglieder verstärkt in die Arbeit des Bundes- und der Landesgremien einzubinden?

Als Bundesgremium wollen wir den Kontakt und den Austausch mit den Landesgremien intensivieren, weil diese für uns den primären Anker zur individuellen Mitgliederkommunikation darstellen. Es gibt eine Hol- und eine Bringschuld, und die Nachricht an alle lautet: Wir wissen viel, aber nicht alles – zögert daher nicht, eure Ideen und Impulse einzubringen! Je stärker der Dialog ist, desto stärker sind wir als Interessenvertretung.

Sie haben sich überdies vorgenommen, die Kommunikation sowie die Außenwahrnehmung der Arbeit, die das Bundesgremium leistet, zu verbessern…

Generell gilt: Mach Gutes und sprich darüber – aber nicht inflationär, sondern nur über Relevantes. Wir haben außerdem den Dialog mit dem FEEI, dem FV Elektroinstallationstechnik, der Bundesinnung sowie benachbarten Branchen intensiviert und zB beim Klimaschutzgesetz ein gemeinsames Positionspapier entwickelt. Wir sind also bei den wesentlichen Themen ganz gut abgestimmt.

Nach der „Normalität” im Sommer schwebt ein weiterer Lockdown wie ein Damoklesschwert über dem Handel. Wie steht das Bundesgremium dazu?

Wir sind keine Epidemologen, aber es muss allen Beteiligten klar sein, dass ein Herunterfahren der Wirtschaft bzw. die Schließung des Handels nur die letzte Option sein kann. Das Wichtigste für jeden Unternehmer ist der Schutz seiner Mitarbeiter, gefolgt von Maßnahmen zum Schutz der Kunden – und hier gibt es mit Maskenpflicht, Quadratmeterbeschränkungen & Co. zig Optionen. Zumal wir ja mittlerweile wissen, dass der stationäre Einzelhandel nicht die Quelle der Verbreitung war. Sollte es wider Erwarten doch zu einem Lockdown kommen, muss sichergestellt werden, dass Click & Collect, Lieferung, Montage u.Ä. möglich und die Sortimentsabgrenzung gegeben ist. Natürlich kann man als Unternehmer niemanden zwingen und auch ich bin gegen eine Impfpflicht, aber das schließt nicht aus, Position zu beziehen und die Mitarbeiter zu motivieren sich impfen zu lassen bzw. Schutzvorkehrungen zu treffen. Nur wenn die Mitarbeiter ihren persönlichen Schutz wirklich ernst nehmen, können wir weiter aktiv und erfolgreich Wirtschaft treiben.

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