Montag, 18. Oktober 2021
Österreichisch – Deutsch: Durch die gemeinsame Sprache getrennt

„Erdäpfelsalat bleibt Erdäpfelsalat“

Über den Rand | Stefanie Bruckbauer | 26.09.2021 | Bilder | | 4  

Stefanie Bruckbauer
Eines vorweg: Ich habe nichts gegen unsere deutschen Nachbarn. Wir haben viel gemeinsam. Aber es gibt auch viele Unterschiede – so wie zB die Sprache. Wir sprechen zwar beide Deutsch, die Deutschen sprechen allerdings deutsches Deutsch und wir hier in Österreich sprechen österreichisches Deutsch. Dieses Österreichisch wird immer mehr verdrängt, wie ich finde, und diese Entwicklung gefällt mir gar nicht.

Ein Wort, das sich seit einiger Zeit brutal und fett breit macht in unserer Sprache, ist „lecker“ (mein persönliches Unwort). Es handelt sich (neben „Schorle“) um eines jener deutschen Worte, die ich nicht in den Mund bzw aussprechen mag, da sich alles in mir dagegen wehrt. Es gibt so viele Worte, die man statt „lecker“ verwenden kann: gut, schmackhaft, köstlich, mundend, appetitlich, fein, delikat, … alles Wörter, die sich auch im österreichischen Deutsch finden. Aber doch nicht lecker! Das Traurige ist: Dieses Wort macht sich immer mehr breit. Seinen Ursprung hat es, wie ich glaube, bei der Jugend, die mit RTL-Deutsch im Fernsehen aufwächst. Bei den vielen jungen Leuten, denen man gar nicht mehr anhört, dass sie aus Österreich kommen. Junge Steirer klingen nicht mehr steirisch, junge Kärntner nicht mehr kärntnerisch und junge Tiroler nicht mehr tirolerisch – sie klingen alle einheitlich Deutsch-Deutsch. Die Dialekte, diese unglaublich schöne Sprachvielfalt, die wir hier in unserem Land haben, geht verloren. Wir geben damit einen Teil unserer Identität auf. Mir scheint aber nicht, als würde das irgendjemanden großartig tangieren. Wobei … doch! Ein paar Einzelkämpfer gibt es, so zB den Sprachwissenschaftler Rudolf Muhr, der für den Erhalt der österreichischen Sprache kämpft. Süß fand ich auch eine Aktion des Magazins News im Jahr 2014. Da konnte man „Mundart-Pate“ werden für typisch österreichische Worte – ob Guggaschecken, Kerzerlschlucker, Springinkerl oder Stanniol. Leider gibt es diese Initiative nicht mehr, die URL verläuft im Nirgendwo 🙁

Aber zurück zu den Unterschieden: Es heißt bei uns in Österreich nicht „spucken“ wenn jemand „speibt“. Aber immer öfter höre ich diese blöde Umschreibung. Als wäre es unfein, das Wort „speiben“ zu verwenden (so wie früher viele Leute „hinten“ oder stattdessen „rückwärts“ sagten). „Speiben“ ist ein österreichisches Wort. Auch „spucken“ ist ein österreichisches Wort, bei uns bedeutet es aber Spucke zu verteilen und nicht Erbrochenes. Und „speiben“ ist auch nicht „speien“, denn „speien“ ist dasselbe wie „spucken“. Bei uns in Österreich sagt man „erbrechen“ statt „speiben“ und auch „übergeben“ – aber doch nicht „spucken“!

Und es heißt auch nicht „laufen“ wenn jemand „geht“! Ich hatte in der Schule eine spanische Austauschlehrerin, die in Deutschland Deutsch lernte. Einmal sagte sie zu mir: „Lauf bitte zum Schulwart und hole Kreide.“ Ich tat, wie mir geheißen, und sprintete zum Schulwart. Ziemlich außer Atem kam ich zurück und die Lehrerin meinte nur verwundert, dass es doch keinen Grund zur Eile gegeben hätte. Ich meinte daraufhin, dass sie aber doch gesagt hatte, dass ich „laufen“ soll. Darauf sie: „Ja, aber doch nicht, dass du rennen sollst!“ Seit dieser Begebenheit weiß ich: Österreich und Deutschland sind tatsächlich bis zu einem gewissen Maße durch die gemeinsame Sprache getrennt.

Gravierende Missverständnisse

Typisch österreichische Wendungen können mitunter sogar zu gravierenden Missverständnissen führen, da ihre Bedeutungen nicht immer mit dem Bundesdeutschen übereinstimmen. Wenn ein Österreicher sagt: „Du kannst den Hund ruhig angreifen! Er beißt nicht“, fordert er sein Gegenüber nicht etwa zur Tierquälerei auf, sondern zum Streicheln eines zahmen Tiers. Und sagt ein Österreicher „ich raste gleich aus“, meint er höchstwahrscheinlich nicht, dass er sich in Kürze ausruhen wird. Völlig verwirren kann man einen deutschen Bundesbürger mit der Phrase „das geht sich nicht aus“. Wir hier in Österreich verwenden diesen Satz entweder lokal (das Sofa ist zu breit, das geht sich nicht aus) oder temporal (ob wir noch einen Kaffee trinken? Das geht sich nicht aus) und ich erachte es als eine der praktischsten Formulierungen, die uns hier in der Alpenrepublik zur Verfügung stehen, für die es interessanterweise jedoch kein hochdeutsches Pendant gibt.

Etwas feiner und kleiner sind da schon die grammatikalischen Unterschiede, die zwischen dem Deutschen und dem Österreichischen herrschen. So sagen wir zB „auf Urlaub fahren“ und „in der Arbeit sein“ – bei den Deutschen ist es umgekehrt. Zudem heißt es bei uns: „Ich bin im Bett gelegen“ und nicht „ich habe“. Ziemlich einig sind wir Österreicher uns mit den Deutschen, wenn es um die Zeichensetzung geht. Für die Benennungen der Satzzeichen gilt das allerdings schon wieder nicht: Bei uns in Österreich heißt es „Beistrich“ und nicht unbedingt „Komma“, zudem ist das „Semikolon“ im gesprochenen Österreichisch ein „Strichpunkt“.

Auch Fugenlaute sind so ein grammatikalisches Thema zwischen der österreichischen und der deutschen Sprache. Prominentestes Beispiel ist in diesem Zusammenhang wohl der „Adventkalender“, den wir im Dezember ohne Fugen-S öffnen – im Gegensatz zu den Deutschen, die einen „AdventSkalender“ haben. Und übrigens: Auch der „Schafkäse“ braucht in Österreich kein „s“ in der Mitte. Zudem zahlen wir „Schadenersatz“ und nicht wie die Deutschen „SchadenSersatz“. Andere Fugenlaute benutzen wir im Gegensatz zu unseren Nachbarn hingegen sehr wohl, zB das Fugen-E. So heißt es bei uns „HaltEverbot“ und bei den Deutschen „Haltverbot“.

„Marille“ unter Schutz

Gut zeigt sich die sprachliche Verwirrung auch im kulinarischen Bereich. Wenn Deutsche von einer „Tüte“ oder einer „Aubergine“ sprechen, dann meinen sie damit ein „Sackerl“ bzw. eine „Melanzani“. „Sahne“ ist der „Schlagobers“ und „saure Sahne“ der „Sauerrahm“. Interessantes Detail am Rande (mit dem ich hier und jetzt ein wenig Klugscheißen kann): Als Österreich im Jahr 1995 der EU beitrat, wurden im Beitrittsvertrag, im sogenannten „Protokoll Nr. 10 über die Verwendung spezifisch österreichischer Ausdrücke der deutschen Sprache“, 23 typisch österreichische Bezeichnungen (aus dem Bereich Lebensmittel) unter Schutz gestellt. Diese sind u.a.

  • Beiried (Deutsch: Roastbeef oder Rippenstück)
  • Blaukraut, Rotkraut (Deutsch: Rotkohl)
  • Eierschwammerl (Deutsch: Pfifferling)
  • Eierspeis(e) (Deutsch: Rührei)
  • Erdapfel (Deutsch und Westösterreich: Kartoffel)
  • Faschiertes (Deutsch: Hackfleisch)
  • Karfiol (Deutsch: Blumenkohl)
  • Marille (Deutsch: Aprikose)
  • Fisolen (Deutsch und Westösterreich: grüne Bohnen)
  • Germ (Deutsch und Österreich: Hefe)
  • Kochsalat (Deutsch: Römersalat)
  • Kren (Deutsch: Meerrettich)
  • Kukuruz (Deutsch und Österreich: Mais)
  • Marille (Deutsch: Aprikose)
  • Obers, Rahm (Deutsch: Sahne)
  • Paradeiser (Deutsch und Österreich: Tomate)
  • Rote Rübe (Deutsch: Rote Bete)
  • Semmel (Deutsch: Brötchen)
  • Topfen (Deutsch: Quark)

Übrigens: Auch Wiens früheren Bürgermeister Helmut Zilk beschäftigte damals scheinbar die Angst vor dem drohenden Verlust der österreichischen Sprach-Identität durch einen EU-Beitritt, denn warum sonst hätte er den Slogan „Erdäpfelsalat bleibt Erdäpfelsalat“ auf großflächigen Plakaten affichieren sollen. Und seine Angst war begründet. Das Kaffeehäferl wurde schleichend zum Kaffeebecher, der Kasten schon vor langer Zeit zum Schrank, wir schlafen unter Bettdecken und nicht mehr unter einer Tuchend, wir sitzen immer öfter auf Stühlen statt auf Sesseln, steigen Treppen statt Stiegen, die SupermarktkassA (an der wir immer öfter die in Gramm, statt in Deka gewogene Wurst bezahlen) wurde zur SupermarktkassE, wir essen Johannisbeeren statt Ribiseln, statt dem Christkind kommt immer öfter der Weihnachtsmann und fast jeder glaubt, dass Tschüss ein österreichisches Wort ist.

Verschwindend gering

Österreichisch ist so eine faszinierende, reichhaltige, „bunte“ Sprache, mit ihren eigentümlichen Begriffen und verschiedenen Dialekten: Springinkerl, Guggaschecken, Gschaftlhuber, Busserl, Schwammerl, etc … Wir sollten, nein, wir müssen, uns das unbedingt bewahren. Der Anteil typisch österreichischer Wörter bzw. Bedeutungen in der deutschen Sprache wird übrigens immer weniger, ist jetzt schon verschwindend gering, wie ein Blick ins Internet zeigt. Im Duden werden insgesamt nur mehr 0,4% aller Wörter als österreichisch gekennzeichnet!

Gute Gründe

Apropos Internet: Wenn Sie im Internet nach Unterschieden zwischen deutschem und österreichischem Sprachgebrauch googeln oder generell zu Unterschieden zwischen den zwei Nationen, dann werden sie recht bald auf „Gute Gründe ein Österreicher zu sein“ stoßen. Drei dieser Gründe sind mir im Gedächtnis geblieben: Österreicher können Kaffee, Chance, Chemie, China, Michelin und Colgate richtig aussprechen. Wir gehen in die Schule und nicht bloß zur Schule. Und schließlich können wir „Nein“ sagen, ohne schon beim zweiten Buchstaben zu kapitulieren 🙂

Bilder
(Bild: Andreas Hermsdorf/ pixelio.de)
(Bild: Andreas Hermsdorf/ pixelio.de)
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Kommentare (4)

  1. Danke für den netten Artikel – stimmt alles soweit.. Das Problem ist ja, daß die öffentlich Medienanstalten da mitmachen. Vor allem auch den Zahlen einen weiblichen Artikel vorsetzen !?!? einE vier – ist und war immer ein VIERER:::

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  2. Die Frage ob Christkind oder Weihnachstmann ist sehr schnell erledigt, wenn man fragt, ob man die Geschenke am 24. Dezember abends oder am 25. morgends haben will.
    Die Marmelade wurde im Nachhinein auch noch gerettet, sonst hätten wir bei allen Sorten, außer Orange die Konfitüre (im Englischen: Marmelade = nur Orange, alles andere: Jam).

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  3. Hallo Frau Bruckbauer, mit Ihrem Beitrag zum Sonntags-Newsletter haben Sie mir voll und ganz aus der Seele gesprochen. Wir sollten uns doch bitte alle unsere Muttersprache erhalten.
    Ich wehre mich gegen gendern und verenglischen.
    Auch gibt es bei mir immer noch ein Zigeunerschnitzel, einen Mohrenkopf bzw. einen Negerkuss (Schwedenbombe).
    Auch genieße ich ein Mohren-Bräu aus Vorarlberg.
    In meinen Jahren in Österreich war ich immer bemüht, mich der Sprache und den Besonderheiten anzupassen.
    Ich denke, ich war einer der wenigen österreichischen Deutschen.
    Zum Thema Komma oder Beistrich, etwas zum Schmunzeln für Sie. Es ist schon entscheidend, wo man im folgenden Beispiel das Komma setzt:
    „Komm wir essen Opa“
    Grüße aus Deutschland.
    Bernd Trapp

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