Freitag, 19. August 2022
Forschung macht Spaß

Dinge, die keiner wissen will & Probleme, die es vorher nicht gab

Über den Rand | Stefanie Bruckbauer | 22.05.2022 | Bilder | | 1  Meinung
Aussagekräftig, auf Wahrheit geprüft und knochentrocken – so lassen sich viele Studien und Forschungsarbeiten beschreiben. Es geht aber auch anders, nämlich schräg und skurril, und mag sich der wissenschaftliche Wert erst auf den zweiten (oder gar gar keinen) Blick erschließen, so sind einige Studien auf jeden Fall ungewöhnlich und unterhaltsam.

Ich habe in meinem Beruf viel mit Studien zu tun. Immer wieder bekommen wir Erhebungen zugeschickt und oft machen wir redaktionell auch etwas daraus, einfach weil es interessant ist.

Es kommt mitunter aber auch vor, dass Studien durchgeführt und deren Ergebnisse interpretiert werden, deren Sinn sich mir nicht ganz erschließt und die mich zuweilen auch zum Lachen bringen. Letzens stieß ich wieder auf eine solche Untersuchung, diese möchte ich Ihnen nicht vorenthalten, und wenn ich schon dabei bin, erzähle ich Ihnen auch gleich von ein paar anderen „Forschungs-Highlights“.

Android versus IOS

Die amerikanische Jerry Insurance Agency hat herausgefunden, dass Autofahrer, die Smartphones mit Android-Betriebssystem haben, im Verkehr rücksichtsvoller sind als jene, die die konkurrierenden iPhones von Apple nutzen. Ernsthaft! Android-Nutzer liegen in jeder Kategorie, die die Fahrsicherheit betrifft, vorne – bei der Einhaltung der zulässigen Geschwindigkeit, beim Vermeiden von Ablenkungen, beim Abbiegen, Bremsen, Beschleunigen und bei der Aufmerksamkeit.  

Laut den Jerry-Analysten sind Android-Nutzer generell gewissenhafter und ehrlicher als iOS-Nutzer. Auch seien erstere weniger bereit, gegen Regeln zu verstoßen. iPhone-Nutzer würden hingegen ein höheres Maß an Emotionalität zeigen, was bedeute, dass sie in ihrem Verhalten weniger konsistent und vorhersehbar sind. Vielleicht führt das zu schlechteren Ergebnissen bei Beschleunigung, Bremsen und höheren Geschwindigkeiten? Was auch immer. Was mich viel mehr interessiert ist: Was sollen wir mit dieser Information anfangen? Nie wieder mit einem Apple-User ins Auto steigen? Ein Volksbegehren initiieren, dass Apple-User nicht mehr Autofahren dürfen sollen?

Ich traue mich ja wetten: Die Jerry Insurance Agency ist ein amerikanisches Unternehmen und die Amis kommen ja oft auf seltsame Ideen und deswegen könnte ich mir vorstellen, das Apple-User künftig eine höhere Versicherungsrate zahlen müssen, als Android User.

Welches Tier…?

In diesem Zusammenhang fällt mir noch eine zweite (2016 durchgeführte aber erst heuer bekannt gewordene) Studie ein – diese hat Österreich „verbrochen“. Genauer gesagt wurde sie vom rot-weiß-roten Finanzministerium in Auftrag gegeben. Dabei wurde unter anderem der Frage nachgegangen, welche Politiker mit welchem Tier assoziiert werden. Christian Kern (SPÖ) wurde darin unter anderem mit einem Pfau verglichen. Sebastian Kurz (ÖVP) wies demnach zwar ebenfalls die Eigenschaften eines Pfaus auf, aber auch jene eines Eichhörnchens („will hoch hinaus“ und „sieht süß aus“). Hans-Peter Doskozil ist laut der Studie ein Wildschwein. Als Affe wurde Ex-Neos-Chef Matthias Strolz kategorisiert.

Welches Tier fällt IHNEN zu Sebastian Kurz ein?

Auch nach einer Ähnlichkeit mit Autos wurde gefragt. Da wurde die ÖVP schnell zum VW-Käfer sowie generell zum Volkswagen („VW steckt durch Skandale auch in der Krise – gleich wie die ÖVP“). Die SPÖ wurde mit einem Ford, einem Opel sowie mit einem alten VW-Bus („War früher ein tolles Auto, jetzt steht er nur noch rum“) in Verbindung gebracht. Bei der FPÖ waren sich die Befragten scheinbar nicht so einig. Von einem blauen Mini, einem Skoda, Dacia, Golf GTI und einem „billigen Auto, denn sie sind einfach inhaltslos“ war alles dabei. Mehr Einigkeit herrschte bei den Neos. Sie wurden als Puch, „auffällig, am besten in rosa“ beschrieben. Die Grünen wurden – eh klar – mit einem Elektroauto bzw mit einem „alten VW-Bus, wo die Leute mit Rasterlocken und Joint drinnen sitzen“ assoziiert.

Es wäre ja lustig, wenn es nicht so traurig wäre. Diese knapp 100 (!) seitige, unter dem Namen „Sabine Beinschabs Tierstudie“ bekannt gewordene Null-Aussage hat uns nämlich mehr als 150.000 Euro gekostet. Und mit „uns“ meine ich uns Steuerzahler! Dabei war sie ursprünglich mit „eh nur“ 34.000 Euro veranschlagt. Ursprünglich sollte es auch nur eine Studie zur „Wirtschafts- und Budget-Politik“ des Landes werden. Doch irgendwie scheint die Fragerei massiv ausgeufert und das stellte auch die Interne Revision im Finanzministerium fest, die „den sachlichen Zusammenhang zu der ursprünglichen Studie (Anm. zur Wirtschafts- und Budget-Politik) vermisst“.

Pinocchio & Affen aus zerrütteten Verhältnissen

Hoch interessant finde auch folgende Forschungsarbeit: Wie schnell wir einer Person Salz oder Pfeffer über den Tisch reichen, hängt angeblich von der Länge ihrer Nase ab. Einem Menschen mit kurzer Nase geben wir den Salzstreuer schneller als einem Gegenüber mit langer Nase. Das wollen die beiden Forscher Minér Patrick und Léon Le Néz herausgefunden haben. Zu bedenken gibt: Nez ist das französische Wort für „Nase“ – vielleicht ein erster Hinweis darauf, dass hier irgendetwas nicht stimmen kann?

Und wussten Sie, dass Affen mit einem gut funktionierenden sozialen Umfeld deutlich weniger anfällig für Kokain sind, als ihre behaarten Zeitgenossen aus zerrütteten Verhältnissen? Das haben Forscher aus den USA herausgefunden, die das Suchtverhalten von Affen untersuchten.

Tiere sind oft Gegenstand von Forschungen. Der Forscher Diego A. Golombek von der Universität Quilmes in Argentinien fand zum Beispiel heraus, dass Viagra bei Hamstern gegen den Jet-Lag hilft (ich wusste ehrlich gesagt nicht, dass Hamster überhaupt Probleme mit Jet-Lag haben können). Und eine andere Forschungsarbeit belegte, dass Mäuseweibchen Sex von weinenden Männchen wollen. Konkret ist es so: Wenn Mäusemännchen Tränen in den Äuglein haben, löst der darin enthaltene Stoff Pheromon ein Feuerwerk der Lust beim Mäuseweibchen aus. Ich kann das irgendwie verstehen. Ich finde es nämlich auch sexy, wenn Männer Gefühle zeigen. 🙂

An Mäusen wird viel geforscht – das ist bekannt. Dabei wurde ua. auch herausgefunden, dass sich Mäuseriche richtig Mühe geben, um bleibenden Eindruck bei ihren weiblichen Artgenossen zu hinterlassen – zumindest dann, wenn diese Sexualduftstoffe versprühen. Forschungen zufolge singen die Nager den erwählten Damen dann ein Ständchen. Für den Menschen sind diese Oden allerdings nicht hörbar, sie werden nämlich im Ultraschallbereich vorgetragen.

Furzen statt tratschen

Mein Forschungs-Highlight aus dem Tierreich spielt sich unter Wasser ab: Ein rätselhaftes Blubbern von Heringen verwunderte den Meeresforscher Ben Wilson vom Marine Science Center in Bamfield. Er forschte und entdeckte: Sowohl die atlantische wie auch die pazifische Variante des Herings furzt sich die neuesten Neuigkeiten zu. Anders formuliert: Vermutlich unterhalten sich die Fische, indem sie gezielt Luft aus ihrem After perlen lassen. Die Heringe stoßen umso mehr Luft aus, je mehr Fische in ihrer Umgebung schwimmen. Als besonders „gesprächig“ erweisen sich die Tiere in der Nacht und die Töne können bis zu 7,5 Sekunden lang sein. Faszinierend finde ich das.

Auf eine wirklich skurrile Idee kam ein Team von Wissenschaftlern mehrerer australischer Universitäten. Die Sachlage präsentierte sich wie folgt: Kinder verschlucken häufig Dinge, besonders gerne Münzen. In der Regel kommen diese ohne Schaden für Kind und Währung wieder heraus. Doch wie steht es um andere Gegenstände, fragten sich die sechs Forscher, die daraufhin selbst je den Kopf einer Lego-Figur schluckten und prüften, wann dieser sich wieder blicken ließ. In einem Stuhltagebuch erfassten sie Härte, Häufigkeit sowie die Fundzeit mithilfe des sogenannten „Found and Retrieved Time-Scores“.

Die Ergebnisse der Studie (die übrigens im „Journal of Paediatrics and Child Health“ veröffentlicht wurden) zeigten, dass ein Lego-Kopf ohne Komplikationen den Körper im Laufe von einem bis drei Tagen verlässt. Eltern müssten sich also nicht sorgen. Dennoch wird den Eltern davon abgeraten, nach den Spielzeugteilen im Stuhlgang der Kinder zu suchen. Diese seien nämlich ungemein schwer wiederzufinden. So gelang es einem der Wissenschaftler nicht, den Lego-Kopf in seinem Stuhlgang festzustellen. Diesen untersuchte er zwei Wochen lang – ergebnislos.

Hitchbot

Foto: DPA

Oft braucht es für Wissenschaft nicht mehr als einen Kübel, Schwimmnudeln, Kindergummistiefel und einen Tablet-Computer. Daraus bauten kanadische Wissenschaftler „Hitchbot“, einen herzig aussehenden Roboter, der zu Forschungszwecken auf eine Reise durch ganz Deutschland geschickt wurde, um herauszufinden, ob Menschen die Maschine akzeptieren und eine Beziehung zu ihr aufbauen. Autofahrer brachten „Hitchbot“ zum Schloss Neuschwanstein, zum Kölner Rosenmontagsumzug und nach Berlin. Der Zugang zum Reichstag wurde ihm allerdings verwehrt: Er habe weder eine Akkreditierung noch eine Anmeldung vorgelegt, hieß es seitens der Bundestagsverwaltung. Bei einer Reise durch die USA wurde „Hitchbot“ dann schließlich von Unbekannten zerstört.

Wussten sie, dass der durchschnittliche Penis in erigiertem Zustand exakt 13,12 Zentimeter misst? Zu diesem Ergebnis kamen Forscher des Londoner King’s College, die in 17 Studien (!) insgesamt 15.521 (!!) Geschlechtsteile vermessen haben. Die Wissenschaftler wollten damit Ärzten Argumente liefern, die ihre besorgten Patienten davon überzeugen müssen, dass deren bestes Stück normal ist.

Es gibt übrigens einen Preis für kuriose Forschungen – den „Ig-Nobelpreis“. Dieser wird von der Elite-Universität Harvard verliehen. Einmal ging ein Forscherteam aus den USA als Sieger hervor, weil es herausfand, dass fast alle Säugetiere ihre Blase innerhalb von 21 Sekunden leeren – oder bis zu 13 Sekunden schneller oder langsamer.

Es gibt noch unzählige Beispiele für skurrile Studien, wobei ich mich frage, welche Beweggründe manche Forscher haben, um sich mit diesem oder jenem Thema eingehend zu beschäftigen. Was zB dachten sich jene Neurologen der Bonner Universität, die Testpersonen mit „linksdrehenden“ Haaren suchten, um zu klären, ob es einen Zusammenhang zwischen der Wirbelrichtung und der Sprachverarbeitung im Gehirn gibt. Selbst WENN da ein Zusammenhang wäre – was macht man mit dieser Information? (Anm.: Habe versucht herauszufinden, ob meine Haare zur links- oder rechtsdrehenden Gattung zählen. Keine Chance auf Aufklärung. Hängt das nicht vom Betrachtungswinkel ab? Stellte fest: Forschung ist gar nicht so einfach.)

Mein Fazit

Mein Fazit lautet: Die Wissenschaft ist ein unerschöpflicher Quell an Weisheiten und bahnbrechenden Entdeckungen und Erkenntnissen. Manche Forscher dieser Welt finden in ihren Studien und Untersuchungen allerdings auch Dinge heraus, die eigentlich niemand wissen will und sie lösen mitunter Probleme, die es vorher gar nicht gab.

Und noch ein Fazit – ein anderes

Eines fällt mir auf: Das mit den Studien läuft seit einiger Zeit irgendwie aus dem Ruder. Entweder haben zu viele Forscher zu viel Zeit, oder die Zeit hat zu viele Forscher. Wer auch immer was auch immer wann auch immer belegen will, beauftragt eine Universität oder ein Institut und: TaTaaa – die Welt ist um eine Erkenntnis reicher. Geld dafür scheint im Überfluss vorhanden. Und apropos Geld: Immer öfter scheint es, als wollen Unternehmen und Organisationen der öffentlichen Meinung durch eine Studie ein bisschen Richtung geben. Dabei sollte beim kollektiven Hausverstand nach Brexit, Trump & Co. der Alarm losgehen, wenn jemand durch „wissenschaftliche Erhebungen“ etwas behaupten will …

Mein Fazit vom Fazit lautet nun also: Wir wissen immer mehr, aber leider nichts ganz genau, und glauben tun wir sowieso nicht dran 😉

Bilder
Diesen Beitrag teilen

Kommentare (1)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

This site is protected by reCAPTCHA and the Google Privacy Policy and Terms of Service apply.

An einen Freund senden