Donnerstag, 30. Juni 2022
Kommentar: Einfach nur schön

Gedanken, die das Meer schreibt

Über den Rand | Stefanie Bruckbauer | 19.06.2022 | Bilder | |  
Die Aufgabe ist klar definiert: Ich brauche ein Thema für diesen Sonntags-Newsletter. Irgendwie habe ich gerade keinen Kopf dafür, ich bin nämlich auf Urlaub. Am Meer.

Urlaub. Endlich. 9 Tage. Auf einem Segelboot. Wir liegen gerade in einer kroatischen Traumbucht, in der wir für einen kurzen Badestopp angelegt haben. Wolkenloser Himmel, strahlender Sonnenschein, geschätzt 30 Grad Außen- und gemessen 24 Grad Wassertemperatur. Es ist einfach nur schön.

Heute ist der fünfte Tag am Schiff. Das Urlaubsgefühl hat sich bereits nach zwei Tagen eingestellt. Früher als sonst. Das freut mich sehr. Kennen Sie dieses Urlaubsgefühl, wenn der Kopf immer leerer wird? Wenn die Gedanken, die einen sonst Tag für Tag beschäftigen immer mehr in den Hintergrund rücken, nebensächlich werden, fast durchsichtig und nicht mehr wirklich greifbar. Und dann entsteht Raum im Kopf, viel Raum – für Nichts.

Es ist ein wunderbares Gefühl, denn plötzlich fallen einem die vielen Dinge auf, für die man sonst keinen Kopf hat. Dinge, die sonst unbemerkt an einem vorübergehen. So höre ich plötzlich die unzähligen Zikaden. Es müssen hunderte sein, die knapp neben mir, an der Küste musizieren. Mit wenigen Pausen tönt das laute Zirpen und Schnarren aus Bäumen und Sträuchern und obwohl sie so laut und so viele sind, gelingt es mir nicht, die Stellen auszumachen, wo die Tiere sitzen …

Ich überlege: Warum tun sie das? Das Rund-um-die-uhr-Zirpen muss doch Fressfeinde auf sie aufmerksam machen. Kommunizieren sie auf diese Weise miteinander? Fabrizieren sie diese Töne gar nicht absichtlich, sondern entstehen diese, weil sich die Zikaden mit ihren Flügeln Luft zufächern, um sich in den heißen Gegenden, in denen sie zu Hauf leben, abzukühlen? Vielleicht ist es ja auch eine Art Paarungsgesang. Wer am lautesten zirpt, hat die besten Chancen bei den Weibchen? Aber 365 Tage im Jahr? Rund um die Uhr? Dann müssen diese Tierchen ganz schön potent sein. Aber vielleicht macht es ihnen auch einfach nur Spaß laut zu sein und Musik zu machen. Im Moment scheinen mir all diese Theorien plausibel.

Ich lasse die Zikaden Zikaden sein und wende mich anderen Themen zu. Themen, die im Grunde gar nicht wichtig sind, auf die ich aber Lust habe. Einfach so. Da ist zum Beispiel dieser große gelbe wunderschöne Schmetterling, der gerade über unser Deck fliegt und all die bunten Sachen inspiziert, die herumstehen. Glaubt er, dass das Blumen sind bzw Nahrung für ihn? Er fliegt über die Reling hinaus, raus aufs offene Meer. Ich frage mich, ob er weiß, dass da draußen kein Land ist und er in sein Verderben fliegen könnte. Wie viel Kraft hat so ein zarter Schmetterling überhaupt?

Ich schaue aufs Meer hinaus und die Wellen tragen meine Gedanken mit. Endloses Wasser. Unser Boot, das sanft schaukelt. Dieses Gefühl ist einzigartig. Ich liebe es am Meer zu sein. Diese unglaubliche Weite, diese Ruhe, der Übergang vom Meer zum Horizont, die Farben, der Wind, der Duft nach Salz und Sonne auf der Haut, die Sonne im Gesicht … Ich bin nicht sehr gläubig, aber in solchen Momenten denke ich mir schon, dass das alles von jemandem geschaffen worden sein muss. So was Schönes kann kein Zufall sein. Das Meer in seiner Unfassbarkeit, mit seinen unzähligen Bewohnern, vom winzigen Plankton bis zum riesigen Wal. Nicht zu vergessen die bunten Korallen, die hübschen Seepferdchen, die in der Strömung schaukeln, die faszinierenden Oktopusse, die ihre Farbe dem jeweiligen Untergrund anpassen können, die Krebse mit ihrem lustigen Seitwärtsgang, vor allem die Einsiedlerkrebse, die sich doch tatsächlich leere Muschel- und Schneckengehäuse suchen, in die sie „einziehen“ und die sie mit sich herumschleppen, wie eine Schnecke ihr Haus, bis sie ein schöneres „Zuhause“ gefunden haben und „umziehen“. Wer auch immer es war: Es muss unheimlich viel Spaß gemacht haben, sich das alles auszudenken.

Irgendwie hat man am Meer die besseren Gedanken.  Zumindest kommt mir das im Moment so vor. Es ist so schön, den Kopf Mal frei zu haben. Leere. Kein schwirrender Kopf, keine Gedanken, die Karussell fahren. In mir herrscht eine Ruhe, wie selten sonst.

So oft setzen wir uns selbst unter Druck. Unnötig. Immer soll alles perfekt sein, unter Kontrolle. Zuhause, im Job, in der Beziehung. Ständig wollen wir den Erwartungen der anderen entsprechen. Immer muss es rund laufen. Und wir sollen funktionieren wie eine Maschine. Ein Fehler. Denn: Immer nur funktionieren, funktioniert nicht. Jeder Akku muss auch mal wieder aufgeladen werden. Braucht eine Pause.

Dabei müsste dieser ständige Druck gar nicht sein. Im Grunde zwingt uns keiner dazu – außer wir selbst. Die Vielzahl der Aufgaben, das Gefühl der Verantwortung, der heimliche Perfektionismus – all das ist hausgemachter Druck. Natürlich sind Gewissenhaftigkeit, Sorgfalt und Verantwortungsbewusstsein Tugenden. Auch Erfolgseigenschaften. Aber sie können zur Belastung werden, wenn sie in eine Art Endlosschleife führen und wir deshalb den Kopf nicht mehr frei bekommen. Das Gehirn platzt dann aus allen Nähten. Zumindest fühlt es sich so an. Und das kann bis zum kompletten Absturz führen.

Wir sollten unserem Geist viel öfter eine Sendepause gönnen. Abschalten. Und zwar ganz. Der Kopf muss sich richtig leer anfühlen. Dann kann man seine innere Ruhe finden. Sich erholen. Theoretisch ist das keine Raketenwissenschaft. Wir haben es einfach nur verlernt. In unserer hektischen Welt. Loslassen, weniger grübeln, den Dingen und Gedanken ihren Lauf lassen. Manches erledigt sich dann tatsächlich irgendwann von selbst. Und Vieles, das uns Sorgen bereitet, können wir sowieso nicht beeinflussen. Und das, was wir beeinflussen können, darum müssen wir uns ohnehin keine Sorgen machen.

Ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Peter, der weltbeste Skipper, ruft zum Anker lichten. Der Wind frischt auf. Wir setzen die Segel. Ich muss den PC jetzt abdrehen. Wir verlassen die Bucht. Weiter geht’s, an diesem wunderschönen Tag …

Nachtrag

Es hat mir keine Ruhe gelassen. Ich habe gegoogelt, warum Zikaden so laut sind. und falls es Sie auch interessiert, die Antwort lautet: Die Gesänge (bis zu 60 Dezibel laut und über Distanzen von bis zu einem Kilometer hörbar) gehen von den männlichen Singzikaden aus und dienen zwecks Paarung der Anlockung der Weibchen, der Verteidigung des Reviers und der Warnung.

Und noch etwas: Der Schmetterling hat es zurück an Land geschafft. Und das freut mich sehr 😊

 

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