Samstag, 21. Mai 2022
Editorial E&W 5/2022

Die Zeichen stehen auf Grün

Hintergrund | Wolfgang Schalko | 08.05.2022 | Bilder | |  
Die Begleitumstände sind alles andere als erfreulich und in keiner Weise zu rechtfertigen, aber offenbar war Putins Invasion genau jener Tritt in den Allerwertesten, den es in unseren Breiten gebraucht hat, damit die Bevölkerung aufwacht, die Politik ins Handeln kommt und die Energiewende endlich die benötigte Fahrt aufnimmt.

Der Club of Rome, der vor rund 50 Jahren mit seinem Report „Die Grenzen des Wachstums“ schon einmal aufgerüttelt hatte, legte kürzlich mit dem Papier „Für ein neues Klima! 7 Thesen für einen gesellschaftlichen Wandel.“ nach: Wurde damals festgestellt, dass es auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen für die Menschheit auf Dauer kein unbegrenztes Wachstum geben könne, so lautet die Kernaussage nun, dass der bisher erzielte Bewusstseinswandel nicht ausreiche. „Aus Einsicht allein folgt selten Veränderung“, halten der Präsident der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome, Mojib Latif, und der Vizepräsident Christian Berg, darin fest. Ich persönlich halte es ja für ein ziemliches Armutszeugnis – nicht nur Österreichs, sondern im Grunde aller westlichen Demokratien – dass es erst einer derartigen weltpolitischen Eskalation bedurfte, ehe man sich tatsächlich dazu durchringen konnte, den Ausstieg aus fossilen Energieträgern in Angriff zu nehmen. Bezeichnenderweise zunächst einmal auf dem Papier und dort, wo‘s nicht gleich allzu weh tut. Ich möchte mich hier keineswegs in Schuldzuweisungen oder politischen Diskussionen verstricken, aber immer, wenn wir die Fernsehbilder und Berichte der ukrainischen Kriegsschauplätze sehen, sollten wir uns vor Augen halten, dass wir alle diesen Irrsinn mitfinanzieren. Immer noch.

Um die Dimension zu veranschaulichen: Laut der Österreichischen Energieagentur hat Österreich im Jahr 2021 Gas im Wert von 4,2 Milliarden Euro importiert. 80 Prozent dieser Importe stammen aus Russland. Nur der Form halber: Für Erdöl und Erdölprodukte haben wir 2021 sogar 7,3 Milliarden Euro ausgegeben. Somit liegt auch auf der Hand, dass jegliches Ausstiegsszenario aus der Gasabhängigkeit im Allgemeinen und der von Russland im Speziellen weder billig sein kann noch muss.

Nie war die Devise „Koste es, was es wolle” treffender als im Sinne der Energiewende. Das zeigt alleine der Preis, den wir heute für die Abhängigkeit von russischem Gas zahlen.

In Hinblick auf die weltweiten Entwicklungen liefert die Studie „Global Energy Perspective 2022” der Unternehmensberatung McKinsey bemerkenswerte Informationen. Die zentralen Ergebnisse, in die Daten und Fakten zu Entwicklungen von 55 Industriesektoren und mehr als 70 Energieprodukten und -brennstoffen in 146 Ländern einflossen (allerdings vor Ausbruch des Ukraine-Krieges erhoben), lauten: „Die Energiewende nimmt weltweit immer mehr Fahrt auf. Erneuerbare Energien und Dekarbonisierungstechnologien werden voraussichtlich fast das gesamte Investitionswachstum im Energiesektor ausmachen. Die Nachfrage nach Öl wird bereits um 2025 ihren Höhepunkt erreichen, die Gasnachfrage noch zehn bis 15 Jahre steigen. Die Kosten für Solarenergie haben sich seit 2017 halbiert, für Windenergie sind sie um ein Drittel gesunken. Bereits heute sind 61 % der neu installierten erneuerbaren Kapazitäten preiswerter als die fossilen Alternativen. Auch die Batteriekosten haben sich in den vergangenen vier Jahren nahezu halbiert. Doch trotz der klaren Anzeichen für eine Beschleunigung der Energiewende reicht das Tempo immer noch nicht aus, um das angestrebte 1,5°C-Ziel zu erreichen.” Bis 2050 werde sich die Stromnachfrage voraussichtlich verdreifachen, erneuerbare Energien werden demnach bis 2050 um das Dreifache wachsen und bereits 2030 rund 50 % und 2050 rund 80-90 % der weltweiten Stromerzeugung ausmachen.

Sich in Zahlenspielereien und Prognosen zu verlieren, ist der ganzen Sache allerdings ebenfalls nicht dienlich. Denn was es beim Ausbau der erneuerbaren Energien und dem nachhaltigen Umbau unseres Energiesystems braucht, ist entschlossenes Handeln: mit ambitionierten Zielsetzungen, zweckdienlichen Rahmenbedingungen und umfassender (vielleicht sogar bedingungsloser) Unterstützung. Nie war die Devise „Koste es, was es wolle” treffender als im Sinne der Energiewende. Das zeigt alleine der Preis, den wir heute für die Abhängigkeit von russischem Gas zahlen. Und obwohl die ersten Fördermaßnahmen im Rahmen des EAG gut dotierte Töpfe mitbringen, insbesondere im Bereich der für die Elektrobranche so wichtigen Photovoltaik, so scheint die Erneuerbare damit immer noch unter ihrem Wert geschlagen. Zumal bei der Umsetzung des Investitionszuschusses für PV-Anlagen und Stromspeicher der Teufel gleich mehrfach im Detail schlummert … Hier läge noch einiges an Potenzial, das sich mit sehr einfachen Mitteln heben ließe – die Elektroinnung kämpft bereits für eine entsprechende Novellierung des Rechtsrahmens.

Die aktuelle Debatte um Versorgungssicherheit und Energiepreise gepaart mit der grundsätzlich positiven Einstellung der Bevölkerung und der Wirtschaft zum Erneuerbaren-Ausbau sollten die politischen Entscheidungsträger tunlichst nutzen, um die Energiewende langfristig und mit allen relevanten Facetten auf Schiene zu bringen – vom Netzausbau über Energieeffizienzmaßnahmen bis hin zur Wärme- und Mobilitätswende. Als zumindest zeitweiliger Spielverderber und Bremsklotz erweist sich in dieser Phase einmal mehr die globale Liefersituation, die den Beteiligten etwa bei Hybridwechselrichtern einen ziemlich langen Geduldsfaden abverlangt. Dann kommt das nach wie vor ungelöste – und wohl auch nicht so einfach bzw. schnell zu lösende – Problem des Fachkräftemangels. Die Elektrobranche ist nämlich bei weitem nicht die einzige, die händeringend nach Personal sucht. Je mehr Elektrotechnikbetriebe im PV-Bereich aktiv werden, umso schneller wird sich auch die Situation insgesamt zu entspannen beginnen. Ja, es gibt durchaus knifflige Probleme zu lösen, und nein, die Energiewende wird davon nicht aufzuhalten sein. Die Zeichen stehen auf Grün – höchste Zeit, wo immer möglich auch die Weichen dahin zu stellen.

Wolfgang Schalko
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