Freitag, 12. August 2022
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Was ist schon normal?

Über den Rand | Stefanie Bruckbauer | 06.03.2022 | Bilder | |  Meinung

Stefanie Bruckbauer
Wir alle wünschen uns, dass die Pandemie bald endet. Doch was kommt danach? Was ist die vielbeschworene sogenannte „neue Normalität“ und überhaupt: Was ist schon normal?

Ich glaube, es gibt kaum einen Menschen auf dieser Welt, der sich nicht wünscht, dass Corona und alles, was damit einhergegangen ist, bald verschwindet, dass die Pandemie so rasch wie möglich für beendet erklärt wird – je früher desto besser. Wie schön der Gedanke, nicht mehr darüber nachdenken zu müssen, mit wem man sich trifft, wo man hingeht und welche Regeln einzuhalten sind. Wie überwältigend die Aussicht darauf, schon bald wieder alle Menschen, die man mag, innig umarmen, drücken und abbusseln zu dürfen. Wie großartig die Vorstellung, nicht mehr permanent kontrollieren zu müssen, ob Maske, Desinfektionsmittel und Impfnachweis bzw. negatives Test-Ergebnis vorhanden sind; nicht mehr kontrolliert zu werden. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich diesen Moment herbeisehne. Doch wie so vieles kann man auch das Ende der Pandemie aus einem anderen Blickwinkel betrachten – das machte mir ein Interviewpartner letztens deutlich.

Die Consumer Electronics-Branche profitierte wie kaum eine andere Branche von Corona. Die Hersteller und Marken (vor allem von großen und kleinen Hausgeräten) fuhren in den letzten zwei Jahren Rekordumsätze ein. „Der größte Feind dieses All Time High in der Elektrobranche ist die Normalität. Es wäre idiotisch zu glauben, dass diese tolle Entwicklung permanent so weitergehen wird. Das Wachstum der letzten zwei Jahre ist einzig darauf zurückzuführen, dass die Leute nicht raus und ihr Geld nirgends ausgeben, sondern nur ins eigene Heim investieren konnten. Wenn die Pandemie für beendet erklärt wird und wir zurückkehren zur Normalität, bedeutet das auch das Aus für den Boom in unserer Branche“, so mein Gesprächspartner.

Also zurück zur Normalität. Aber kann man nach zwei Jahren Pandemie und all dem, was wir erlebt haben in dieser Zeit, einfach so zur Normalität zurückkehren? Nachdem das scheinbar keiner so genau beantworten kann, spricht man vorsichtshalber einfach von der „neuen Normalität“, was genau betrachtet ja eine Normalität wäre, wie wir sie jetzt noch nicht kennen. Aber ist das nicht ein Widerspruch? Ich weiß es nicht. Viel spannender finde ich ja aber auch die Frage, was wir daraus machen bzw. wie wir damit umgehen. Ich sage: Das hängt einzig von uns selbst ab, von unserem Wollen und Können. Erkennen und verstehen wir die Zeit der Pandemie, also die Krise, als Chance und werden wir sie nutzen, um Dinge zu ändern? Oder scheuen wir das Neue und begnügen uns mit dem Rückgriff auf das Langvertraute? Der Sog dieses „Old Normal“ ist ja schon enorm, scheint so einfach und unaufwendig. Eines muss uns allerdings bewusst sein: Vieles, womit wir in der Pandemie zu kämpfen hatten, entspringt direkt dieser alten Normalität …

Unser momentaner Status wirkt irgendwie wie der eines Zwischenraums, der von ganz neuen Möglichkeiten bestimmt ist. Nicht mehr alt und noch nicht neu – also im positiven Sinne unentschieden. Wir haben unsere künftige Normalität noch nicht fixiert. Und das eröffnet uns ganz viele Möglichkeiten. Wir müssen neue Ansätze und Lösungen ausloten und mutig ausprobieren. Die künftige Normalität soll ja nicht bloß das Ende der Krise markieren, sondern sie sollte sich auch als eine bessere Welt erweisen.

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